Die Presseschau von Donnerstag, dem 2. April 2020

Die Diskussion um das allgemeine Tragen von Mundschutzmasken in der Öffentlichkeit tobt auch in den Zeitungen – konkreter Anlass sind Aussagen des Virologen Marc Van Ranst. Weitere Themen sind die Entzauberung von Populisten in der Coronavirus-Krise und die Frage nach administrativen Vereinfachungen auch für Bürger.

Frau mit Mundschutzmaske in Moskau (Bild: Yuri Kadobnov/AFP)

Illustrationsbild: Yuri Kadobnov/AFP

„Geduld über Mangel an Schutzmasken geht zur Neige“, titelt heute De Standaard. Neben medizinischem Personal hätten mittlerweile auch etwa Supermarkt-Angestellte und Privatpersonen gerne Schutzmasken. „An vorderster Front rumort es“, schreibt deshalb L’Avenir mit Blick auf Streiks bei Delhaize. „Supermärkte: Die Wut kocht über“, stellt auch Le Soir fest.

In den Leitartikeln beschäftigen sich zumindest die flämischen Zeitungen dann fast ausnahmslos mit umstrittenen Aussagen des Virologen Marc Van Ranst zum Tragen von Schutzmasken. Der Experte hatte im Fernsehen gesagt, die Masken seien „eher fürs Gehirn als für die Atemwege“. Schutzmasken im Alltag würden nichts bringen, außer dass sie die Menschen beruhigen.

Das waren befremdliche Aussagen, befindet Het Laatste Nieuws. Warum soll eine Maske Pfleger und Ärzte vor dem Coronavirus schützen, aber nicht Busfahrer und Supermarktkassierer?

Später ruderte Van Ranst dann zurück: Sicherlich könnten die Masken an Orten helfen, wo viele Menschen zusammenkommen. Aber in Belgien gebe es ja nicht genug Masken für die Krankenhäuser, sagte er nun. Die Botschaft für die Menschen sollte also sein: Lasst die Masken für die Leute, die sie brauchen.

Der Virologe verdient für seine ruhige und pädagogische Art Bewunderung. Er spricht so, dass jeder versteht und das beinahe ohne Pause seit über einem Monat. Aber Taktik und Strategie sind für Politiker, nicht für Wissenschaftler, sonst setzen sie ihr Vertrauen aufs Spiel. Hoffentlich bleibt die Mundmasken-Affäre ein einmaliger Ausrutscher von Herrn Van Ranst, hofft Het Laatste Nieuws.

Het Nieuwsblad spart sich diese Diskussion auf Metaebene und blickt inhaltlich auf die umstrittenen Aussagen des Virologen: Es stimmt, dass Schutzmasken im Freien nichts bringen. Es stimmt auch, dass das Pflegepersonal prioritär damit versorgt werden sollte.

In einem Polizeistaat kann man das einfach von oben anordnen. Bei uns bleibt uns dazu aber nur die richtige Kommunikation. Also: Bleiben Sie in Ihrer Wohnung und waschen Sie sich die Hände, nachdem Sie draußen gewesen sind. Das bringt mehr als das Tragen einer Wegwerfmaske, rät Het Nieuwsblad.

Politische oder akademische Logik?

Het Belang van Limburg sieht das anders: Infizierte – und viele wissen ja gar nicht, dass sie das Virus tragen – können mit einer Mundmaske die Ansteckung anderer Menschen vermeiden. Wo sich viele Menschen aufhalten, zum Beispiel in Supermärkten, kann das Tragen von Masken also zur Verlangsamung der Ausbreitung des Virus beitragen. In Asien wissen sie das schon lange, aber hier wird bewusst vernebelt, um einen Sturmlauf auf Schutzmasken zu vermeiden.

Es sollte natürlich nicht sein, dass kerngesunde Menschen mit Masken rumlaufen, die in den Krankenhäusern dringend gebraucht werden. Aber Wissenschaftler müssen die Wahrheit sagen. Es ist das Vertrauen in die Wissenschaft, das die Menschen dazu bringt, den Regeln zu folgen und in ihren Häusern zu bleiben. Ohne Vertrauen in die Wissenschaft können wir die Krise kaum überstehen, mahnt Het Belang van Limburg.

Die Tatsache, dass in einer Zeit akuter Knappheit die Bevölkerung aktiv davon abgehalten wird, Mundmasken zu tragen, damit das begrenzte Angebot an diejenigen gehen kann, die es wirklich brauchen, ist vielleicht eine naheliegende Wahl für einen Politiker, findet auch De Standaard. Die Politik muss manchmal, besonders in außergewöhnlichen Zeiten, sparsam mit der Wahrheit umgehen. Aber ein Virologe setzt so seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit aufs Spiel.

Und genau darauf beruht sein Mehrwert für die Gesellschaft. Das entblößt das grundsätzliche Problem sogenannter Expertenregierungen. Ein Akademiker, der de facto zum politischen Entscheidungsträger wird, kann die Unantastbarkeit des unabhängigen Technokraten nicht lange beibehalten. Virologen und andere Experten stehen unweigerlich vor der Wahl: Folge ich der politischen oder der akademischen Logik?, meint De Standaard.

Am Ende gewinnt die Wahrheit – aber zu welchem Preis?

Le Soir hofft auf die Entlarvung der Populisten im Zuge der Corona-Krise: In den letzten Jahren haben sich viele Mächtige als wahre Genies ausgegeben. Donald Trump, Jair Bolsonaro, Boris Johnson und Matteo Salvini, um nur einige zu nennen, sind Männer, die sich der Verachtung und Leugnung der Wahrheit verschrieben haben.

Heute haben sich die Rollen geändert. Das Coronavirus entblößt diese „Genies“. Der Status, den sie sich selbst verpasst und den viele Wähler ihnen an der Urne bestätigt haben, wird plötzlich grausam untergraben: durch Berge von Leichen ihrer Mitbürger.

Heute sterben in den Vereinigten Staaten und in Brasilien viele Menschen und ein Teil der Verantwortung liegt bei diesen populistischen Führern, die lange glaubten, ihre Propaganda könne die Realität verzerren. Aber keine Lüge kann die Verbreitung eines Virus stoppen.

Die Wahrheit gewinnt also zuletzt – aber zu welchem Preis! Brauchte es diese tödliche Geißel, um die Verantwortungslosigkeit dieser Führer zu demonstrieren?

Und wird es überhaupt ausreichen, um die Wähler zu überzeugen, dass die Populisten nicht die guten Hirten sind? Oder werden die späten Kehrtwenden dieser „Genies“ im Kampf gegen das Coronavirus ihnen am Ende doch das blinde Vertrauen ihrer Gefolgschaft sichern?, fragt sich Le Soir.

Auch der Bürger sollte profitieren

Die Corona-Krise zeigt, dass administrative Vereinfachung möglich ist, stellt La Libre Belgique fest. Unternehmen können sich jetzt schnell und unbürokratisch um Unterstützung in der Krise bemühen.

Aber das sollte noch ausgeweitet werden. Auch der Bürger sollte profitieren. Zum Beispiel ist es immer noch eine Qual, einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe zu stellen.

Auch die Steuererklärung ist nach wie vor zu kompliziert. Kurzgesagt: Jetzt, da diese ganzen Task Forces auf die Beine gestellt werden, wäre es auch Zeit für eine Arbeitsgruppe für administrative Vereinfachung.

Auch und umso mehr, weil weniger Bürokratie beim Neustart nach der Krise extrem hilfreich wäre. Dennoch gibt es unter den acht Fachgruppen der Regierung zur Bewältigung der Krise keine, die sich explizit dieses Themas annimmt. Das ist ein Fehler, warnt La Libre Belgique.

Peter Esser

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