Die Presseschau von Dienstag, dem 28. Juli 2020

Die erneut verschärften Corona-Beschränkungen sind heute das Topthema der Zeitungen. Die Leitartikler begrüßen die neuen Regeln grundsätzlich. Am allgemeinen Vorgehen der Politik in der Pandemie gibt es aber auch viel Kritik.

Premier Sophie Wilmès (Bild: Dirk Waem/Pool/Belga)

Premier Sophie Wilmès (Bild: Dirk Waem/Pool/Belga)

„Ein Hauch von erneutem Lockdown“, titelt heute Le Soir. „Belgien entscheidet sich für strengste Corona-Strategie in Europa“, meint De Tijd. „Der Nationale Sicherheitsrat opfert den August, um den Schulbeginn zu retten“, so die Analyse von La Libre Belgique.

Die gestern beschlossenen Verschärfungen der Corona-Regeln sind heute das Topthema der Zeitungen. Prinzipiell begrüßen die Leitartikler besonders die Verkleinerung der so genannten Kontaktblase. Nur noch mit fünf Menschen außerhalb unseres Haushalts dürfen wir in den nächsten vier Wochen engeren Kontakt haben. Das ist sicherlich eine bedeutende Einschränkung – ob für Familien, für Veranstalter oder den Sport, schreibt Le Soir. Aber sie bleibt akzeptabel im Vergleich zum Frühling, als wir alle in unseren eigenen vier Wänden eingesperrt waren. Die Maßnahme sendet vor allem ein klares Signal an alle, die sich bisher nicht an die Regel gehalten haben: Die Party ist vorbei. Das ist der Preis, den wir zahlen müssen, um einen weiteren Lockdown zu verhindern, glaubt Le Soir.

Auch gute Nachrichten

An sich verdienen die Politiker und Experten Lob, meint Het Laatste Nieuws. Ohne alles abzuschotten, haben sie sich für die wirksamsten Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus entschieden. Und lassen Sie uns nicht übertreiben; die Grundregeln sind nicht so komplex. Jede Familie darf in den nächsten vier Wochen maximal fünf Stammgäste zu sich einladen. Ausflüge, Spaziergänge usw. sind unter Beachtung der Regeln der sozialen Distanz auch weiterhin möglich. Und daran ist nichts Beliebiges. Die aktuelle Welle der Pandemie ereignet sich vor allem dort, wo Menschen – und oft sind es Familien und Freundesgruppen – längere Zeit zusammenkommen. Das ist ärgerlich, denn natürlich schätzen wir Familienfeiern, Hochzeiten etc. besonders. Aber es gibt auch gute Nachrichten. Die Experten verstehen immer besser, welche Aktivitäten ein geringeres Risiko bieten. Ein Glas Rosé auf einer sonnigen Terrasse ist unter Beachtung der Abstandsregeln kein Problem. Auch gab es relativ wenige Infektionen am Arbeitsplatz, unterstreicht Het Laatste Nieuws.

Die Verschärfung der Regeln ist nötig, meint auch Het Nieuwsblad. Die Frage ist, ob diese auch von den Bürgern akzeptiert werden. Denn die bekommen ja immer den Schwarzen Peter zugeschoben. Es ist sicherlich richtig, dass die derzeitige Ansteckungswelle auch schuld der Nachlässigkeit der Bürger ist. Aber das größte Problem ist immer noch die Nachlässigkeit der Behörden in diesem Land. Insgesamt ist es ein kollektives Versagen und wir müssen zusammen dafür zahlen. Eine andere Möglichkeit, als jetzt gemeinsam die Regeln zu befolgen, haben wir nicht, stellt Het Nieuwsblad fest.

Kollektive Anstrengung nötig

Ähnlich sieht das La Libre Belgique. Wann ist endlich Schluss mit Corona? Nicht bevor ein Impfstoff gefunden ist, also bestenfalls im nächsten Jahr. Diese neuen Regeln machen unser Leben komplizierter und schränken unsere geliebten Freiheiten ein. Aber wir haben keine Wahl, als die Anweisungen zu befolgen, in Erwartung geeigneter medizinischer Antworten. Es geht nicht darum, in eine Psychose zu verfallen, sondern die Gefahr richtig einzuschätzen. Dafür braucht es eine enorme kollektive Anstrengung, die Summe unserer individuellen Bemühungen, appelliert La Libre Belgique.

Wie schaffen wir es zu vermeiden, dass wir uns jetzt jahrelang von einer Ansteckungswelle zur nächsten kämpfen, fragt De Morgen. Von der ersten Corona-Welle wurde Belgien, wie auch ein großer Teil Europas aufgrund mangelnder Erfahrung mit Pandemien überrollt. Auch bei der zweiten Welle sind wir noch überrascht, weil Frühwarnsysteme, Kontaktnachverfolgung etc. immer noch nicht funktionieren.

Sorglosigkeit nicht der richtige Weg

Die Hauptfrage für alle Regierungen muss jetzt lauten: Wie gehen wir mit der dritten Welle um? Denn die Risiken sind real. Menschen kommen aus den Ferien zurück, Jugendliche gehen wieder zur Schule usw. Bisher hat der Staat in vielerlei Hinsicht versagt. Belgien ist ein reicher Wohlfahrtstaat. Die Bürger haben die Pflicht, sich verantwortungsbewusst zu verhalten. Aber sie haben auch das Recht, mit Ehrgeiz regiert zu werden, fordert De Morgen.

Auch De Standaard übt bei allem Lob für die beschlossenen Regeln Kritik an der Politik. Es ist bezeichnend, dass gestern noch ein weiterer Nationaler Sicherheitsrat tagen musste, nachdem es erst am Donnerstag eine Sitzung und strengere Regeln gegeben hatte. Hätten die Politiker früher den Rat befolgt, Verhaltensforscher in die Debatte einzubeziehen, wäre ihnen viel Elend erspart geblieben. Dann hätten sie bereits im Mai oder Juni gewusst, dass ein schneller Abbau der Einschränkungen für die sich nach dem Sommer sehnende Bevölkerung nicht der richtige Weg ist. Denn dadurch ist Sorglosigkeit entstanden. Die Geisteswissenschaftler lehren uns, dass die Verkleinerung der Kontaktblase tatsächlich helfen kann, das Ruder herumzureißen. Selbst wenn die Regeln unmöglich zu kontrollieren und deshalb schwer durchzusetzen sind, notiert De Standaard.

Peter Eßer