Die Presseschau von Freitag, dem 27. November 2020

Nach fast einem Monat Lockdown steht heute ein Konzertierungsausschuss an, der den Kurs für den Rest des Jahres vorgeben soll. Die Zeitungen diskutieren erwartete Lockerungen für Geschäfte und die anstehenden Feiertage. Dabei mahnen sie die Entscheidungsträger zu geschlossenem Handeln. Auch die Volksgesundheit ist heute ein Thema.

Konzertierungsausschuss unter Premier Alexander De Croo (Archivbild: Jasper Jacobs/ Belga)

Konzertierungsausschuss unter Premier Alexander De Croo (Archivbild: Jasper Jacobs/ Belga)

„Geschäfte machen nächste Woche wieder auf“, ist sich Het Nieuwsblad sicher. „Geschäfte können vielleicht nächste Woche wieder öffnen“, heißt es etwas vorsichtiger beim Belang van Limburg. „Warum Einkaufen ok ist, Familienfeste aber nicht“, titelt De Standaard. Die anstehenden Entscheidungen des Konzertierungsausschusses beschäftigen heute auch die Leitartikler.

Lockerungen für Geschäfte?

Können wir in die Geschäfte gehen, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen, aber nicht zur Familie, um sie dort unter den Baum zu legen?, fragt De Tijd. Es gibt Anzeichen dafür, dass es genauso laufen wird.

Auf den ersten Blick erscheint das zwar wahnsinnig. Als ob die Wirtschaft wichtiger sei als das Familienleben. Aber da steckt schon eine Logik hinter. Es gibt kaum Beweise dafür, dass Kontakte in Geschäften die Corona-Zahlen in die Höhe treiben.

Die Öffnung der Geschäfte am 11. Mai hat die Zahlen nicht steigen lassen und genauso wenig hat die Schließung der Läden am zweiten November sie sinken lassen. Natürlich ist Vorsicht geboten.

Die Shoppingstraßen dürfen sich nicht in gesellige Weihnachtsmärkte verwandeln. Es braucht Abstands- und Hygieneregeln. Aber die Supermärkte zeigen ja seit Monaten, dass es dafür gute Konzepte gibt, meine De Tijd.

Auch L’Avenir hält die Wiederöffnung der Geschäfte für unabdingbar. Ansonsten profitieren vor allem Digitalkonzerne wie Amazon und Alibaba.

Und auch in den Grenzregionen der Nachbarländer wird übermäßiger Grenzverkehr zum Shopping angesichts der Corona-Zahlen in Belgien nicht nur positiv gesehen. Nun geht es vor allem darum zu verhindern, dass sich alle Welt gleichzeitig in die Geschäfte und Einkaufszentren stürzt. Hier muss sich zunächst jeder einzelne fragen, ob die Shoppingtour wirklich nötig ist.

Aber weil es unmöglich ist, komplett auf Eigenverantwortung der Menschen zu setzen, werden auch die Ordnungskräfte ihre Rolle spielen müssen, damit die Regeln respektiert werden und zugleich alles rund läuft. Das Wort „Quoten“ wird uns noch eine Weile begleiten. Nur so können wir schrittweise lockern, mit Quoten und Zugangsbeschränkungen in Geschäften, Bars, Kulturzentren und so weiter. Und wohl auch bei den Festtagen zum Jahresende, notiert l’Avenir.

Politische Geschlossenheit zeigen!

Die Geschäfte noch wochenlang geschlossen zu lassen hätte katastrophale soziale und wirtschaftliche Folgen, meint La Libre Belgique. Die Gewerkschaften der Selbstständigen bestätigen: Ohne die erhofften Umsätze vom Dezember müssten über 80 Prozent der kleineren Geschäfte definitiv dicht machen.

Die verlängerte Schließung der Geschäfte hätte zudem einen perversen Effekt: Die Belgier würden so dazu gedrängt, in den Nachbarländern einzukaufen oder im Internet . Dabei muss gerade jetzt mehr denn je lokal eingekauft werden.

Belgien wartet außerdem auf klare Ansagen für die Festtage. Mehrere Nachbarländer haben da schon vorgelegt. Es ist wichtig für die mentale Verfassung der Menschen, zu wissen, worauf sie sich einstellen müssen. Die Entscheidungen des Konzertierungsausschusses heute werden also nicht einfach und es wird mit Sicherheit Spannungen geben, prognostiziert La Libre Belgique.

Le Soir ruft die Politiker des Landes dazu auf, sich jetzt nicht in Lagerkämpfen zu verlieren. Seit Tagen versuchen sich die Parteichefs mit Einwürfen zu den neuen Corona-Regeln zu profilieren.

Dieses Gehabe vor allem mit Blick auf die Öffnung der Geschäfte ist kontraproduktiv. Diejenigen, die da rufen sind ja keine Outsider, die Druck auf die Entscheider machen müssen, um sich Gehör zu verschaffen. Sie sind selbst die Entscheider, mahnt Le Soir.

Mit Blick auf Weihnachten sind keine enormen Lockerungen in Sicht, schreibt Het Nieuwsblad. „Wir werden nicht innerhalb von vier Tagen das zerstören, was wir über Wochen aufgebaut haben“, sagte dazu Premierminister Alexander De Croo. Und leider hat er Recht.

Weihnachten, ein Fest, bei dem es im Wesentlichen um die Nächstenliebe und um Solidarität gehen soll, darf uns nicht eine dritte Corona-Welle bescheren. Diese Botschaft ist für viele eine harte. Da ist es noch wichtiger als sonst, eine einheitliche Botschaft und ein klares Ziel zu vermitteln.

Jetzt, vor und während des Konzertierungsausschusses, ist die Zeit für eine lebhafte Debatte. Aber dann muss auch Schluss sein. Es wird schwierig genug, das zu tun, was getan werden muss. Deshalb muss klar sein, was erlaubt ist. Und es darf nicht wieder sofort in Frage gestellt werden, warnt Het Nieuwsbald.

Ein Viertel der Bevölkerung ist chronisch krank

Das Grenzecho sorgt sich um die Volksgesundheit – und das nicht direkt im Zusammenhang mit der Pandemie. Wie jüngste Zahlen belegen, ist jeder vierte Belgier chronisch krank. Irgendetwas läuft also schief.

Ein Blick auf eine einzige Zahl genügt, um die Wurzel des Übels zu erkennen: Ganze 2,2 Prozent werden in Belgien für die Gesundheitsprävention ausgegeben, knapp 98 Prozent für das Kurieren von Krankheiten. Von Gesundheit ist wenig die Rede, dafür umso mehr von Krankheit.

Wer gehofft hätte, eine Pandemie würde den Fokus stärker auf Themen wie Immunität und gesundes Essen richten, sieht sich getäuscht. Aller Augen sind auf Impfstoffe oder wirksame Medikamente gerichtet. Dabei wäre diese Krise die Gelegenheit gewesen, das Thema Gesundheit in den Fokus zu rücken, beklagt das Grenzecho.

Peter Eßer