"Die Welt zu Gast bei Freunden." Das war vor 20 Jahren das Motto der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland. Die Gastgeber erfanden sich praktisch neu mit ihrer Charme-Offensive. Daraus wurde ein "Sommermärchen", später entzaubert, als die Unregelmäßigkeiten bei der WM-Vergabe ans Licht kamen.
Vorschusslorbeeren gibt es schon länger nicht mehr: Südafrika und Brasilien konnten zwar noch mit Fußballbegeisterung punkten. Für die ärmeren Volksschichten war aber in der Außendarstellung kein Platz, übrig blieben überdimensionierte Stadien, sogenannte "weiße Elefanten", die den Steuerzahler noch viel Geld kosteten. Korruption auch hier. Ganz zu schweigen von der WM-Vergabe an Russland und an Katar.
Die gemeinsame Bewerbung von Mexiko, Kanada und den USA, die anlässlich der WM vor acht Jahren auf dem FIFA-Kongress in Moskau den Zuschlag erhielt, klang zunächst wie ein vielversprechendes Gegenkonzept.
Die drei Ausrichterländer sind aber eben auch nicht über jeden Zweifel erhaben: In Kanada nutzen die WM-Organisatoren angestammtes Land indigener Völker, dort "First Nations", genannt. Als Wiedergutmachung gibt es 18 Millionen Dollar und die offizielle WM-Partnerschaft. Grundlegende Probleme werden verdrängt.
Keine zwei Meinungen gibt es über Mexiko mit seinen Verbrecherkartellen und hoher Alltagskriminalität - von einer Reise in manche Regionen wird dringend abgeraten.
Und dann wären da die Vereinigten Staaten von Amerika, die demnächst 250 Jahre Unabhängigkeitserklärung und ihre Demokratie feiern wollen. Dass es um diese Demokratie derzeit nicht gut bestellt ist, zeigt neben anderen autoritären Bestrebungen der MAGA-Bewegung die Art und Weise, wie ausländische Staatsangehörige inhaftiert und abgeschoben werden - mit den willkürlichen Übergriffen der Einwanderungsbehörde ICE. WM-Touristen sollten sich das amerikanische Abenteuer zweimal überlegen. Wenn sie denn überhaupt eine Einreiseerlaubnis erhalten.
Gegen 20 Staaten haben die USA ein vollständiges Einreiseverbot verhängt, darunter auch gegen die WM-Teilnehmer Haiti und Iran. Für Länder wie den Senegal oder die Elfenbeinküste gilt eine eingeschränkte Einreiseerlaubnis. Dabei sollen laut Statuten der Fifa die WM-Gastgeberländer so bestimmt werden, "dass bestmögliche Austragungsbedingungen garantiert sind".
Noch kurz vor der WM-Vergabe, also noch während seiner ersten Amtszeit, hatte Donald Trump afrikanische Staaten oder Länder wie Haiti als "shithole countries" bezeichnet. Am Ende reichte es für die "United”-Kandidatur dennoch zum klaren Sieg gegenüber Mitbewerber Marokko. Von "United” kann keine Rede mehr sein - siehe den Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko oder Trumps despektierliche Äußerungen und Strafzölle gegenüber den Nachbarn und Mitausrichtern.
Alles andere als gute Voraussetzungen für ein solches Turnier. Dem Ganzen die Krone aufgesetzt hat Fifa-Boss Gianni Infantino, als er vor Trump katzbuckelte und ihn mit dem erfundenen Friedenspreis huldigte. Keine drei Monate später eröffnete Trump auf Drängen der israelischen Regierung den Krieg gegen Iran, aus dem er nun nicht wieder rauskommt.
Die iranische Fußballnationalmannschaft pfeift ihrerseits darauf, sich deswegen von dem Turnier zurückzuziehen. Sie hat ihr Trainingscamp von Arizona nach Tijuana verlegt und nun auch die Einreise-Visa für Mexiko erhalten. Von dort ist es nicht weit nach Los Angeles, wo die Iraner nächste Woche auf Neuseeland und in zwei Wochen auf Belgien treffen.
Sollten sie als Gruppenzweite weiterkommen, träfen sie in der nächsten Runde womöglich auf die USA - am Vorabend des Unabhängigkeitstages. Das hätte sicher seinen Reiz. Und so wird es bei allen Bauchschmerzen und berechtigten Zweifeln wegen der Ausrichter so sein, dass der Reiz des Spiels die Oberhand gewinnt, sobald der Ball rollt.
Stephan Pesch