Die Presseschau von Freitag, dem 22. Februar 2019

Die schwedische Gründerin der Klima-Bewegung, die zurzeit weltweit viele Schüler auf die Straßen bringt, Greta Thunberg, war gestern in Brüssel. Die Zeitungen kommentieren das ausführlich, widmen sich aber auch der Debatte um die Rückführung von IS-Kämpfern aus Syrien und dem Antisemitismus.

Greta Thunberg in Brüssel (Bild: Nicolas Maeterlinck/ Belga)

Greta Thunberg in Brüssel (Bild: Nicolas Maeterlinck/ Belga)

„Greta Superstar“, titelt De Morgen. „Empfangen wie ein Rockstar“, notiert Het Nieuwsblad auf Seite eins. „Greta erobert Brüssel“, so Gazet van Antwerpen.

Fast alle Zeitungen thematisieren bereits auf ihren Titelseiten die Anwesenheit der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg gestern in Brüssel. Das Mädchen gilt als die Gründerin der Jugendbewegung, die in zahlreichen Ländern für die Rettung des Klimas protestiert.

Thunberg nahm gestern am Protestmarsch in Brüssel teil und traf sich mit Europapolitikern.

Le Soir kommentiert: Es ist bewegend, das Engagement dieses jungen Mädchens zu sehen. Greta, aber auch die belgischen Köpfe der Klimabewegung Anuna, Kyra und Adelaïde erinnern an Antigone. In der griechischen Tragödie von Sophokles sagt Antigone die Sätze „Ich will nicht verstehen. Ich bin hier, um etwas anderes zu tun. Ich bin hier, um ‚Nein‘ zu sagen“.

Das ist das gleiche, was Greta und die anderen Jugendlichen machen. Sie wollen nicht verstehen, warum die EU nichts gegen die CO2-Abgase macht, sie wollen Nein sagen. Das ist ein Geschenk an unsere Demokratie. Wir sollten diese Stimmen ernst nehmen, meint Le Soir.

Die neue Johanna von Orléans

Das GrenzEcho seinerseits vergleicht Greta Thunberg mit Johanna von Orléans und führt aus: Es gibt viele Parallelen zwischen den beiden jungen Frauen. Man könnte sich amüsieren, das Schicksal der aufmüpfigen Französin mit dem der etwas älteren Schwedin Punkt für Punkt zu vergleichen. Allerdings muss man Greta Thunberg wünschen, dass sie nicht auf dem Scheiterhaufen der Leugner des Klimawandels endet.

Greta und alle ihre Anhänger können nur auf das Thema aufmerksam machen. Die Lösung muss die Politik erbringen. Bislang ist sie dazu aber entweder nicht in der Lage oder nicht willens.

So steht zu fürchten, dass die Trägheit des Systems am Ende auch der modernen Jungfrau von Orléans aus dem hohen Norden den Garaus machen wird. Schade. Nicht nur um Greta allein, sondern um die Jugend, die auf die ältere Generation setzt und enttäuscht werden wird, schreibt das GrenzEcho.

Zu diesem Generationskonflikt notiert auch De Morgen: Diese jugendlichen Rebellen stören die Mächtigen. Und diese Mächtigen haben bislang keine Antwort auf die Forderungen der jungen Menschen gefunden.

Peinlichen Symbolwert hat dabei das Treffen gestern zwischen Greta Thunberg und EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker bekommen. Der alte Spitzenpolitiker hatte für die junge Idealistin nur herablassendes Wohlgefallen übrig, bemängelt De Morgen.

Nicht nur Klima-Protestler sind Wähler

De Standaard hingegen analysiert: Die große Herausforderung, vor der die ganze Bewegung um Greta Thunberg steht, ist, die ambitionierten Forderungen für eine bessere Klimapolitik mit der Realität im Einklang zu bringen.

Machbarkeit, das ist ein Wort, mit dem diese Jugendlichen wahrscheinlich wenig anfangen können. Das ist aber auch der Grund dafür, dass die Politik bislang noch nicht mit vielen durchgreifenden Maßnahmen auf die Proteste geantwortet hat.

Ansätze sind allerdings da. Und es ist zu hoffen, dass die Jugendlichen den Druck weiter hochhalten, um die Politik zu weiteren Maßnahmen zu bewegen, wünscht sich De Standaard.

Schnell wird das aber nicht passieren, meint dazu De Tijd. Denn drei Monate vor den Wahlen werden sich alle Politiker hüten, Maßnahmen für das Klima zu beschließen, die unweigerlich viel Geld kosten werden.

Die Parteien wissen, dass sie nicht nur von denen gewählt werden, die Angst vor dem Ende der Welt haben, sondern auch von denen, die Angst vor dem Ende des Monats haben, erinnert De Tijd.

Sicherheit oberstes Gebot

Het Laatste Nieuws bemerkt zur Diskussion um die mögliche Rückführung von belgischen IS-Kämpfern aus Syrien: Sicherheit muss bei der ganzen Debatte das oberste Gebot sein.

Und hier hat die geschäftsführende Regierung Michel erkannt, dass die Syrienkämpfer ein Risiko für unser Land darstellen. Das sehen wir genauso. Deshalb sollten bei der Diskussion auch all die Gründe, die für die Rückführung sprechen, vor allem die moralischen und humanitären Gründe in den Hintergrund treten.

Unser Mitgefühl hat Grenzen gegen Menschen, die anderen Menschen den Kopf abschneiden im Namen eines Gottes, der um solche Taten gar nicht gebeten hat.

Deshalb: Lassen wir die Tatiana Wielandts und die Bouchra Abouallals da, wo sie sind, fordert Het Laatste Nieuws.

Antisemitismus hat ein neues Gesicht

La Dernière Heure beschäftigt sich erneut mit dem Antisemitismus und schreibt: Dieser Hass auf Juden kommt diesmal nicht aus der rechtsradikalen Ecke. Der Antisemitismus in Europa hat ein neues Gesicht bekommen.

Es sind radikalisierte Moslems, die jetzt meist verantwortlich sind für Angriffe auf Juden. Man denke an Mohamed Merah, der ein Blutbad in einer jüdischen Schule in Toulouse angerichtet hat oder Ahmed Coulibaly, der für die tödliche Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt in Paris verantwortlich ist. Bis hin zu Mehdi Nemmouche, der Hauptverdächtige für den Überfall auf das Jüdische Museum in Brüssel, zählt La Dernière Heure auf.

Dass die Gesellschaft unbedingt aktiv etwas gegen diesen neuen Antisemitismus tun muss, fordert La Libre Belgique und zitiert dafür Albert Einstein mit den Worten: Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.

Kay Wagner

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