Die Presseschau von Mittwoch, dem 2. Dezember 2020

Die Zeitungen beschäftigen sich mit der Wiederöffnung der „nicht-unentbehrlichen“ Geschäfte. Ein Ansturm auf die Läden blieb aus, was lobend hervorgehoben wird. Einige Blätter hinterfragen aber die Exit-Strategie der Regierung. Und neben der Corona-Impfung sorgt auch noch eine „schlüpfrige“ Geschichte für Schlagzeilen.

Die Wiedereröffnung nicht essentieller Geschäfte in der Brüsseler Rue Neuve (Bild: Virginie Lefour/Belga)

Die Wiedereröffnung nicht essentieller Geschäfte in der Brüsseler Rue Neuve (Bild: Virginie Lefour/Belga)

„Alle Geschäfte sind wieder offen, aber der Ansturm bleibt aus“, titelt Gazet van Antwerpen. „Es war kein Fun-Shopping, unterwegs waren nur Käufer“, schreibt De Morgen auf Seite eins. Am Dienstag durften die sogenannten „nicht unentbehrlichen“ Geschäfte wieder öffnen.

Es gab – abgesehen von kleineren lokalen Ausnahmen – keine Bilder von überfüllten Geschäftsstraßen. Die Behörden ziehen denn auch eine positive erste Bilanz. Der Härtetest wartet aber wohl am kommenden Wochenende. „Bei dieser Wiederöffnung gilt die höchste Beobachtungsstufe“, schreibt Le Soir auf Seite eins.

Am Dienstag hat sich gezeigt, dass der Belgier besser ist als sein Ruf, meint De Morgen in seinem Leitartikel. Die These vom „eigensinnigen Belgier“ muss nuanciert werden. Wer genauer hinschaut, der stellt ohnehin fest, dass die Belgier nicht besser und nicht schlechter sind als andere Europäer. In den Nachbarländern werden exakt die gleichen Diskussionen geführt wie hier.

Natürlich ist Bürgersinn ein zentraler Faktor, doch beruht alles auf Gegenseitigkeit. Die Bürger sind schneller bereit, Einschränkungen zu akzeptieren, wenn sie sehen, dass der Staat auch seinen Teil erfüllt. Im vorliegenden Fall wäre das: Ein effizientes Tracing organisieren, eine Impfstrategie ausarbeiten, eine Exit-Strategie vorstellen. Mit Kommunikationskampagnen, bei denen ein „Nationalgefühl“ beschworen wird, wird das Pferd von hinten aufgezäumt.

Unersättliche Konsumenten und vergessene Seelen

La Libre Belgique ärgert sich offensichtlich über die Bilder und Berichte der letzten Tage. Hier wird so getan, als wären wir nichts anderes als unersättliche Konsumenten, die an nichts anderes denken, als in die Geschäfte zu rennen und dort ihr Erspartes auf den Kopf zu hauen.

Natürlich muss der Mittelstand unterstützt werden. Aber, wo bleibt da die vorweihnachtliche Besinnung? Die Regierungen des Landes scheinen vergessen zu haben, dass wir eben nicht nur Käuferinnen und Käufer sind. Um aus dieser Krise herauszukommen, brauchen wir auch Spiritualität. Doch bleiben in Belgien die Kirchen und die anderen Gotteshäuser weiter geschlossen. Unsere Seelen wurden vergessen.

Notwendige Ausnahmen beim Lockdown

„Hoffentlich widerstehen unsere politisch Verantwortlichen der Versuchung, jetzt die Regeln noch schneller zu lockern“, wünscht sich seinerseits Het Nieuwsblad. Das Jo-Jo des nationalen Corona-Gemütszustandes befindet sich gerade wieder in der aufsteigenden Phase: Die Zahlen sinken, man hat den Eindruck, die Lage sei unter Kontrolle. Und damit steigt von allen Seiten der Druck, weitere Lockerungen vorzunehmen.

Wir müssen aufpassen, dass wir nicht wieder die gleichen Fehler machen. Was nicht heißt, dass man nicht über gewisse Ausnahmen nachdenken muss. Zum Beispiel für Bestattungszeremonien. Das Traueressen, auch „Totenkaffee“ genannt, ist mehr als nur eine gesellige Zusammenkunft, das ist ein wesentlicher Bestandteil des Trauerrituals. Wenn es auch nicht sehr viel Spielraum gibt, für Menschlichkeit sollte er geschaffen werden.

Het Laatste Nieuws sieht das ähnlich. In Flandern haben in den beiden Lockdown-Perioden 25.000 Familien Abschied nehmen müssen von einem geliebten Menschen. Einen Geburtstag kann man nachfeiern, eine Hochzeit oder ein Kommunionfest kann man aufschieben, eine Bestattung nicht.

In diesen Zeiten fühlt sich Trauer noch schlimmer an als das ohnehin schon der Fall ist. Weil man sich nicht in den Arm nehmen, sich nicht um einen Tisch setzen kann. Auf der anderen Seite wollen einige europäische Länder auf Teufel komm‘ heraus ihre Skisaison retten. Man kann nur hoffen, dass die politisch Verantwortlichen nicht nur an die Wirtschaft denken, sondern auch mal da Lockerungen vornehmen, wo man das Leid ein wenig lindern kann.

Gas geben bei der belgischen Impfstrategie

Ein anderes großes Thema, das ist die Corona-Impfung. Plötzlich geht alles sehr schnell: „Die ersten Belgier werden wohl Mitte Januar geimpft“, titelt Het Laatste Nieuws. „Experten empfehlen die Impfung über die Hausärzte“, so derweil die Schlagzeile von Het Belang van Limburg.

Belgien wird in Europa übrigens eine Schlüsselrolle übernehmen; viele Impfstoffe für Europa werden über Belgien eingeführt; darüber hinaus haben große Pharmaunternehmen Produktionsniederlassungen in Belgien. „Belgien im Zentrum der Luftbrücke für den Transport des Impfstoffes „, schreibt La Libre Belgique auf Seite eins.

Jetzt muss die Politik aber auch Gas geben, mahnt sinngemäß Gazet van Antwerpen. In Deutschland oder den Niederlanden liegen schon fertige Impfstrategien auf dem Tisch. Hierzulande weiß man hingegen noch nicht besonders viel über das Timing oder die die genauen Abläufe. Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke beteuert, dass der Prozess in vollem Gang sei. Da kann man nur hoffen, dass alle einen kühlen Kopf bewahren. Wenn man sieht, wie einige Parteien gleich wieder neue Lockerungen in den Raum stellen, dann kann man da manchmal so seine Zweifel haben.

Ungarische Scheinheiligkeit

Für Schlagzeilen sorgt schließlich noch eine „schlüpfrige“ Geschichte. „Europaparlamentarier bei Sexparty erwischt“, schreibt Het Nieuwsblad auf Seite eins. Die Info an sich war ja schon bekannt. Nur weiß man inzwischen auch, wer genau da erwischt wurde; und das macht die Sache richtig explosiv.

„Geständnis“, titelt La Dernière Heure; und zeigt das Foto des ungarischen EU-Abgeordneten Jozsef Szayer. Das ist kein geringerer als ein enger Vertrauter des autoritär regierenden ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orban. Besonders pikant: Bei der Lockdown-Gruppensexparty waren nur Männer anwesend. Die Fidesz-Partei von Orban wettert aber ständig gegen Homosexuelle und will auch die Rechte der Menschen aus der LGBTQ-Gemeinschaft weiter einschränken. Das Fazit von De Standaard: „Die Sexparty bringt die ungarische Scheinheiligkeit ans Licht“…

Roger Pint