Es gibt Tage, die die Geschichte einer Stadt oder eines ganzen Landes in ein "davor" und in ein "danach" einteilen. Für die Menschen in Madrid gehört der 11. März 2004 dazu. Für die in London der 7. Juli 2005. Für die Menschen in Paris ist es der 13. November 2015. Für die Menschen in Nizza der 14. Juli 2016, in Berlin ist es der 19. Dezember 2016. All diese Orte und noch unzählige mehr auf der ganzen Welt haben das Schicksal von Brüssel geteilt und sind zu Opfern von feigem und blindem islamistischem Terror geworden. Manchmal sogar mehr als einmal.
Solche Terroranschläge sind eine Zäsur. Weil davor kann man immer hoffen, dass Attentate etwas sind, was nur woanders passieren kann. Das ist natürlich ein eigentlich vollkommen irrationaler mentaler Verteidigungsmechanismus. Aber einer, der erstaunlich oft zu funktionieren scheint. Bis eben auch vor unserer Haustür, auf unserem Weg zur Arbeit, in unserer Schule oder Uni, auf unserer Café-Terrasse Schüsse fallen oder Bomben explodieren. Und auch unsere Illusion von Sicherheit zerfetzen.
Weil Terror kennt keine Grenzen. Nichts schützt uns vor Terror. Nicht unsere Hautfarbe, nicht unsere Religion, nicht unser Pass, nicht unser Job oder sozialer Status. Diese besonders perfide Art des Terrors richtet sich bewusst gegen weiche, unvorbereitete, zivile Ziele, um maximalen Schrecken, Schock und Leid zu verursachen. Es ist ein blinder Terror, der einfach nur morden will.
Verübt wurde auch der Terror in Brüssel von selbsternannten Gotteskriegern, die sich selbst als Helden in einem angeblich heiligen Krieg sehen wollten, die in Wahrheit aber nichts als feige Verlierer waren. Verlierer, die in ihrem Leben nie etwas erreicht oder geschaffen hatten, die ihrem eigenen, verblendeten Ego aber ein Denkmal für die Ewigkeit setzen wollten, indem sie möglichst viele Menschen mit in den Tod rissen. Narzissten, die nur Nichtbeachtung und Verachtung verdient haben.
Stattdessen sollten wir unsere gesamte Aufmerksamkeit lieber den Menschen schenken, die durch diese und andere Angriffe viel zu früh aus dem Leben gerissen worden sind. Oder die mit furchtbaren sichtbaren oder unsichtbaren Wunden überlebt haben. Den Angehörigen, die mit dem Verlust ihrer Lieben leben müssen, so schwer das auch ist. Den Helfern, die aus reinem Zufall oder jobbedingt an diesem Tag vor Ort waren und die Übermenschliches geleistet haben. Den Menschen, die versucht haben und weiter versuchen, Opfern, Hinterbliebenen und Angehörigen beizustehen. Und auch den Menschen, die täglich zur Stelle sind, um zu versuchen die Wiederholung so eines Dramas zu verhindern. Wobei natürlich auch diejenigen nicht vergessen werden dürfen, die geholfen haben, die Verantwortlichen für die Anschläge zur Strecke zu bringen und zur Rechenschaft zu ziehen.
Aber in gewisser Weise verdienen wir alle auch ein bisschen Anerkennung. Wir, die wir unser Leben nicht kaputtmachen lassen von Terroristen und ihren Strippenziehern. Die wir uns nicht kleinkriegen lassen von der Angst, dass wieder etwas passieren könnte. Das gilt heute genauso, wie es vor zehn Jahren galt. Wie es ein Passant damals bei der spontanen Solidaritäts- und Trauerbekundung an der Brüsseler Börse sinngemäß auf den Punkt gebracht hat: Sich einschließen und nicht mehr rausgehen, das bedeutet, die Attentäter gewinnen und unser Leben diktieren zu lassen.
Boris Schmidt