Sehr wenig verehrter Herr Infantino,
ich verneige mich.Was Sie da geleistet haben, ist ein Husarenstück, das in die Geschichtsbücher gehört.
Die ganze Welt mag rufen, dass sie dem Fußball und seiner Integrität geschadet haben. Aber Sie sehen die Dinge schärfer, größer, ja wirklich besser. Nicht nur das, Sie haben der Welt und ganz besonders ihrem Kumpel Trump eine Lektion erteilt, die sich gewaschen hat.
Unter uns: Ich denke, Sie haben ihn sogar der Lächerlichkeit preisgegeben, mit der Krönung, dass er es vielleicht nicht mal gemerkt hat. Das war doch ihr Plan?
Sie verstehen nicht nur mehr von Fußball als Trump und der Durchschnittsamerikaner, sondern auch so einiges von Psychologie und Politik. Sonst stünden sie nicht an der Spitze einer globalen Organisation, die ab und zu mit der Mafia verglichen wird.
Sie wissen auch wie kein anderer: Fußball ist anders als Weitsprung oder Kugelstoßen. Da fliegt der Mensch oder die Kugel, der Beste gewinnt, nach fünf Sekunden ist alles vorbei. Kein Gesprächsstoff für die Bürokantine. Fußball wohl: Das ist ständiges Chaos, überforderte Schiedsrichter, Fehlentscheidungen, ohrenbetäubende Schmähgesänge auf den Tribünen und sogar die Hand Gottes ist angeblich im Spiel. Großes Drama und noch größeres Theater.
Eine Bühne, wie gemacht für Trump, der persönlich gegen eine rote Karte protestierte und Sie zu einer "Überprüfung" aufforderte.
Es wäre für Sie viel zu einfach gewesen, zu sagen: "Schau Donald, ich schenke dir noch einen Friedenspreis, aber ich kann keine rote Karte verschwinden lassen. Korruption findet schön versteckt im Hinterzimmer statt, aber nicht da, wo es jeder mitbekommt, Buddy".
Nein, Sie haben auf den klassischen "Fluch der Erfüllung" vertraut. Jemand bekommt exakt das, worum er gebeten hat, merkt aber zu spät, dass die Realität ganz andere Konsequenzen mit sich bringt. Diesmal sogar biblische. Plötzlich tat sich ein weltweites David-gegen-Goliath-Gefühl auf. Auf dem US-Team lag nicht nur die erwartungsvolle Last einer ganzen Nation, sondern auch der Siegeszwang durch den Präsidenten.
Das Ergebnis ist bekannt. Die Logik der FIFA-Weltrangliste und die gewonnene Energie der Roten Teufel aus dem bestandenen Stresstest gegen den Senegal sorgten für das Ausscheiden der USA. "Cheated to win and lost anyway." Geschummelt und doch verloren, vor den Augen der ganzen Welt. Was für eine Blamage. Aber großartige Schlagzeilen.
Herr Infantino, sie haben es den Amis gezeigt, aber so richtig. Auch wir haben dazugelernt! Nämlich, dass eine Supermacht gewillt und in der Lage ist, die Spielregeln nicht nur im Bereich des politischen "während des Spiels" zu verändern, sondern auch im Sport.
Dabei gibt es doch mehrere Arten zu gewinnen. 2006 präsentierte sich Deutschland so schön wie nie: als fröhlicher Gastgeber, der im Halbfinale gegen Italien ausschied. Das Sommermärchen unter dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" prägte das kollektive Gedächtnis, zeigte ein weltoffenes Land und entfesselte durch Public Viewing und friedliche Fanfeste ein einmaliges Gemeinschaftsgefühl. Soft-Power statt Hard-Power.
Herr Infantino, egal ob Fritten oder Burger - am Ende schmeckt der Fußball am besten, wenn wir ihn ehrlich und fair genießen. Darauf stoße ich an.
Manuel Zimmermann