Die Presseschau von Dienstag, dem 7. Mai 2019

Der Mord an der 23-jährigen Studentin Julie Van Espen und die Verhaftung eines Tatverdächtigen beschäftigen nicht nur die flämische Presse, insbesondere weil der mögliche Täter kein unbeschriebenes Blatt ist. Ein weiteres wichtiges Thema ist der UN-Bericht über den Zustand der Artenvielfalt.

Suchplakat im Fall Julie Van Espen

Bild: Jonas Roosens/Belga

„Verurteilt und doch frei“, titelt De Standaard. „Und doch lief er frei herum“, so die anklagende Schlagzeile von Het Nieuwsblad. „Verurteilt zu vier Jahren und doch auf freiem Fuß“, schreibt De Morgen auf Seite eins. Die Überschriften gleichen sich. Vor allem in der flämischen Presse ist die Empörung groß nach dem Mord an Julie Van Espen. Die 23-jährige Studentin war am Samstagabend spurlos verschwunden. Gestern wurde in Merksem bei Antwerpen im Albert-Kanal ihre Leiche entdeckt.

Die Polizei war da schon auf der Suche nach einem, wie es hieß, „wichtigen Zeugen“. Dieser Steve B. wurde ebenfalls gestern aufgegriffen. Inzwischen gilt er als dringend tatverdächtig. Wie sich herausstellte, war der 39-jährige Mann einschlägig vorbestraft. Gazet van Antwerpen formuliert es so: „Stammkunde bei der Justiz und doch auf freiem Fuß“. 2017 war der Verdächtige zu vier Jahren Haft verurteilt worden wegen einer zweiten Vergewaltigung. Er saß aber noch nicht im Gefängnis, weil er Berufung gegen das Urteil eingelegt hatte. Die Schlagzeile von Het Laatste Nieuws bringt es auf den Punkt: „Kein Tag in der Zelle nach einer zweiten Verurteilung wegen Vergewaltigung“.

War dieser Mord zu verhindern?

Der Fall wirft naturgemäß Fragen auf. „Mord an Julie Van Espen: Die Justiz steht in der Kritik“, kann jedenfalls Le Soir nur feststellen. Zu klären gilt in der Tat, warum sich ein Sittentäter mit einer solchen Vergangenheit noch auf freiem Fuß befinden konnte.

War dieser Mord zu verhindern?, fragt sich denn auch De Standaard in seinem Leitartikel. Jedes Gewaltverbrechen rüttelt eine ganze Gesellschaft auf. Wenn eine 23-jährige Studentin am helllichten Tag auf einem beliebten Uferweg vom Fahrrad gerissen und später ermordet wird, dann kann sich jeder mit dem Opfer identifizieren. Natürlich müssen die Ermittlungen erst noch zeigen, ob der festgenommene Verdächtige tatsächlich der Täter ist. Seine juristische Vergangenheit wirft aber schon jetzt ernste Fragen auf. Was die Sache wohl noch schlimmer macht: Es ist durchaus denkbar, dass bei der Justiz alles nach allen Regeln und Vorschriften abgelaufen ist. Und doch ist das Resultat ein Fiasko: der Mord an einer jungen Frau.

Eine ernsthafte, tiefgehende Debatte tut not

De Morgen macht eine ähnliche Analyse: Es mag so aussehen, als stecke der Fehler im System, meint das Blatt sinngemäß. Man kann nämlich nur feststellen, dass schwere Sexualstraftäter hierzulande in der Regel mit vergleichsweise milden Strafen davonkommen. Ein Grund dafür ist das gnadenlos veraltete Strafgesetzbuch. Obendrauf kommt dann noch einmal eine hohe Dunkelziffer, da sexuelle Gewalt in Belgien oft nicht zur Anzeige gebracht wird. Der Umgang mit sexueller Gewalt in diesem Land verdient eine ernsthafte, tiefgehende Debatte.

Wir sollten uns aber nicht der Angst beugen, mahnt Het Nieuwsblad. Der Tod von Julie Van Espen kann viele Eltern dazu bringen, ihre Kinder noch mehr als bisher behüten zu wollen. Natürlich ist die Welt voller Unrecht. Natürlich laufen Perverse herum. Wir müssen deswegen aber nicht unser Leben ändern. Wenn wir jetzt unsere Freiheit selbst einschränken, dann gewinnt die Angst. Es war ganz normal, dass Julie mit dem Rad über einen Uferweg fuhr. Und es ist wichtig, dass so etwas auch normal bleibt.

Die Wurzel aller Probleme ist unser Lebensstil

Aufrüttelnde Schlagzeile derweil auf Seite eins von La Libre Belgique: „Eine Million Pflanzen und Tiere sind vom Aussterben bedroht“. „Artenvielfalt: Letzte Mahnung vor der Auslöschung“, so formuliert es Le Soir. In Paris ist gestern ein UN-Bericht über den Zustand der Artenvielfalt vorgestellt worden. Der Befund ist beängstigend: Demnach droht der Erde ein massenhaftes Artensterben: Von den geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten weltweit sei bis zu eine Million vom Aussterben bedroht.

Der Bericht der UN-Plattform quillt nur so über vor besorgniserregenden Zahlen, konstatiert La Libre Belgique. Es ist eine Flut von Daten, die auf den ersten Blick abstrakt erscheinen, hinter denen sich aber eine sehr konkrete Realität verbirgt: Alles, was wir essen, was wir trinken, was wir einatmen, das Klima, in dem wir leben – all diese wesentlichen Faktoren für unsere Lebensqualität hängen unmittelbar ab von komplexen Gleichgewichten, die durch die Biodiversität bedingt sind. Dieses Gleichgewicht zu stören ist wie an dem Ast zu sägen, auf dem wir sitzen. Wie auch beim Klimaschutz ist es noch nicht zu spät, um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken. Wie beim Klimaschutz reichen aber auch hier keine Sonntagsreden mehr, sondern müssen wir unseren derzeitigen Lebensstil infrage stellen.

„Fünf vor zwölf war gestern“, warnt auch das GrenzEcho. In Belgien sind wir da besonders angesprochen. Vor ziemlich genau einem Monat haben wir in Belgien genauso viel „Planet verbraucht“, wie wir in diesem Jahr hätten verbrauchen dürfen. Dabei waren gerade erst hundert Tage des Jahres vergangen. Das ist ein Problem für jeden einzelnen der über elf Millionen Belgier. Wie ernähren wir uns? Wir gestalten wir unsere Freizeit? Wie wohnen wir? Kurzum: Wie leben wir?

„Das Haus steht in Flammen, aber wir bleiben drinnen“, so auch die warnende Feststellung von Le Soir. Diese Warnungen sind bestimmt nicht neu. Und diejenigen, die jetzt wieder über angebliche Untergangsprophezeiungen schwadronieren, sollten sich die Berichte der Wissenschaftler doch mal anschauen. Die bisherigen Anstrengungen, um die Fahrt in den Abgrund zu stoppen, waren allenfalls ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die meisten Politiker wollen darüber allerdings nicht reden. Viele Themen sind tabu: Wachstum, die Jagd nach Profiten, Autos, Fleisch, Flugzeuge, intensive Landwirtschaft, Hyperkonsum. Alle Berichte weisen darauf hin, dass die Wurzel aller Probleme unser derzeitiger Lebensstil ist. Und doch stellen wir uns keine Fragen.

Roger Pint

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