Die Gegensätze könnten nicht größer sein: "Land unter" im Sommer 2021 nach langen, ausgiebigen Regenfällen, die von gesättigten Böden nicht aufgenommen werden konnten und im Zusammenfluss eine zerstörerische Gewalt entwickelten. Jenseits aller Vorstellungskraft. Und heute: immer neue Hitzetage, ausgetrocknete Böden, dieselben Bäche und Flüsse nur noch Rinnsale. Ein Ende, trotz vereinzelter Schauer, noch nicht in Sicht.
Es sind gerade solche Gegensätze, auf die wir uns einstellen müssen. Und es ist nur zu verständlich, wenn wir in unserer begrenzten Vorstellungskraft auf frühere Erfahrungswerte zurückgreifen, auch wenn darauf weniger Verlass ist als etwa auf unter dem unmittelbaren Eindruck markierte Pegelhöchststände an Häuserwänden.
"Das haben wir so nicht kommen sehen!" Dieses Eingeständnis haben wir vor und während der Themenwoche unzählige Male gehört. Sicher gab es auch 2021 Warnungen. Weil aber die Vorstellungskraft und die Erfahrungswerte fehlten, wurden sie mal mehr, mal weniger gehört. Bis zum nächsten Mal?
Alle Gesprächspartner, ob unmittelbar Betroffene, politisch Verantwortliche oder in der einen oder anderen Weise mit dem Thema befasste Wissenschaftler sind sich einig, dass sich solche Ereignisse wiederholen können. Nein: wiederholen werden! Ob genau so, steht auf einem anderen Blatt, das können nicht einmal KI-Modelle genau vorhersagen. Vielleicht bleiben sie dann hinter den Erwartungen zurück, vielleicht wird es noch schlimmer - jenseits unserer Vorstellungen.
Die Lütticher Soziologin Aline Thiry hat zur Flut im Wesertal festgehalten, dass sich unsere Denkweise ändern müsse: Die Vorstellung von Kontrolle müsse Platz machen für das Eingeständnis von Verletzlichkeit, von Unsicherheit und von schwierigen Entscheidungen.
In der Rückschau auf 2021 ist Unvorstellbares geleistet worden: im persönlichen Erleben und Erleiden, in der Rettung und im Krisenmanagement, in Sachen Beistand und Hilfsbereitschaft. Es gab auch Erwartungen, die nicht erfüllt wurden. Daran zu erinnern hat nichts mit Alarmismus zu tun. Es trainiert unsere Reaktionsfähigkeit. Und es bereitet uns vor auf Situationen, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.
Stephan Pesch
Die Lütticher Soziologin Anne Thiry heißt Aline Thiry. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist aus meiner Sicht "wissenschaftlich konservativ", da sie sehr stark die Anpassungsfähigkeit (Resilienz) von Menschen auf Katastrophen aller Art betont. Dabei lenkt sie meiner Meinung nach unfreiwillig von eventuellen massiven strukturellen Versagen ab. In ihrem Diskussionsraum ist es nicht möglich, über Bebauung in Überschwemmungsgebieten, fehlerhafter Raumplanung oder falschen Infrastrukturentscheidungen von politischer & wirtschaftlicher Seite zu diskutieren.
Die Vesdre ist wegen ihres engen, steilen Tals und der starken Niederschläge in den Ardennen seit Jahrhunderten hochwassergefährdet. Unzählige historische Quellen berichten seit dem Mittelalter (1498, 1571, 1643, 1726, 1740) wiederholt von schweren Überschwemmungen in den Städten und Dörfern entlang des Flusses. Durch die Industrialisierung des Tals (Textilindustrie, Fabriken, dichtes Wohnen direkt am Fluss) wurde die Schadensanfälligkeit größer. Technische Lösungen wie unsere Talsperren Barrage Gileppe oder die Wesertalsperre erzeugten anscheinend ein falsches Sicherheitsgefühl.
Die Namensverwechslung wurde korrigiert.