Kommentar: Gelbe Karte für den scheinheiligen Rückruf der Stadt Eupen

Public Viewing oder nicht? Das war die Frage die nach ellenlangen Diskussionen in ganz Europa nun auch Ostbelgien erreicht hat. Erst gab es vom fußballbegeisterten Rat für Stadtmarketing das Go für ein Public Viewing in abgewandelter Form. Kurz darauf folgte die Grätsche der Stadt Eupen mit dem Verbot eines solchen Rudelguckens.

BRF-Sportredakteur Christophe Ramjoie (Bild: BRF)

BRF-Redakteur Christophe Ramjoie (Bild: BRF)

Noch nie war eine sportliche Großveranstaltung so negativ in der Kritik wie die Fußball-WM in Katar. Aufschreie gegen große Sportevents hat es aber immer wieder gegeben. Egal, ob die der Fußball-WM 1978 in Argentinien unter einer Militärdiktatur, Russland 2018 nach der Krim-Annektierung oder die Olympischen Spiele in China, wo man es mit den Menschenrechten ja auch nicht so genau nimmt. Das sind nur ein paar Beispiele einer ellenlangen Vorwurfsliste, auf denen auch Deutschland oder auch die USA zu finden sind.

Nun hat man sich zum Großteil in Europa auf die WM in Katar eingeschossen. Der ganze alte Kontinent scheint, das Turnier im kleinen Emirat zu boykottieren oder zumindest nicht öffentlich zeigen zu wollen. Protesttrikots werden im Netz gefeiert und lassen die Kassen klingeln.

Auf diesen fahrenden Boykott-Zug springt nun also auch die Stadt Eupen auf und vergisst derweil, wer seit Jahren Geld in die Königliche Allgemeine Sportvereinigung pumpt, um im belgischen Fußball-Oberhaus antreten zu können. Die beim ersten Aufstieg – wohlgemerkt ohne katarische Unterstützung – geschaffene Infrastruktur und die damit verbundenen Kosten wurden an den Verein abgetreten und finanziert wird es zum Großteil aus Katar.

Bei der Neugestaltung der Sportinfrastruktur hofft die Stadt auf eine Finanzspritze aus dem Emirat. Ein Zeichen zu setzen, ist sicherlich nicht verkehrt. Die Missstände in Katar anzuprangern, ist aus europäischer Sicht jedoch anmaßend und nicht unbedingt das richtige Signal. Brücken bauen, Hand reichen und gemeinsam schauen, wie das Beste daraus zu machen ist, das sollte doch eine Lösung sein.

Katar müht sich, um jeden Preis zu gefallen und bekommt nur auf die Mütze beziehungsweise auf die Kofia . Alle Anstrengungen werden von Europa aus nicht wahrgenommen. Sicherlich sind Fehler gemacht worden und auch nicht zu knapp. Aber wer sind wir, um so urteilen zu dürfen? Auch in Europa geschieht tagtäglich unrecht in sämtlichen Bereichen.

Boykottieren wir die Supermärkte wegen der unsäglichen Arbeitsbedingungen der LKW-Fahrer? Boykottieren wir den Fleischkauf wegen der Zustände in gewissen Schlachthöfen? Nein, denn das passt uns nicht! Die Winter-WM, die für uns rein kalendarisch eine Herbst-WM ist, sollte eh nur da gespielt werden, wo Fußball Tradition hat. Haben andere Nationen, denn nie die Chance sich eine solche Tradition aufzubauen und möglicherweise auch Dinge wie Menschenrechte in Zukunft deutlich zu verbessern? Die Frage wird ja wohl auch als Europäer erlaubt sein! Auch hier ist aus Fehlern der Vergangenheit gelernt worden, um die Zukunft besser zu gestalten.

Christophe Ramjoie

4 Kommentare
  1. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Der Kommentar gefällt mir.Der BRF beweist Mut.

    So richtig den grünen Autoritäten im Eupener Rathaus die Leviten gelesen. Da kriegt der BRF bestimmt demnächst Grünen-Hass vorgeworfen und anderen linken Nonsens.

    Ist schon irgendwie eine Doppelmoral, einerseits Geld und Investitionen aus Katar zu akzeptieren und andererseits das Public Viewing zu verbieten.Ist außerdem schlecht für die politische Glaubwürdigkeit. Alles nach dem Motto : „Geld gut, Leute schlecht.“.

    Sich ungefragt in die inneren Angelegenheiten eines Landes einmischen, ist für mich Kolonialismus. Wenn man was verändern will, ist der moralische Zeigefinger die falsche Art und Weise.Es ist besser, miteinander zu reden und zusammen Projekte zu realisieren.

  2. Karl Heinz Derwahl

    Drei mal Daumen hoch für den Kommentar von Christoph. Dem ist nichts hinzu zu fügen. Das ist einfach die traurige Wahrheit.
    KH Derwahl Eupen

  3. Michael Schmidt

    Der Kommentar nimmt natürlich zu Recht die Doppelmoral aufs Korn, die insbesondere im Hinblick auf die Finanzierung der KAS ein echtes Geschmäckle hat. Logisch ist das aber dennoch nicht: Weil LKW-Fahrer schlecht bezahlt werden, sind auch Tote beim Stadionbau in Katar zu akzeptieren? Diese immer gleiche Diskussion ist übrigens nur noch ermüdend. Überflüssig ist die Aussage „Als Europäer wird die Frage noch erlaubt sein“ – natürlich ist sie das hier, nicht so übrigens in Katar. Ich beantworte sie aber offenbar anders als Sie: Ich werde diese WM nicht gucken. Ich heiße auch die Entscheidung gut, kein Public Viewing anzubieten. Damit ist das aber nicht verboten: Meines Wissens darf jeder eine solche Veranstaltung organisieren. Natürlich auf eigene Kosten und nicht durch Steuergelder finanziert.

  4. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Die Stadt Eupen hat nur gezeigt, dass sie nichts von Diplomatie und vom Geschäftemachen versteht. Wäre besser gewesen, wenn die Bürgermeisterin sich mit einem katatischen Scheich zum Public Viewing verabredet hätte, um weitere Projekte zu besprechen und in einem Vier-Augen-Gespräch die Menschenrechte anzusprechen. Dann kann vielleicht was dabei rauskommen. Bei einem öffentlichen Boykott garantiert nichts.