Die Presseschau von Donnerstag, dem 8. Oktober 2020

Heute dreht sich alles um die neuen Corona-Maßnahmen, die seit heute in Brüssel gelten. "Das kommt zu spät", giften da gleich einige Zeitungen. Am sichtbarsten ist die Schließung der Kneipen und Cafés. Diese Entscheidung wird auch von vielen Leitartiklern kritisiert, zumal der Nutzen dieser Maßnahme unklar ist. Und so etwas untergrabe das Vertrauen.

Horeca (Illustrationsbild: Kurt Desplenter/Belga)

Illustrationsbild: Kurt Desplenter/Belga

„In Brüssel ist die Party vorbei“, titelt Le Soir. „Brüssel greift hart durch: Alle Kneipen dicht“, schreibt das GrenzEcho auf Seite eins. „Ein Monat ohne Bars und Cafés“, bedauert La Dernière Heure.

In Brüssel gelten schon ab heute verschärfte Corona-Maßnahmen. Erst gestern hatten sich Vertreter der Regionalregierung und der 19 Gemeinden darauf verständigt, einen Gang höher zu schalten. Die Corona-Zahlen sind inzwischen katastrophal: Brüssel liegt in der Rangliste der europäischen Hauptstädte mit den höchsten Infektionszahlen auf Platz 2, hinter Madrid.

„Doch wieder müssen die Brüsseler Bars die Zeche zahlen“, beklagt L’Echo auf Seite eins. Sichtbarste Maßnahme ist ja tatsächlich, dass alle Ausschankbetriebe für einen Monat schließen müssen. „Nur Cafés zu schließen, das wird nicht reichen“, warnen aber schon Experten auf Seite eins von De Morgen.

Brüssel – Ein „sträfliches Versäumnis“

„Was wir hier sehen, das ist die klassische Flucht nach vorn“, kritisiert La Dernière Heure in ihrem Leitartikel. Dass die Situation in Brüssel früher oder später entgleisen würde, das war längst absehbar. Als der Antwerpener Bürgermeister Bart De Wever vor einigen Wochen erklärte, dass er sich Sorgen um Brüssel mache, da war er noch von den Hauptstadt-Politikern in die Schranken gewiesen worden.

Jetzt ist Brüssel die am schlimmsten getroffene Region des Landes. Und wer muss es ausbaden? Die Kneipen und Cafés. Dabei ist nicht einmal bewiesen, dass die Schließung der Ausschankbetriebe wirklich effizient ist im Kampf gegen die Epidemie.

Gazet van Antwerpen schlägt in dieselbe Kerbe. Es gibt sture Politiker, sehr sture Politiker und dann gibt es noch Brüsseler Politiker. Schon seit dem Sommer hat sich genau diese Katastrophe abgezeichnet. Reagiert wird aber erst, wenn man auf Platz zwei der Hitparade der Hauptstädte mit den höchsten Infektionszahlen geklettert ist.

Die Mahnungen von Virologen wurden als Panikmache in den Wind geschlagen. Es ist absolut nicht nachvollziehbar, dass in Brüssel – trotz aller Warnungen und Vorzeichen – die Situation derartig entgleisen konnte. Das kann man nur noch als sträfliches Versäumnis betrachten. Denn: Hätte man früher eingegriffen, dann hätte man die Kneipen und Cafés vielleicht nicht schließen müssen. Viele Horeca-Betriebe werden diesen zweiten Lockdown wohl nicht überleben.

Eine Metropole ist nicht die Provinz

Die Schwesterzeitung Het Nieuwsblad sieht das deutlich nuancierter. Klar, auf den ersten Blick kommen die Maßnahmen reichlich spät. Natürlich kann man den Eindruck haben, dass die Brüsseler Verantwortlichen viel zu lange den Kopf in den Sand gesteckt haben. Aber es ist manchmal auch zu einfach, aus den Vororten auf jede größere Stadt zu schießen.

In Metropolen sieht die Realität oftmals ganz anders aus als in der Provinz. Konkret: Sich vor dem Virus zu schützen ist wesentlich einfacher, wenn man dafür den nötigen Platz hat: Etwa einen Garten, vielleicht sogar mit Swimmingpool.

Ganz anders sieht das aus, wenn man mit vier Generationen in einem kleinen Appartement lebt. Wir sehen hier kein typisches Brüssel-Problem, dieses Phänomen kann man weltweit beobachten: Die Schwächsten werden am schlimmsten getroffen. Hier geht es letztlich auch um die viel zitierte Schere zwischen Arm und Reich.

Auch Le Soir verweist auf die besondere Situation insbesondere von Hauptstädten. In den Metropolen konzentriert sich naturgemäß ein Großteil der Aktivität: Hier leben die meisten Menschen, hierhin zieht es Pendler, Besucher und Touristen. Wir sollten es jetzt jedenfalls tunlichst vermeiden, uns gegenseitig Vorwürfe zu machen.

In Flandern wird ja schon wieder ein „Brüsseler Problem“ herbeigeredet. Die Brüsseler machen ihrerseits den letzten Nationalen Sicherheitsrat für die derzeitige Lage verantwortlich, bei dem ja einige Lockerungen beschlossen worden waren. Das muss aufhören! Es ist von wesentlicher Bedeutung, dass die belgischen Behörden jetzt alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Anderenfalls droht uns ein schrecklicher Teufelskreis.

Mit jedem Streit werden die Behörden unglaubwürdiger. Die Folge ist, dass die Menschen die Regeln immer weniger befolgen und das wird dann zwangsläufig zu neuen Verschärfungen führen. Eine selbstmörderische Spirale.

Aber, mal ehrlich: Das Ganze ist auch wirklich eine Mammut-Aufgabe, räumt De Standaard ein. Die Krise mit all ihren Facette ist so gigantisch, dass es äußerst schwierig ist, die richtigen Gleichgewichte zu finden.

Wir müssen mit allen Mitteln dafür sorgen, dass die Schulen offen bleiben können und die Wirtschaft weiter dreht. Und das in einer Lage, in der jeder müde ist. Hier ist vieles leichter gesagt als getan.

Offene Fragen untergraben das Vertrauen

Manchmal muss man sich aber doch Fragen stellen dürfen, wirft De Morgen ein. Erstmal ist es wirklich schwer nachvollziehbar, dass der letzte Nationale Sicherheitsrat Ende September die Schrauben gelockert hat, wenn doch damals schon einige Warnlampen leuchteten.

Und jetzt konzentrieren sich die Maßnahmen im Wesentlichen auf die Kneipen und Bars. Die sollen „Brutstätten des Virus“ sein. Nur: Ist das wirklich so? Eine wissenschaftlich fundierte Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Diese Feststellung muss in den Ohren der Kneipenwirte wie der blanke Hohn klingen.

Wenn Bars und Cafés wirklich so gefährlich sind: Warum werden die Kundenlisten, die die Betreiber seit Wochen führen müssen so gut wie nie von Kontakt-Tracern zur Einsicht eingefordert? Fazit: Nach mehr als einem halben Jahr sind wir immer noch nicht dazu imstande, gezielt und lokal Infektionsherde effizient zu bekämpfen, so De Morgen.

Die wichtigste Maßnahme für eine jede Regierung muss sein, das Vertrauen wiederherzustellen, ist denn auch Het Belang van Limburg überzeugt. Viel zu viele Menschen üben inzwischen Fundamentalkritik, zweifeln am Nutzen der Maßnahmen. Das Ganze wird dann noch befeuert durch Fake News.

Mit dem Resultat, dass sich anscheinend schon 20 Prozent der Menschen nicht impfen lassen wollen. Diese Menschen gilt es zurückzugewinnen. Und das geht nicht, wenn sich etwa herausstellt, dass wir nach sieben Monaten immer noch nicht wissen bzw. wissenschaftlich nachweisen können, welche Rolle Kneipen oder Cafés bei der Verbreitung des Virus spielen.

Wenn die Behörden wollen, dass die Regeln befolgt werden, dann müssen sie eben diese Regeln künftig vernünftig untermauern können. Denn im Moment wirkt es immer noch so, als werde da ein feuchter Finger in den Wind gehalten.

Roger Pint