"Trumpenfreude" - Donald Trump, der seinen Namen doch ach so gerne auf ehrwürdigen Gebäuden oder auf Landkarten hinterlässt, dürfte bei diesem Begriff wohl die Gesichtsfarbe ändern. "A Night of Pure Trumpenfreude", schrieb das amerikanische Magazin The Atlantic am vergangenen Mittwoch. Was gemeint ist, ist klar, wobei der Begriff zuweilen von seinen Anhängern auch in die andere Richtung gebraucht wird, nämlich wenn Trump mal wieder jemanden gedemütigt hat.
"Trumpenfreude" - eine Mischung also aus Trump und dem Wort Schadenfreude, das tatsächlich - in seiner deutschen Schreibweise - auch in den USA zum Sprachschatz gehört. Und ein wenig Trumpenfreude - im Sinne von The Atlantic - sei doch mal erlaubt.
Denn Donald Trump, der sich bislang für allmächtig, manchmal sogar für Gott hielt, dieser Donald Trump, der seit knapp zwei Jahren - mehr als noch während seiner ersten Amtszeit - buchstäblich die Welt in Atem hält, der sich über die amerikanische Verfassung und über das Völkerrecht hinwegsetzt, als wäre es die Hausordnung seines Golfclubs, der mit Diktatoren flirtet und zugleich langjährige Partner brüskiert, demonstrativ belächelt, ihnen einseitig Zölle aufbrummt, wenn er sie sich nicht gleich einverleiben will, der eine Schlägertruppe auf die Jagd nach nicht-weißen Amerikanern schickte und auch darüber hinaus eine offensichtlich autoritäre Agenda verfolgte, der nicht zuletzt eine Korruption unfassbaren Ausmaßes etabliert hat, die es ihm und befreundeten Oligarchen erlaubte, sich schamlos zu bereichern: Dieser Donald Trump hat von den amerikanischen Wählern eine schallende Ohrfeige kassiert.
Eine Demütigung für den Demütiger. Und was für eine! Die Demokraten konnten sogar Bundesstaaten erobern, die seit Jahrzehnten fest in republikanischer Hand waren. Wirklich bestes Beispiel ist der US-Bundesstaat Kansas, wo die Demokraten ihren ersten Sieg in einem Senatsrennen seit 1932 einfahren konnten, also seit fast 100 Jahren.
Und da kann Trump noch so tönen, dass es anders gekommen wäre, wenn doch nur sein Name auf dem Stimmzettel gestanden hätte. In seiner Welt wäre das vielleicht so. Im realen Leben hat sein Name derweil spätestens seit dem vergangenen Dienstag die gleiche Wirkung wie Plutonium: Man geht auf Sicherheitsabstand, auch und erst recht in der eigenen Partei. Um den Präsidenten, der sich offensichtlich für den ungekrönten König Amerikas hielt, wird es gerade einsam. Sein Hofstaat aus zynischen Machtmenschen und buckelnden Opportunisten scheint das Weite zu suchen...
Und wie gerne wäre da der eine oder die andere Mäuschen im Weißen Haus gewesen, am Wahlabend, als sich die Blaue Welle langsam aufbaute und sich das wahre Ausmaß des demokratischen Wahlsieges abzeichnete. Ob man da wieder den Ketchup von der Wand wischen musste? Trump ist ja bekannt dafür, dass er zuweilen sein Mittagessen durch den Raum schleudert, wenn ihm eine Nachricht nicht gefällt. Der "fliegende Ketchup" ist längst ein geflügeltes Wort für Trumps Wutausbrüche...
Wie gesagt: Ein bisschen Schadenfreude sei erlaubt. Denn die Welt hat sie sich gewissermaßen verdient, musste sie doch das alltägliche Chaos ertragen, das der selbstherrliche, präsidiale Rüpel weltweit stiftete.
Doch nach diesen paar genüsslichen Momenten sollte man am besten gleich in Deckung gehen. Denn eins scheint so mancher bei aller Euphorie vergessen zu haben: Donald Trump ist noch da. Ihm galt zwar der Denkzettel, doch es war nicht er, der abgewählt wurde. Und man muss nicht Sigmund Freud heißen, um zu befürchten, dass der Verlust seiner parlamentarischen Mehrheit den Mann nur noch gefährlicher macht.
Erst mal betrifft das das eigene Land. Man sollte nicht vergessen, dass der neue Kongress noch nicht vereidigt ist. Bis zum 3. Januar verfügen die Republikaner also noch über eine Mehrheit. "Was die Republikaner in den nächsten zwei Monaten tun werden, wird gruselig sein", so brachte die Aktivistin Pam Rukas die Sorge vieler Trump-Kritiker auf den Punkt. Denn Trump wird nicht umsonst der schlechteste Verlierer des Planeten genannt. Und wozu er in der Lage ist, das hat man ja am 6. Januar 2021 gesehen.
Vor allem steht aber zu befürchten, dass sich Trump in den verbleibenden zwei Jahren seiner Amtszeit dem Bereich Außenpolitik zuwendet. Denn hier hat ein amerikanischer Präsident, der sich die Macht mit einem Oppositionskongress teilen muss, noch den größten Handlungsspielraum. Insbesondere für uns Europäer heißt das wohl: anschnallen!
Zwei Tage nach dem "fliegenden Ketchup" gab es schon einen Vorgeschmack: Trump stellte ein Abkommen zur Beilegung des Ukraine-Kriegs in Aussicht, ein großes, ein wunderschönes Abkommen, das sogar ganz Europa einbeziehen könnte, sagte Trump. Und das verheißt nichts Gutes, nicht zuletzt, weil die ersten Betroffenen offensichtlich mal wieder überrumpelt wurden. Wenn der Vorstoß das ist, was man in Brüssel befürchtet, nämlich ein Diktatfrieden, dann fängt für die Ukraine und Europa die Misere wohl gerade erst an.
Aber die Trumpenfreude ist uns nicht mehr zu nehmen, und vor allem die Erleichterung. Denn die amerikanischen Wähler haben vor den Augen der Welt ein Lehrstück der Demokratie dargeboten. Sie haben gezeigt, dass die Wahrheit stärker sein kann als Lügen und Propaganda, und dass bei aller Polarisierung und allen irrwitzigen Parolen die Vernunft doch nicht vollends auf der Strecke bleibt.
Und selbst wenn es vielleicht am Ende sogar viel profaner war und nur die hohen Spritpreise die Wähler beseelt haben, so haben sie doch eins gezeigt, wie es auch schon die Zeitung De Standaard feststellte: Autoritarismus ist nicht unser Schicksal. Er gewinnt erst, wenn sich die Bürger von vornherein geschlagen geben.
Roger Pint
Diese Wahl hat aufs neue gezeigt, dass das amerikanische politische System, bestehend aus zwei konkurrierenden Parteien, funktioniert. Das sollte doch zu denken geben. 2 Parteien reichen für 350 Millionen Menschen. Im Gegensatz dazu hat die DG ein Parlament mit 6 Parteien für 80.000 Einwohner und das Parlament der Region Brüssel 13 Fraktionen für 1.2 Millionen Menschen. Und zur Zeit sieht man auf föderaler Ebene, dass viele Parteien mehr Schaden als Nutzen sind. Die USA haben die gleichen Probleme oder noch größere Probleme wie wir. Haben aber eine funktionierende Regierung, um diese Probleme zu lösen.