Die Presseschau von Dienstag, dem 16. April 2019

Der verheerende Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris am Montagabend ist am Dienstag auf ausnahmslos allen Titelseiten zu sehen und auch Gegenstand vieler, teils emotionaler Leitartikel. Daneben rückt das zweite wichtige Thema, nämlich die Frage, wer denn der nächste Premierminister Belgiens werden soll, in den Hintergrund.

Bild: Betrand Guay/AFP

„Notre-Drame de Paris“, titeln Het Nieuwsblad und La Dernière Heure. „Paris kann es nicht fassen“, schreibt De Morgen auf Seite eins. „Entsetzen in Paris“, so die Schlagzeile des GrenzEchos.

Die Bilder der brennenden Kathedrale Notre-Dame beherrschen am Dienstag die Titelseiten. Vor allem das Foto des brennenden Dachreiters der Kathedrale, der langsam in sich zusammenfällt. Dieser Spitzturm stand mal da, wo sich Längsschiff und Querschiff kreuzen.

„Flammen und Tränen“, so fasst Le Soir die Emotionen zusammen. „Paris weint“, schreibt Het Belang van Limburg. „Tristesse“, so lapidar Het Laatste Nieuws auf Französisch. De Standaard hat seinerseits seine Titelseite fast schon wie eine Todesanzeige aufgebaut: Zu sehen ist der brennende Spitzturm, versehen mit dem Vermerk „Notre-Dame de Paris (1260-2019)“. La Libre Belgique ist noch direkter: „Paris ist nicht mehr Paris“, schreibt das Blatt. „Ein unschätzbarer Verlust“, beklagt L’Avenir.

Die Stadt der Lichter hat einen Teil ihrer Seele verloren

Die Bilder von Dienstagabend waren unfassbar, ergreifend, erschütternd, so der emotionale Kommentar von La Libre Belgique. Zwei Jahrhunderte hatte es gedauert, das Bauwerk zu errichten; 800 Jahre hat es gestanden. Und am Ende reichten nur wenige Minuten, um den Dachstuhl in Flammen aufgehen zu lassen. Nur eine Stunde hat es gedauert, da fiel der Spitzturm vor den ohnmächtigen Augen der Feuerwehrleute und unter den ungläubigen Blicken der Welt in sich zusammen. Am Dienstagabend ist ein Teil des Weltkulturerbes in Rauch aufgegangen. Und auch ein Teil der Seele der Stadt der Lichter.

Und plötzlich fällt der Dachreiter; und mit ihm brechen auch wir entzwei, schreibt bewegt Le Soir. Es ist, als wären diese Steine auch unser Fundament, unser Zufluchtsort. Es ist, als wären die Bäume, die den Dachstuhl der Kathedrale formten, unsere Wiege. Wie Notre-Dame wurde auch uns das Herz herausgerissen. Irgendwie kann man nicht anders, als in alledem eine Metapher zu sehen: politisch Verantwortliche, die ohnmächtig zusehen müssen; eine Welt in Zweifeln, deren Grundfesten erschüttert werden.

Notre-Dame war nicht die größte gotische Kathedrale der Christenheit, nicht die höchste und auch nicht die verspielteste, aber sie war wohl ohne Zweifel die symbolträchtigste, meint L’Avenir. Notre-Dame war ein Erbe des Mittelalters, hat die Jahrhunderte überdauert, der bewegten Geschichte getrotzt. Auch deswegen war sie viel mehr als nur ein Bauwerk, gespickt mit Meisterwerken. Notre-Dame ist ein Teil von uns, von unserer individuellen und kollektiven Menschlichkeit. Unabhängig von unseren religiösen Überzeugungen oder unserem künstlerischen Geschmack ist Notre-Dame zweifelsohne eines der wenigen Monumente in der Welt, das alle Menschen gleichermaßen bewegt, Bewunderung hervorruft, Andacht und innere Ruhe ausstrahlt.

Es ist wohl kein Zufall, dass der Brand von Notre-Dame gerade in unseren bewegten und virtuellen Zeiten solche Emotionen hervorruft. Vielleicht haben es die Baumeister des 12. Jahrhunderts geschafft, uns in unserem tiefsten Inneren zu berühren und uns eine Botschaft zu übermitteln, die universell, unerschütterlich und transzendent ist: unsere Seele.

Eine nationale Katastrophe

La Dernière Heure hat ähnliche Gedanken: Notre-Dame ist ein Jahrtausendwerk. Die Kathedrale ist Teil des Weltbewusstseins. Vor allem durch das Werk von Victor Hugo und seine zahlreichen Umsetzungen unter anderem in Kinofilmen. Da kann man nur hoffen, dass wir mit unseren heutigen Techniken dieses Meisterwerk wieder aufbauen können.

Für die Franzosen ist das eine nationale Katastrophe, bemerkt De Standaard in seinem Leitartikel. Die Kathedrale Notre-Dame ist eine Ikone von Paris, von Frankreich, eigentlich der ganzen Welt, ist vor den erschütterten Augen der Öffentlichkeit ein Raub der Flammen geworden. Wie konnte das passieren? Waren wirklich alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen? Jetzt beginnt in jedem Fall die Untersuchung der Katastrophe. Dabei gaukeln wir uns aber eigentlich nur vor, dass wir immer alles unter Kontrolle haben. Auf diese Weise kann man Tragödien verarbeiten. Doch auch wenn die Kathedrale am Ende wieder aufgebaut werden kann, wird es nie mehr so sein wie früher. Der Brand wird immer ein schwarzes Kapitel bleiben in der Geschichte der französischen Hauptstadt.

Die N-VA trommelt sich auf die Brust

Neben der brennenden Notre-Dame geht es in den Zeitungen am Dienstag aber auch um Innenpolitik, genauer gesagt um die Frage, wer denn der nächste Premierminister des Landes werden soll. Anlass ist ein Vorstoß des N-VA-Spitzenpolitikers Jan Jambon. Der hat im Wesentlichen den Posten für sich beansprucht.

Jan Jambon ist wohl ein Spätberufener, frotzelt L’Echo in seinem Leitartikel. Seine Ambitionen sind aber irgendwie überraschend. Bis vor Kurzem gab es bei der N-VA noch wenig Enthusiasmus für den Posten des Premierministers. Das Ganze wirkt fast wie ein fundamentaler Strategiewechsel: Ein Premierminister muss eigentlich Kompromisse schmieden, um die Stabilität seiner Equipe zu gewährleisten. Die N-VA hat sich bislang aber eigentlich eher als Partei der radikalen und grundlegenden Brüche positioniert.

Die flämischen Nationalisten halten sich jetzt beide Optionen offen, analysiert Het Nieuwsblad: Entweder Jan Jambon wird Premier – und als Staatsmann hat er sich in den letzten fünf Jahren ja auch durchaus profiliert. Und wenn das nicht klappt, dann zieht die N-VA die gemeinschaftspolitische Karte und geht auf Konfrontationskurs und setzt voll auf den Konföderalismus. Der Wahlkampf hat jetzt wohl definitiv begonnen.

Die N-VA muss sich noch mal auf die Brust trommeln, glaubt Gazet van Antwerpen. Schließlich gab es in der letzten Zeit zu viele Negativschlagzeilen, etwa die Visa-Affäre. Auf frankophoner Seite hat PS-Chef Elio Di Rupo seinerseits schon eine Reform des Finanzierungsgesetzes gefordert. Sprich: mehr Geld für die Wallonie und für Brüssel. Nach den Wahlen drohen wir also wieder in einem klassischen gemeinschaftspolitischen Szenario zu landen.

Roger Pint

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