Die Presseschau von Dienstag, dem 24. März 2020

Die Zeitungen greifen die mögliche erste Verlangsamung der Coronavirus-Ausbreitung im Land auf. Außerdem: das soziale Sicherheitsnetz, die Missstände bei der Schutzausrüstung, Behandlungsprioritäten und die Frage nach flächendeckenden Tests. Auch die wirtschaftlichen Maßnahmen werden kommentiert.

Nur wenige Menschen waren am Mittwoch auf der Brüsseler Grand-Place zu sehen (Bild: Thierry Roge/Belga)

Bild: Thierry Roge/Belga

„Wir halten gut stand“, titelt Het Laatste Nieuws. „Vorsichtige Hoffnung in Corona-Zeiten“, schreibt das GrenzEcho auf Seite eins. „Aber es ist noch zu früh, um ‚Sieg‘ zu rufen“, schränkt De Morgen ein. Es ist so: Alle Zahlen steigen zwar weiter, also die Zahl der Infizierten, die Zahl der Menschen in den Krankenhäusern und Intensivstationen, die Zahl der Toten. Nur steigen diese Zahlen nicht mehr so schnell, wie noch vor einigen Tagen. Das mag auf eine Verlangsamung hindeuten. Das ist aber zunächst nur eine vorläufige Schlussfolgerung. Das kann auch nur ein Strohfeuer sein – das Ganze muss sich erst noch bestätigen.

In den Krankenhäusern bleibt man in der Zwischenzeit im Krisenmodus. Nach wie vor wird jeden Tag eine Welle von neuen Patienten erwartet. Die Gefahr ist erst gebannt, wenn man wirklich sehen kann, dass sich die Kurve abgeflacht hat.

Bis zu einer relativen Normalisierung wird aber leider noch viel Zeit vergehen, warnt Het Nieuwsblad. In der Zwischenzeit werden viele Menschen den Gürtel enger schnallen müssen. Im Moment wird die Zahl der Kurzarbeiter auf rund eine Million geschätzt. Deren Einkommen ist auf 1.000 bis 1.500 Euro gesackt. Dass sie aber überhaupt etwas bekommen, das ist unserem sozialen Sicherheitsnetz zu verdanken. Ebenso die Tatsache, dass jeder, der wirklich Hilfe braucht, im Krankenhaus behandelt wird – und danach nicht finanziell ruiniert ist. In der Vergangenheit wurden immer die hohen Steuern und Abgaben in Belgien kritisiert. Jetzt wissen wir, warum wir das bezahlen: damit Menschen überleben…

Das Gesetz des Stärksten?

Doch hätte die Ausgangslage besser sein können, glaubt sinngemäß L’Avenir. Jetzt spenden wir den Ärztinnen und Ärzten sowie dem Pflegepersonal Beifall. Emotionen, wie sie in Krisenzeiten nicht unüblich sind. Doch sollten diese Emotionen nicht die Missstände in den Schatten stellen. Und auch nicht die Diskussion über die Verantwortlichkeiten. Immer noch fehlt es an Basisausrüstung; Stichwort Schutzmasken. Und viele Finger zeigen da auf die Gesundheitsministerin Maggie De Block, die das Gesundheitswesen in der Vergangenheit mit einer Sparwelle nach der anderen überzogen hatte.

Einige Schlagzeilen mögen da aber schockieren: „Die Uniklinik Gent will die schwächsten Patienten nicht mehr in die Intensivstation aufnehmen“, schreibt De Morgen. „Die schwächsten Altenheimbewohner sollen nicht mehr ins Krankenhaus“, schreibt auch De Tijd. Das zumindest geht aus einem internen Leitfaden der Klinik hervor.

„Hier gilt offensichtlich das Gesetz des Stärksten“, meint De Morgen in seinem Kommentar. Und, ganz nüchtern und rational betrachtet, mag es auch logisch sein, dass sich die Ärzte auf Patienten konzentrieren, die nicht im Grunde ohnehin schon verurteilt sind. Emotional und psychologisch sind wir aber noch nicht vorbereitet auf solche Fragen. Es könnte schließlich eines jeden Mutter oder Vater sein, die im Namen des Kampfes gegen Corona von vornherein aufgegeben werden…

Nächster Schritt: testen, testen, testen

Einige Zeitungen denken schon ein bisschen weiter in die Zukunft: Wie können wir die Ausgangsbeschränkungen hinter uns lassen? „Müssen wir alle Belgier testen?“, fragt sich La Libre Belgique auf Seite eins. In anderen Ländern wie Südkorea hat sich das ja als der richtige Weg erwiesen.

Die Antwort der Zeitung im Leitartikel lautet: Ja! „Wir können nicht mit verbundenen Augen einen Brand bekämpfen“, sagte der Direktor der WHO. Und er hat Recht, meint das Blatt. In Belgien werden im Moment nur die Menschen getestet, die ins Krankenhaus eingeliefert werden und die eindeutige Symptome zeigen. Die Infizierten-Zahlen bilden also nicht die Realität ab. Wenn wir wissen wollen, wie die Situation wirklich aussieht, und wenn wir wirklich die Verbreitung stoppen wollen, dann führt kein Weg an Tests vorbei. Es ist Zeit zu handeln. Schnell!

La Dernière Heure sieht das genauso. Die Menschen wollen Antworten. Auch eine Antwort auf die Frage, ob sie denn nun infiziert sind oder nicht. Und das sollte eigentlich auch im Sinne der Ärzte und der Gesundheitsbehörden sein. In Südkorea hat sich das schließlich auch als äußerst effizient erwiesen. Wir müssen endlich wissen, wer wirklich unter Quarantäne gestellt werden muss.

Groß angelegte Tests könnten eine Rückkehr zur Normalität beschleunigen, glaubt auch Gazet van Antwerpen. Das gilt es vorzubereiten. Im Moment bleibt uns erstmal nichts anderes übrig, als mit Sorgenfalten auf die Zahlen zu schauen. Wenn die einmal im grünen Bereich sind, dann müssen wir aber testen…

„Auf der Suche nach einem Corona-Mittel“, so derweil die Aufmachergeschichte von Le Soir. Es laufen in der Welt einige klinische Studien, in denen potentielle Medikamente getestet werden. An einigen Projekten sind auch belgische Forschungseinrichtungen beteiligt.

Zwischen Panzerfaust und Silvesterböller

Einige Blätter beschäftigen sich mit den wirtschaftlichen Konsequenzen: „Krisensitzung, um die Betriebe offenzuhalten“, titelt De Standaard. Denn: Immer mehr Unternehmen schließen, wie auch Het Nieuwsblad berichtet. Und jetzt sollen Anreize geschaffen werden, um die Arbeitnehmer zu ermuntern, weiterzuarbeiten.

Und nach der Krise muss dafür gesorgt werden, dass der Motor schnell wieder anspringt. Einige Länder wie Deutschland haben die Bazooka, die Panzerfaust, herausgeholt, schnüren riesige Hilfspakete. Demgegenüber sieht die belgische Bazooka aus wie ein Silvesterböller, beklagt L’Echo. Klar: Die Anstrengungen der verschiedenen zuständigen Regierungen sind aller Ehren wert. Da muss aber noch viel mehr kommen. Leider hat Belgien es versäumt, in guten Zeiten haushaltspolitische Spielräume zu schaffen. Das sollte uns eine Lehre sein.

„Eine Panzerfaust ist keine Präzisionswaffe“, warnt seinerseits De Standaard. Konkret: Ob alle Mittel, die jetzt zur Verfügung gestellt werden, wirklich da ankommen, wo es einen tatsächlichen Bedarf gibt, das darf bezweifelt werden. Hier darf es etwa nicht darum gehen, Betriebe zu retten, die ohnehin schon schwach aufgestellt waren. Und Sinn und Zweck darf auch nicht sein, die Gewinnmargen der Banken zu sichern. Denn: Irgendeiner muss die Rechnung am Ende bezahlen. Doch, apropos: Das wäre jetzt vielleicht der Moment, wirklich alle zur Kasse zu bitten. Es muss Schluss sein mit der Steuerungerechtigkeit. Es geht nicht, dass einige wenige sich auch in Zukunft noch am Fiskus vorbeischleichen können. Wenn wir unseren Rechtsstaat und unsere Sozialsysteme absichern wollen, dann muss man auch dieses Steuervirus ausrotten.

Roger Pint

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