Die Presseschau von Donnerstag, dem 26. März 2020

Die Titelseiten und Leitartikel befassen sich mit verschiedenen Aspekten der Coronavirus-Krise: Da gibt es zum einen tatsächlich Lob für Belgien – und zwar aus dem Ausland. Auch die "Helden des Alltags" werden gewürdigt. Aber auch die Frage der wirtschaftlichen Konsequenzen nimmt einen zentralen Platz ein.

Kassiererin (Bild: Frederick Florin/AFP)

Kassiererin (Bild: Frederick Florin/AFP)

„Nur Lob für Belgien“, titelt Het Laatste Nieuws. Tatsächlich ist die belgische Vorgehensweise zur Bekämpfung der Coronavirus-Epidemie in den letzten Tagen von prominenter Seite gewürdigt worden. Zunächst von dem weltweit anerkannten niederländischen Virologen Ab Osterhaus, der Belgien in Interviews mit Het Laatste Nieuws und De Morgen ein „Modell“ nannte. Und auch die angesehene Zeitung Financial Times hat gestern die Vorgehensweise der Belgier ausdrücklich hervorgehoben.

„Es ist zwar zu früh, die Champagnerflaschen zu köpfen, aber wir sind auf dem guten Weg“, meint Het Laatste Nieuws in seinem Leitartikel. Mit jedem Tag wächst das Vertrauen der Bürger, dass Belgien einer Tragödie wie in Italien oder Spanien wohl entgehen kann.

Und das Lob von Außenstehenden wie Ab Osterhaus oder der Financial Times kann man als Bestätigung sehen. Und hier sollte man auch die politisch Verantwortlichen nicht vergessen. Natürlich ist die Regierung Wilmès ein minimales Minderheitskabinett. Doch ist die Equipe gespickt mit Leuten, die wissen, was sie tun – angefangen bei der Premierministerin Sophie Wilmès. Man mag darüber streiten können, aber eigentlich ist das Land in guten Händen, findet Het Laatste Nieuws.

Kommen strengere oder klarere Regeln?

Aber der Weg ist wohl noch lang. „Die Zahlen steigen immer noch“, so die warnende Schlagzeile von Gazet van Antwerpen. Vor allem die Zahl der Toten hat nach einigen Tagen der scheinbaren Beruhigung wieder stark zugenommen. Und in einigen Regionen spitzt sich die Lage langsam aber sicher zu: „Die Krankenhäuser in Limburg stehen unter immer größerem Druck“, warnt Het Belang van Limburg. Die Provinz Limburg ist ja besonders betroffen.

In diesen Tagen stellt sich eine Frage, die unter anderem auch auf Seite eins von La Libre Belgique zu lesen ist: „Müssen wir die Ausgangsbeschränkungen verschärfen?“.

Morgen kommt offenbar der Nationale Sicherheitsrat zusammen, um die Lage neu zu bewerten. Und da ist es nicht auszuschließen, dass die Maßnahmen zumindest punktuell nachjustiert werden. „Vielleicht müssen wir auch noch im April zuhause bleiben“, spekuliert De Standaard.

„In jedem Fall könnten die Strafen verschärft werden“, schreibt Le Soir. Immer mehr Stimmen werden laut, die für eine Politik der Nulltoleranz plädieren. Aber die Polizei greift eigentlich schon jetzt härter durch. Wer die Regeln missachtet, der wird seit einigen Tagen sofort zur Kasse gebeten.

„Aber wir brauchen klarere Regeln“, fordert Het Nieuwsblad. Selbst die Polizei weiß nicht, wie weit wir radeln dürfen“, kritisiert das Blatt. Das GrenzEcho hebt eine andere, oft gestellte Frage hervor: „Wann darf ich die Grenze überqueren?“, schreibt das Blatt auf Seite eins.

Jetzt „Helden des Alltags“ – und nach Corona?

„Helden des Supermarkts“, so derweil die Schlagzeile von Gazet van Antwerpen. Zu sehen ist eine Kassiererin. Die Corona-Krise wirkt wie ein Scheinwerfer, stellt das Blatt fest. Plötzlich sehen wir Menschen, die wir in Normalzeiten vielleicht nicht immer wahrgenommen haben. Jetzt erkennen wir mit einem Mal, wie wichtig diese Leute sind.

Auch andere Zeitungen heben die Berufsgruppen hervor, die – oft im Schatten – das Land über Wasser halten. Denn: Vor der Corona-Krise sind nicht alle gleich, meint Le Soir. Viele Angestellte können im Home-Office bleiben. Andere können das nicht.

Vergessen wir nicht die Leute von der Müllabfuhr, das Reinigungspersonal, die Metro-, Bus- und Taxifahrer, die Lieferanten und Brummifahrer, die Polizisten, die Kassiererinnen und die vielen anderen, die tagtäglich ihren Beitrag leisten, damit wir alle überleben können. Diese Leute arbeiten in „Branchen von systemrelevanter Bedeutung“, heißt es in einem Königlichen Erlass. Man muss dafür sorgen, dass diese Menschen auch nach der Krise noch entsprechend gewürdigt werden.

Das GrenzEcho sieht das genauso. Leider musste die Natur erst mit dem Finger schnippen und uns in den Krisenmodus gehen lassen, damit der eine oder andere erkennt, wie wichtig all diese Leute sind. Und unsere systemrelevanten Helden des Alltags haben nicht nur Applaus von den Balkonen und warme Worte auf Facebook verdient, sondern künftig auch einfach bessere Löhne, so das GrenzEcho.

Wirtschaft gegen Menschenleben

Viele Menschen können derweil im Moment nicht arbeiten. Sie wurden in Kurzarbeit geschickt und sitzen zuhause. „Der Staat bezahlt die Hälfte der berufstätigen Bevölkerung“, schreibt De Tijd. Insgesamt bekommen drei Millionen Menschen Kurzarbeitergeld oder andere Zulagen.

Der eine oder andere ist der Ansicht, dass sich so mancher hier die Sache zu einfach macht. „Die Betriebe greifen zu schnell auf Kurzarbeit zurück“, beklagt jetzt auch der flämische N-VA-Ministerpräsident Jan Jambon unter anderem auf Seite eins von Het Belang van Limburg. Kurzarbeit sei nicht immer nötig, sagt Jambon und nennt unter anderem als Beispiel die Baubranche.

„Ach so?“, wettert Het Nieuwsblad. Gerade in dieser Branche ist „Social distancing“, also Abstand halten, besonders schwierig. Wenn uns vorherige Epidemien eins gelehrt haben, dann ist es das: Es gibt Momente, da sollten Politiker besser schweigen und den Experten das Feld überlassen. Wer nicht auf die Fachleute hört, der riskiert die doppelte Rechnung, nicht nur finanziell, sondern auch in Menschenleben.

Diese Frage wird sich bald überall stellen, glaubt De Standaard: Die Frage, ab wann wir unsere Gesellschaften wieder hochfahren können. Und das wird eine politische Abwägung sein, die ebenso heikel wie gefährlich ist. Hier müssen die Wirtschaft einerseits und Menschenleben auf der anderen Seite am Ende gegeneinander aufgewogen werden. Wir stehen vor Entscheidungen, die bis vor kurzem noch undenkbar waren.

Wir sehen im Moment viele Dinge, die eigentlich bislang tabu waren, findet auch L’Echo. Der Stabilitätspakt etwa wurde außer Kraft gesetzt. Anderes Beispiel: Die EZB und andere Zentralbanken haben jetzt die Notenpresse angeworfen. Das kann nicht ewig so weitergehen.

Aber nicht überall verschieben sich die Fronten. Innerhalb der Eurozone etwa gibt es immer noch erhebliche Widerstände gegen Corona-Bonds, was eigentlich darauf hinausliefe, dass die Schulden sozialisiert, vergemeinschaftet, also auf alle Schultern verteilt würden. Warum kann man sich nach wie vor nicht dazu durchringen? Denn, wenn es einen Augenblick gibt, um sich mit Ländern wie Italien oder Spanien solidarisch zu zeigen, dann ist das jetzt.

Roger Pint

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