1956 - 2026. Was sich am Sonntag in Ungarn abgespielt hat, ist natürlich nicht zu vergleichen mit dem Volksaufstand gegen das kommunistische Regime vor 70 Jahren, der von sowjetischen Soldaten und Panzern blutig niedergeschlagen wurde. Und doch war es in dieser Deutlichkeit auch eine Art Volksaufstand gegen den seit 16 Jahren regierenden Autokraten Viktor Orban.
Ironie der Geschichte: Es erwischte den Vorreiter der "illiberalen Demokratie", die er selbst im Jahr 2014 proklamiert hatte, auf dem Weg der demokratischen Wahl. Trotz der Einmischungsversuche aus Moskau und Washington. Und die Zweidrittelmehrheit für seinen Herausforderer Magyar ergibt sich aus den Spiegelregeln, die Orban zu seinem eigenen Nutzen beziehungsweise dem der regierenden Partei eingeführt hatte.
Seitdem wird analysiert, was bei den ungarischen Wählern den Ausschlag gegeben haben könnte für Péter Magyar und gegen Viktor Orban: die Haltung zu Europa, gegenüber Russland, der hohe Grad an Korruption im System Orban - oder Überdruss?
Die Abfuhr für Orban weckt jedenfalls nicht nur in Ungarn Hoffnungen auf ein demokratisches Frühlingserwachen. Die Europäische Union wird endlich wieder gemeinsame Positionen vertreten können, ohne das Veto des Quertreibers zu fürchten, den Jean-Claude Juncker einst mit "Dictator" begrüßte, indem er ihm die Wange tätschelte.
Wem diese Einschätzung zu flapsig erscheint: In ihrem Buch "Spin Dictators" beschreiben Sergei Guriev und Daniel Treisman detailliert wie heutige Despoten à la Orban die Öffentlichkeit manipulieren, indem sie demokratische Prozesse simulieren, in Wahrheit aber aushöhlen. Am Ende wahrte der machtverwöhnte, aber wohl auch müde Amtsinhaber nicht mal mehr den Schein.
Wir sollten uns aber nicht zu früh freuen: Vielen Ungarn war vermutlich das Hemd näher als der Rock, das wirtschaftliche Auskommen wichtiger als hehre europäische Werte. Wir wissen noch nicht, was Péter Magyar mit der neugewonnenen Machtfülle anfangen kann. Er hat nicht weniger als einen Systemwechsel angekündigt. Aber auch Orban will sich nun "neu erfinden". Und was ist mit seinen EU-kritischen und prorussischen Brüdern im Geiste wie Robert Fico in der Slowakei? Oder Rumen Radew in Bulgarien, der sich anschickt, am Sonntag die Parlamentswahlen zu gewinnen - auch da gibt es Anzeichen auf massive Wahleinmischung von außen.
Das ungarische Volk jedenfalls hat sich mit einer Rekordwahlbeteiligung für einen Neuanfang ausgesprochen. Und das sollte allen überzeugten Demokraten Mut machen.
Stephan Pesch
Demokratisch ist in Europa, was die EU darunter versteht.Das erinnert mich an Walter Ulbrichts Ausspruch wonach es demokratisch aussehen muss.
Man mag denken was man will über Orban, Fico und Co.Sie wurden demokratisch gewählt und kamen nicht durch einen Militärputsch an die Macht.Die EU funktioniert trotzdem. Deswegen kein Grund zur Sorge.
Warten wir mal ab und beurteilen wir Peter Magyar anhand seiner Taten nicht anhand seiner Worte.Er ist zumindest schlau genug und beteiligt sich nicht am 90-Milliarden-Euro-Kredit an das Fass ohne Boden namens Ukraine.
Die EU ist gut beraten, das Verhältnis zu Russland zu normalisieren.Denn nur so kann es langfristig zu einem demokratischen Wandel kommen.Das geht nur durch Öffnung nicht durch Abschottung mittels Sanktionen.