Die Presseschau von Mittwoch, dem 26. Februar 2020

Die Coronavirus-Krise bleibt das wichtigste Thema für die Zeitungen, insbesondere wegen der Ausbreitung auf Gebiete außerhalb Norditaliens wie Teneriffa. Damit ist es auch nachvollziehbar, dass die Leitartikler sich vor allem mit dem Virus und seinen bereits jetzt sichtbaren Folgen auf unser Leben beschäftigen.

Coronavirus (Bild: Jane Barlow/Pool/AFP)

Illustrationsbild: Jane Barlow/Pool/AFP

„Hotel Corona“, titelt Het Nieuwsblad. „100 Belgier sitzen in einem Hotel auf Teneriffa fest“, so die etwas nüchternere Schlagzeile von Het Belang van Limburg. „Unsicherheit für 110 Belgier, die auf Teneriffa in Quarantäne gesteckt wurden“, schreibt La Libre Belgique auf Seite eins.

Spätestens seit Dienstag ist das Coronavirus definitiv in Europa angekommen. Aus Italien, aber auch aus vielen anderen Ländern wurden neue Krankheitsfälle gemeldet. Besonders spektakulär war aber die Nachricht, die am Dienstagmorgen von den Kanarischen Inseln einging: Nach einem Corona-Fall haben die spanischen Behörden ein Hotel auf Teneriffa abgeriegelt. Die rund 1.000 Gäste befinden sich praktisch in Quarantäne, müssen in jedem Fall erst untersucht werden, bevor sie die Anlage verlassen können. Unter ihnen sind auch knapp 120 Belgier. Einige von ihnen versuchen aber offensichtlich, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen: „Es gibt schlimmere Orte, um in Quarantäne zu sitzen“, sagt einer in Het Nieuwsblad. Der Corona-Patient und auch die anderen Verdachtsfälle stammen offenbar aus Norditalien, wo sich ja in den letzten Tagen die Fälle gehäuft hatten. „Das Coronavirus rückt uns jetzt echt auf die Pelle“, notiert denn auch sinngemäß Gazet van Antwerpen. „Der Corona-Schub in Europa lässt eine Pandemie befürchten“, so die Schlagzeile von De Tijd.

Das Ganze bleibt natürlich nicht ohne Folgen: Die Börsen befinden sich weltweit auf Talfahrt. Viele Unternehmen kämpfen mit Lieferengpässen. „Für die Luftfahrt ist diese Corona-Krise schlimmer als Sars“, bemerkt auch L’Echo. „Muss man seine Reise nach Italien jetzt verschieben?“, fragt sich seinerseits L’Avenir. Die Antwort im Innenteil lautet: „Nein“. Dabei muss man erwähnen, dass im Fall einer Stornierung die Kosten nicht zurückerstattet werden, da das Außenministerium bislang keine offizielle Reisewarnung ausgegeben hat.

Die Angst kann schädlicher sein als das Virus selbst

Viele Menschen sind jedenfalls zunehmend besorgt. Das hat Het Laatste Nieuws ganz konkret festgestellt. Bei der Zeitung sind über 2.600 Fragen von besorgten Lesern eingegangen. Das Blatt veröffentlicht am Mittwoch eine Auswahl mit den entsprechenden Antworten, die in Zusammenarbeit mit dem renommierten Virologen Marc Van Ranst formuliert wurden. Le Soir zitiert in diesem Zusammenhang noch einmal die föderale Gesundheitsministerin Maggie De Block: „Belgien ist vorbereitet“. Das Gleiche steht auf Seite eins des GrenzEchos: „Belgien ist für den Ernstfall gerüstet“.

„Die Angst vor dem Coronavirus kann schädlicher sein, als das Virus selbst“, warnt De Tijd in ihrem Leitartikel. In den letzten Tagen konnte man tatsächlich den Eindruck haben, dass die Ausbreitung des neuartigen Erregers eine neue Dimension erreicht hat. Parallel dazu müssen die Experten aber einräumen, dass sie nach wie vor nicht wirklich viel über das Virus wissen. Bis es einen Impfstoff geben könnte, wird auch noch viel Zeit vergehen. Auch in Belgien machen sich die zuständigen Behörden keine Illusionen: Das Coronavirus wird das Land wohl früher oder später erreichen. Gesundheitsministerin Maggie De Block versichert aber, dass wir vorbereitet sind.

Das Ganze fühlt sich aber jedenfalls an, als hätte der Antiterrorstab OCAM Bedrohungsstufe zwei ausgerufen, meint Het Laatste Nieuws. Wobei einige Menschen reagieren, als hätten wir schon Stufe vier, also die höchste, erreicht. Angst lässt sich nun mal nicht durch Fakten, Argumente und Fachwissen bezwingen. Unsere Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ist risikoscheu. Dieses Gefühl ist wesentlich stärker als früher. Eltern wollen ihre Kinder heute fast schon überbeschützen. Was schon für den Lockdown in den Zeiten der terroristischen Bedrohung galt, das gilt auch jetzt: Leben Sie normal weiter, ohne den Atem anzuhalten. Es reicht, dass die Börsen in Atemnot geraten. Bekloppter muss das Ganze echt nicht werden.

Eine Ausrede für die Märkte?

Apropos Börsen: Auch La Libre Belgique kann sich eigentlich nur wundern. In letzter Zeit fehlte es ja nicht an Unsicherheitsfaktoren: Handelskrieg zwischen den USA und China, Abkühlung der Weltwirtschaft, Unruhe im Nahen Osten, nicht zu vergessen der Brexit. Und doch ging es die ganze Zeit über an den Börsen steil nach oben. Erst jetzt sorgt das Coronavirus für den lange befürchteten Knick. Man kann fast den Eindruck haben, dass die Märkte jetzt endlich eine willkommene Ausrede gefunden haben, um zur Vernunft zurückkehren zu können. Das bleibt natürlich wohl nicht ohne Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Wenn auch etwas abrupt, werden hier die Anleger einfach nur noch mal daran erinnert, dass Bäume nicht in den Himmel wachsen.

De Standaard ist im selben Register: Am Ende hat uns das Coronavirus noch einen Dienst erwiesen, meint das Blatt nicht mal ironisch. Erstens: Wenn das Coronavirus auch in Belgien für einen Wachstumsknick sorgt, dann hat auch Belgien endlich eine plausible Ausrede für die miserable Haushaltssituation. Dann rückt die Tatsache, dass wir seit mehr als einem Jahr keine vollwertige Regierung haben, fast schon in den Hintergrund. Und ganz nebenbei: Wenn weniger Waren zirkulieren, dann sind auch weniger Lkw, Schiffe, etc. unterwegs. Das Klima wird sich freuen.

Die populärste Lösung ist auch die schlechteste

Wobei, alles hat Grenzen, warnt L’Echo. Beziehungsweise anders herum: Die Grenzen müssen offen bleiben. In einigen Ländern wird darüber nachgedacht, die Kontrollen wieder einzuführen. Wenn überhaupt, dann dürfen darüber nur Gesundheitsbehörden entscheiden, und nicht die Populisten.

Het Nieuwsblad sieht das genauso: Das Coronavirus ist ein echter Weltbürger. Mauern, neue Grenzen und auch Zollbeamte mit Schutzmasken können es nicht aufhalten. Wer das Virus stoppen will, der muss über die Landesgrenzen hinausschauen. Mehr denn je muss sich die EU zusammenraufen. Die populärste Lösung ist leider auch die schlechteste. Nämlich, wenn Länder oder Regionen nur auf ihren eigenen Nabel starren.

Roger Pint

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