Die Presseschau von Freitag, dem 9. August 2019

Die Titelseiten sind sportlich geprägt – der belgische Radler Remco Evenepoel ist nämlich Europameister im Zeitfahren geworden. In ihrem Kommentaren widmen sich die Zeitungen hingegen dem UN-Klimabericht, dem Eurobarometer und dem ewigen Stillstand bei der Suche nach Regierungen auf föderaler Ebene und in Flandern.

Rad-WM: Zweite Goldmedaille für Evenepoel

Bild: Eric Lalmand/Belga

„Phänomenal! Remco Evenepoel ist Europameister im Zeitfahren“, jubelt La Dernière Heure auf Seite eins. „Evenepoel fliegt von Sieg zu Sieg“, notiert La Libre Belgique. „Für Bjorg, für Stef“, so die gleichlautenden Schlagzeilen bei Het Nieuwsblad, Het Belang van Limburg, Gazet van Antwerpen und dem GrenzEcho.

Fast alle Zeitungen feiern auf ihren Titelseiten den Sieg des erst 19-jährigen belgischen Radprofis Remco Evenepoel bei den Europameisterschaften im Zeitfahren. Viele Zeitungen heben dabei hervor, dass er auf dem Siegerpodest seinen Triumph den erst kürzlich verstorbenen Landsleuten Bjorg Lambrecht und Stef Loos gewidmet hat. Beide Radprofis waren bei Wettkämpfen tödlich verunglückt.

Das wahre Problem

In den Leitartikeln geht es allerdings um andere Themen. De Tijd kommentiert zum Bericht des Weltklimarats: Der UN-Klimabericht stellt zunächst mal fest, dass die Landwirtschaft einen Einfluss auf das Klima hat. Dieser Einfluss ist nicht gut.

Um dagegen anzukämpfen, schlägt der Bericht verschiedene Maßnahmen vor. Unter anderem soll die Überproduktion gestoppt werden und sollen wir unsere Essgewohnheiten ändern. Vor allem weniger Fleischkonsum würde helfen, den negativen Einfluss der Landwirtschaft auf das Klima zu verringern.

Das hört sich alles gut und richtig an. Doch ist auch klar: Wirken können solche Maßnahmen nur, wenn sie überall auf der Welt durchgesetzt werden. Dafür bedarf es verbindlicher internationaler Vereinbarungen und Regeln, weiß De Tijd.

Die Schwesterzeitung L’Echo sieht das genauso, befürchtet aber: Das einzige Mal, dass sich die Weltgemeinschaft bislang auf ein Ziel geeinigt hat, war das Kyoto-Protokoll 2001, das eine verbindliche Verringerung des CO2-Ausstoßes festlegt. Allerdings ist dieses Kyoto-Protokoll dann in der Folge nur unzureichend umgesetzt worden. Es gab immer nur unverbindliche Maßnahmen. Das ist zwar praktisch, aber auch nur reine Kosmetik und unnütz, um die Erderwärmung zu stoppen, kritisiert L’Echo.

Le Soir schreibt: Wenn man die Entstehung des gestern vorgelegten Berichts zurückverfolgt, kann man erkennen, dass er in einem frühen Stadium noch viel radikaler formuliert worden war. Länder, die zu viele Lebensmittel produzieren, haben einige Passagen abgeschwächt, um ihre Industrie zu schützen.

Hier liegt das wahre Problem. Solange solche Beeinflussungen stattfinden, wird sich nichts ändern. Alle Staaten werden weiter versuchen, möglichst viel Profit für ihre Unternehmen aus der Lebensmittelproduktion zu schlagen.

Vor diesem Hintergrund ist es unverschämt, dem einfachen Bürger zu raten, weniger Fleisch zu essen. Weil dadurch das Klima sowieso nicht gerettet wird, ärgert sich Le Soir.

Viel Streit und wenig Handeln

Het Nieuwsblad beschäftigt sich noch einmal mit dem jüngsten Eurobarometer und hält fest: Die Umfrage ergibt, dass 60 Prozent der Belgier ihren öffentlichen Einrichtungen nicht trauen, aber mehr als 50 Prozent mit den Entscheidungen der EU zufrieden sind.

Das mag auf den ersten Blick überraschen. Doch bei näherem Hinsehen ist verständlich, warum so viele Belgier unzufrieden sind mit ihrem Land. Die vergangenen Jahre hat sich kaum etwas getan auf politischer Ebene: Es wurde vor allem gestritten – um Einwanderung, die Rente, das Klima. Gehandelt wurde nicht.

Und auch jetzt nach den Wahlen setzt sich das traurige Schauspiel fort. Die Parteien scheinen keine Eile zu haben, Politik zu gestalten. Es wäre kein Wunder, wenn beim nächsten Eurobarometer in zwei Jahren die Zufriedenheitswerte für Belgien noch schlechter ausfielen, schlussfolgert Het Nieuwsblad.

Auch für De Morgen dauert die Regierungsbildung zu lang. Die Zeitung vergleicht: Es ist gerade so wie in dem Höhlengleichnis von Platon. Wir sitzen alle in der Höhle, schauen auf die Wand, auf der sich Schatten bewegen – und diese Schatten nehmen wir als Realität wahr.

Dabei können wir sicher sein, dass die Realität eine andere ist. Das, was wirklich geschieht im politischen Machtspiel, bei der Suche nach Koalitionen, vielleicht auch bei Absprachen zwischen N-VA und PS, das bekommen selbst wir Journalisten nicht mit.

Es könnte genauso sein wie 2010, wo bei Geheimtreffen zwischen Elio Di Rupo, Didier Reynders und Bart De Wever die Grundlagen für die zwei letzten Föderalregierungen festgelegt wurden.

Wir können nur hoffen, dass ähnliche Treffen jetzt auch stattfinden. Dass sich also etwas tut. Und dass dabei nicht nur regionale Nabelschau betrieben, sondern auch an das ganze Land gedacht wir, so De Morgen.

Hauptsache, es wird mal etwas angepackt – egal mit wem

Het Laatste Nieuws scheint genug zu haben vom Stillstand bei der Regierungsbildung in Flandern und führt aus: Was soll es denn jetzt sein? N-VA, OpenVLD und wer noch? SP.A? Oder doch wieder CD&V? Diesmal mit 19 Sitzen weniger?

Im Grunde ist es auch egal. Denn ideologische Unterschiede werden kaum eine Rolle spielen. Der Bürger wird schon froh sein, wenn überhaupt mal wieder etwas angepackt wird in Flandern.

Das ist nämlich unter der vergangenen Regierung nicht geschehen. Sie hat sich durch Untätigkeit ausgezeichnet und ist deshalb bei den Wahlen ja auch abgestraft worden.

Alle Regierungsparteien haben Stimmen verloren, weil sie bei all den dringenden Themen wie Schulwesen, Gesundheit, Landwirtschaft und Umwelt, Wohnen, Energie etc. nichts getan haben. Jetzt bitte schnell ran an diese Themen!, fordert Het Laatste Nieuws.

Kay Wagner

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