Die Presseschau von Dienstag, dem 12. Mai 2020

Viele Zeitungen ziehen heute eine erste Bilanz, nachdem gestern die Geschäfte wieder öffnen durften. Und das Fazit fällt allgemein positiv aus. Wobei einige Blätter glauben, dass sich gestern auch nochmal die Gräben innerhalb unserer Gesellschaft gezeigt haben. Für Besorgnis sorgt derweil das Schicksal der Fluggesellschaft Brussels Airlines.

Wiedereröffnung der Geschäfte nach dem Lockdown

Illustrationsbild: Benoit Doppagne, Belga

„Es war nicht der Ansturm auf die Geschäfte“, titelt L’Avenir. „Die Wiedereröffnung der Geschäfte ist sanft verlaufen“, stellt L’Echo auf seiner Titelseite fest. „Der Sturmlauf auf die Geschäfte bleibt aus“, schreibt De Morgen auf Seite eins.

All diese Schlagzeilen scheinen aber nicht ganz zu den Fotos zu passen, die Het Laatste Nieuws auf seiner Titelseite abdruckt: Man sieht lange Warteschlangen vor einigen Geschäften. Die Zeitung hat nachgemessen: „400 Meter vor dem Ikea in Zaventem, 70 Meter vor dem Mediamarkt in Brüssel, 30 Meter vor Zara in Antwerpen“.

„Einkauf mit Geduld und Maske“, schreibt denn auch das GrenzEcho. Dennoch: Lange Warteschlangen, das waren eigentlich die Ausnahme. „Die wahre Herausforderung, das wird der Samstag sein“, schreibt Le Soir.

Die Corona-Krise räumt mit Vorurteilen auf

Es war wie die Rückkehr ins Leben, freut sich La Dernière Heure in ihrem Leitartikel. Hätten wir nur auf die Experten gehört, dann hätten wir gestern immer noch drinnen sitzen müssen. Die langen Warteschlangen vor einigen Geschäften waren aber der schlagende Beweis dafür, dass die Menschen das nötig hatten, dass viele diese Maßnahmen, die gegen die menschliche Natur sind, kaum noch ertragen konnten. Es ist kein Zufall, dass die schlimmste Strafe in unserem Rechtssystem der Freiheitsentzug ist.

Wir haben keinen Sturmlauf erlebt, kann Het Nieuwsblad nur feststellen. Und damit werden dann auch gleich mal ein paar Klischees infrage gestellt. Der Belgier – und das gilt für Flamen wie Wallonen gleichermaßen -, der Belgier ist also doch nicht so eigensinnig und schräg, wie allgemein befürchtet worden war.

Was wir gestern gesehen haben, das war nicht der Anarcho-Belgier, von dem man sagt: „Gib ihm den kleinen Finger und er nimmt sich den ganzen Arm, und einen Teil der Schulter noch dazu“. Viele von uns haben in den letzten Tagen und Wochen nicht mal im Ansatz ein solches Verhalten an den Tag gelegt. Diese Krise hat also auch mal mit Vorurteilen aufgeräumt. Jetzt kann man eigentlich nur noch hoffen, dass nach diesen Lockerungen alles gut gehen wird…

„Es lebe die Warteschlange!“

De Morgen zieht dagegen eine eher nachdenkliche Bilanz. Vor allem am gestrigen Tag hat sich nochmal gezeigt, dass wir doch nicht alle gleich sind vor der Krise, dass doch nicht alle das gleiche Kreuz zu tragen hatten. Beispiel: Die langen Schlangen vor den Discountern. Hier hat man nochmal gesehen, dass eben nicht jeder das Geld hat, um „ökonomisch korrekt“ belgisch-lokal einzukaufen. Dass es Menschen gibt, die einfach keine Alternative haben, die auch nicht online bestellen können.

Damit verbunden zeigt sich hier auch, dass die Träume von einer „besseren“ Welt nach Corona wohl Illusion bleiben werden. Man sollte nicht darauf hoffen, dass die Welt nach der Krise nachhaltiger, klüger oder friedlicher sein wird. Die alten Gewohnheiten werden schnell wieder zurück sein; sei es, weil die Menschen es wollen, sei es, weil sie keine Wahl haben.

Und doch ist genau diese Kundengruppe gestern noch gebrandmarkt worden, ärgert sich Het Laatste Nieuws. Die Menschen, die vor den Discountern Schlange standen, die wurden gemustert, gefilmt, fast verhört. Mehr als zwischen den Zeilen stand da der Vorwurf im Raum, diese Leute würden sich verantwortungslos verhalten, da sie einfach nicht warten konnten: „Ungeduldig, egoistisch und konsumabhängig“.

Nach der Flugscham, die wir Greta Thunberg zu verdanken haben, jetzt also die „Kaufscham“. Das ist Ausdruck von Arroganz: Es gibt Menschen, die eben in nicht so schönen Wohnungen acht Wochen aushalten mussten und die sich auch nochmal was leisten wollten, was Bezahlbares. Da kann man nur sagen: Es lebe die Warteschlange!

Lernen, mit dem Risiko zu leben

Doch, das Risiko bleibt, gibt L’Echo zu bedenken. Die Gefahr einer zweiten Welle ist sehr real. Nicht umsonst gibt es inzwischen unzählige Vorsichtsmaßnahmen und Verhaltensregeln. Doch sollte man sich nicht ausschließlich darauf verlassen.

Gerade in einer Demokratie ist es illusorisch, dass der Staat für jede Lebenslage eine konkrete Maßregel verhängen kann. Und, ehrlich gesagt, wäre das  auch nicht wünschenswert. Deswegen ist ein wichtiger Faktor in dem Ganzen einfach nur das Vertrauen. Wir alle müssen lernen, mit diesem Risiko zu leben.

Doch ist genau diese Angst auch nicht wirklich geschäftsförderlich, meint De Standaard. Die Geschäfte sind wieder geöffnet, aber von unbesorgtem Shoppen kann keine Rede sein. Das Virus und die Angst davor werden uns noch lange hemmen. Konjunktur gedeiht nicht gut in einem Klima der Sorge und der Beklemmung. Und das kann unserem Wohlstand nachhaltig schaden. Es kommt wohl noch viel wirtschaftliches Unheil auf uns zu.

Fall Brussels Airlines wird zum Symbol

Diese Schreckensvision scheint sich in einigen Schlagzeilen schon zu bewahrheiten: „180.000 Arbeitsplätze sind bedroht“, titeln De Morgen und Het Laatste Nieuws. Das geht aus einer Befragung von Arbeitgebern hervor, die die Nationalbank durchgeführt hat. Die Schätzung von De Tijd fällt noch höher aus: „Eine Viertelmillion Belgier könnte ihren Job verlieren“, schreibt das Blatt.

Heute richten sich schon alle Augen auf ein wichtiges Unternehmen: „Außerordentlicher Betriebsrat bei Brussels Airlines“, titelt die Wirtschaftszeitung L’Echo. Es wird befürchtet, dass die Direktion bei der Gelegenheit massive Stellenstreichungen bekanntgeben wird.

Man muss den Realitäten ins Auge sehen, meint De Tijd: Brussels Airlines ist am Ende. Jetzt steht die Frage im Raum, ob der belgische Staat nicht 290 Millionen Euro an Staatsbeihilfen zur Verfügung stellen kann. Doch das Zögern der Regierung ist nachvollziehbar: Muss man Steuergelder in ein Unternehmen pumpen, dass in den letzten 10 Jahren einen Verlust von 236 Millionen Euro gemacht hat?

Insofern kann der Fall Brussels Airlines zum Symbol werden. Es klingt hart, aber das Prinzip muss sein: Geholfen wird nur dem, der gewinnbringend agiert, wir entscheiden uns für die Zukunft, nicht die Vergangenheit…

Roger Pint

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Ein Kommentar
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Greta Thunbergs sogenannte „Flugscham“ ist genauso gut ein Hirngespinst wie „Kaufscham“. Beides sind Pfeiler unserer Ökonomie. Daran hängen viele Existenzen ab.

    Der Wunschtraum einer besseren „Nach-Corona-Welt“ ist natürlich gerechtfertigt. Nur vor Utopien sei gewarnt. Also sollten man sich damit begnügen die aktuelle Realität mit Vernunft und Augenmaß zu verbessern.

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