Die Presseschau von Donnerstag, dem 15. Oktober 2020

Die Corona-Krise daheim und bei den europäischen Nachbarn dominiert mal wieder die Titelblätter. Die Situation droht immer mehr aus dem Ruder zu laufen, weshalb in den Nachbarländern jetzt härter durchgegriffen wird. In einem Punkt sind sich alle Leitartikler am Donnerstag einig: Auch in Belgien braucht es ein entschlosseneres Durchgreifen.

Erasmus-Krankenhaus in Brüssel (Bild: Kenzo Tribouillard/AFP)

Erasmus-Krankenhaus in Brüssel (Bild: Kenzo Tribouillard/AFP)

„Europa ist mit der zweiten Krankheitswelle konfrontiert“, titelt Le Soir. „Europa setzt alles daran, einen totalen Lockdown zu vermeiden“, schreibt De Standaard auf Seite eins.

Viele europäische Länder verschärfen wieder ihre Corona-Maßnahmen. In den Niederlanden gilt seit Mittwoch ein sogenannter „Semi-Lockdown“. Am Mittwochabend hat auch der französische Staatspräsident Emmanuel Macron wieder einen Gang hochgeschaltet: Es gilt wieder der Notstand.

Für Het Nieuwsblad hat das Signalwirkung: „In die Fußstapfen von Frankreich“, schreibt das Blatt. Denn auch Belgien könnte sehr bald folgen. Am Freitag werden die Regierungen des Landes im Rahmen eines Konzertierungsausschusses über die Lage beraten. „Phase vier könnte in Kraft gesetzt werden“, meint Het Nieuwsblad. Das hieße unter anderem, dass engere Kontakte nur noch mit einer einzigen Person erlaubt wären.

Breite Basis für strengere Maßnahmen

Erwartet werden in jedem Fall Maßnahmen, die für das ganze Land gelten. Dies schlichtweg, weil die Situation letztlich überall besorgniserregend ist. „Dreimal so viele Infektionen wie im April“, konstatiert Gazet van Antwerpen auf ihrer Titelseite.

Anscheinend gäbe es jedenfalls eine breite Basis für eine härtere Gangart: „84% der Bürger wollen strengere Maßnahmen“, so die Aufmachergeschichte von Het Laatste Nieuws. Das zumindest ist das Ergebnis einer Umfrage, die allerdings nur in Flandern durchgeführt wurde.

Wir scheinen ja fast schon um strenge Maßnahmen zu bitten, kann Het Laatste Nieuws nur feststellen. 84% sind dafür. Das hätte wohl kaum jemand erwartet. Es ist gut, dass die politischen Entscheidungsträger das jetzt wissen. Ihre Entscheidung bleibt kompliziert; die Regierungen des Landes werden bei ihrem Konzertierungsausschuss am Freitag ein subtiles Gleichgewicht finden müssen.

Aber immerhin: Offensichtlich gibt es eine breite Basis für strengere Maßnahmen. Die Akzeptanz ist da. Enttäuscht die Bürger nicht!

Wir haben keine Wahl, jetzt muss durchgegriffen werden, meint auch De Standaard. Vergleiche anzustellen mit der Situation im Frühjahr, das ist müßig. Viele Parameter sind einfach zu unterschiedlich. Es reicht, wenn wir uns die jetzige Lage anschauen. Und dann sehen wir eine regelrechte Dampfwalze von neuen Infektionsfällen, die über ganz Europa rollt.

Jetzt muss alles getan werden, um einen erneuten Dammbruch zu verhindern. Wir alle müssen wissen: Die Maßnahmen, die jetzt getroffen werden, das sind die letzten vor einem totalen Lockdown.

Hilfsmaßnahmen gegen das Misstrauen

Und wir alle sind schuld, meint La Dernière Heure. Kollektiv haben wir die Zügel schleifen lassen. Das Ende der ersten Welle fiel zeitlich zusammen mit dem Beginn der Urlaubszeit. Viele von uns haben sich da offensichtlich regelrecht gehen lassen. Das natürlich auch, weil man einfach den Mut verloren hatte. Die Politik hat ihren Teil dazu beigetragen. Vor allem durch die verworrene und widersprüchliche Kommunikation. Jetzt droht uns die kollektive Bestrafung.

Ein neuer Lockdown mitten im grauen Herbst würde nicht nur das Land auf die Knie zwingen, sondern auch eine gewaltige Depression auslösen.  Schon jetzt regiert das Misstrauen, analysiert La Libre Belgique. Es zerfrisst unsere sozialen und wirtschaftlichen Strukturen. Und jegliche Verschärfung von Corona-Maßnahmen ist ein zusätzlicher Sargnagel für das Vertrauen.

Dieses Klima ist schädlich, insbesondere für die Unternehmen. Und tatsächlich: Es gibt zu viele Unwägbarkeiten, was postwendend Sorgen und Ängste auslöst. Die Regierung muss hier gegensteuern. Konkret: Man muss jetzt schon Hilfs- beziehungsweise Überbrückungsmaßnahmen verlängern. So schafft man Perspektiven. Und nur so kann man die Spirale des Misstrauens durchbrechen.

Het Belang van Limburg sieht bei der Handhabung der eigentlichen sanitären Krise noch weiteren Handlungsbedarf. Im Vergleich zum Frühjahr haben wird schon viel gelernt. Allerdings braucht es noch Nachbesserungen bei der Kontaktpersonennachverfolgung. Warum beschränken wir uns nach wie vor darauf, Hochrisikokontakte aufzuspüren?

Viel wichtiger und zielführender wäre es, die Infektionsquelle zu finden. Inzwischen weiß man ja, dass für die meisten Ansteckungen eine kleine Gruppe von sogenannten Superspreadern verantwortlich ist. Diese Menschen muss man suchen und finden. Worauf warten wir noch?

Sensibilisierung, Kontrolle und Bestrafung

Jetzt ist nicht die Zeit für Schuldzuweisungen, meint Le Soir. Ganz Europa färbt sich nach und nach blutrot. Erst brach der spanische Deich, jetzt folgten die Niederlande und Frankreich. Gleiches sieht man auch in Belgien: Erst entgleiste die Situation in Antwerpen, jetzt trifft es vor allem Brüssel und die Wallonie.

Also: Irgendwann kommt jeder an die Reihe. Und wir wissen einfach nicht genug, um mit dem Finger auf den einen oder anderen zu zeigen. Wir werden diesen Kampf nicht gewinnen, indem wir vermeintlich Schuldige an den Pranger stellen. Es geht nur, wenn wir uns alle an die Regeln halten.

Het Nieuwsblad sieht das genauso. Muss man hier wieder ein typisch Brüsseler Problem sehen? Nein! Wer sich ein bisschen umschaut, der muss schnell erkennen, dass es überall im Land Nachlässigkeiten gibt. Auch in flämischen Bussen und Straßenbahnen sieht man immer weniger Masken. Und noch eine Parallele: Auch hier wird nicht kontrolliert.

Und das ist der Punkt: Mit Bürgersinn allein werden wir das Ruder nicht mehr rumreißen. Strengere Maßnahmen allein werden nicht reichen. Es braucht ein Minimum an Sensibilisierung, Kontrolle und in letzter Instanz auch Bestrafung. Wenn Verstöße gegen die Regeln nicht geahndet werden, dann werden nämlich auch diejenigen entmutigt, die sich noch an die Regeln halten. „Schluss mit lustig“, hat die neue Regierung als Parole ausgegeben. Jetzt müssen da auch Taten folgen.

Roger Pint