Kommentar: Wie könnt ihr es wagen! Zu alten und neuen Protestformen der Klimaaktivisten

In gut einer Woche beginnt die 27. UN-Klimakonferenz. Im Vorfeld machen Aktivisten verstärkt auf die drängenden Herausforderungen aufmerksam - neuerdings auch in Eupen. Statt uns über die Form zu empören, sollten wir uns mit den Anliegen dahinter auseinandersetzen.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

15 Jahre ist es her, da bot sich am Zusammenfluss von Weser und Hill in der Eupener Unterstadt ein seltsames Schauspiel: Rote Schafe und grüne Krokodile aus recycelbarem Kunststoff standen bunt verstreut im Flussbett. Dahinter steckten das Ikob und der Künstler William Sweetlove vom Künstlerkollektiv Cracking Art Group.

Die Schafe waren eine Reminiszenz an die Geschichte Eupens als Tuchmacherstadt. Die Krokodile, so der Künstler, vielleicht etwas wie „die Vorboten des Klimawandels“. Darüber wurde im Sommer 2007 noch herzhaft gelacht.

Mit der Kunst und dem Klima ist das so eine Sache. Da erdreisten sich junge Klimaaktivisten in London, Potsdam und Den Haag, weltberühmte Gemälde zu besudeln – mit Tomatensuppe und Kartoffelbrei! Dem Himmel sei Dank ist nichts Schlimmes passiert: Van Goghs „Sonnenblumen“, Monets „Heuschober“ oder Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ waren mit einer Glasscheibe geschützt vor solchem Frevel. Das dürften die Aktivisten einkalkuliert haben. Schließlich wollen sie für die Zukunft aufrütteln und sich nicht die eigene Zukunft verbauen.

So spontan der Protest rüberkommt, so generalstabsmäßig vorbereitet ist er – in schöner Regelmäßigkeit ungeteilte Aufmerksamkeit via soziale und traditionelle Medien. Wer hat noch nicht, wer will nochmal … Neben der eigentlichen Performance steckt dahinter ein kunstvoll gespiegeltes „Wie könnt ihr es wagen!“

Das Mädchen Greta, das beim UN-Klimagipfel in New York den Anwesenden sein „How dare you?“ entgegengeschleudert hatte, ist inzwischen eine junge Frau von 19 Jahren. Und hat pünktlich zur COP27 „Das Klimabuch“ herausgebracht. Keine Memoiren, wie sie gleichaltrige Promis frühzeitig veröffentlichen. Eher ein Memorandum und der Aufruf, „auf die Wissenschaft zu hören, ehe es zu spät ist“.

Die Freitags-Tradition von Gretas Schulstreiks für den Klimaschutz ist nun also auch in Eupen angekommen. Prompt gab es schon im Vorfeld einen Shitstorm gegen die „Schulschwänzer“. „Wie können sie es wagen! Die werden doch nicht aufmüpfig werden?“

Dabei wollten die jungen Leute weder randalieren, noch Verkehrsschilder oder Poller ausreißen, sondern nach den Worten der Veranstalterin „ihr Recht auf eine Zukunft einfordern“. Wer will ihnen das verwehren? Und was den befürchteten Unterrichtsausfall angeht (wenn überhaupt), haben sie bei dieser Kundgebung während der Mittagspause mehr fürs Leben gelernt als manches Mal im Klassenzimmer.

Oder störte es etwa, dass es eine solche Kundgebung nun auch in Eupen gab? Nun, was extreme Wetterphänomene anrichten können, das weiß man nicht zuletzt am Zusammenfluss von Weser und Hill.

Stephan Pesch

3 Kommentare
  1. Gerald Pesch

    Was am Zusammenfluss von Weser und Hill passierte war in erster Linie die Folge einer totalen Fehleinschätzung der Situation durch die Talsperrenverwaltung. Der zuständige Wallonische Minister wusste aber schon dass seine Dienststellen keine Fehler begangen hatten noch ehe das Wasser aus den Kellern in der Unterstadt abgelaufen war. Dabei ist es bis heute geblieben. „Der Klimawandel ist schuld“ diese Ausrede hörte man beiderseits der Grenzen von den Politikern aller Parteien und die Medien übernehmen dieses Narrativ auch noch bereitwillig statt kritische Fragen zu stellen. In früheren Zeiten waren Unwetter die Strafe Gottes für die sündige Menschheit, heute straft der Klimagott die Klimasünder. Der Aberglaube ist durch die Aufklärung nicht verschwunden, es hat nur der Gott gewechselt….

  2. Dieter Leonard

    Dass die Talsperrenverwaltung (im Gegensatz zu Engie, die schließlich ihre Talsperren angeblich jederzeit im Griff hatten) durch eine „totale Fehleinschätzung“ die Überschwemmungskatastrophe an der Weser zu verantworten hat, ist eine Narrativ, dass der ehemalige Chefredakteur des GE mit an Bessenheit grenzender Leidenschaft seinen Lesern immer wieder unter die Nase gerieben hat.
    Die gleichen desaströsen Überschwemmungen an der Hill, der Hoegne, der Ahr und überall dort, wo in den vergangenen Monaten Menschen ihr Hab und Gut oder gar ihr Leben im Hochwasser verloren, würde man am liebsten – nein, nicht einem Gott – sondern auch einem öffentlichen Dienst in die Schuhe schieben, schließlich eignen die sich als Prügelknaben.
    Das Narrativ vom nachlässigen öffentlichen Dienst und der verantwortungsvoll handelnden Privatwirtschaft hält einer objektiven Prüfung allerdings nicht stand.
    Dies interessierte weder den Meinungsmacher im GE noch diejenigen, für die der schwarze Peter tatsächlich schon feststand, „bevor das Wasser aus den Kellern in der Unterstadt abgelaufen war“.

  3. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Allen Klimaaktivisten und Greta-Fans empfehle ich die Lektüre des Buches „Die Welle“.