Kommentar: Wehret den Anfängen, immer und immer wieder!

Die Medienberichterstattung in Belgien und vor allem in Flandern ist diese Woche von einer Veranstaltung bestimmt worden, die nun doch nicht über die Bühne gehen soll. Als Teil der flämisch-nationalistischen „Ijzerwake“ war ein Musikfestival geplant - mit Auftritten, die dem rechtsextremen Milieu zugeordnet wurden.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Jeden Abend erklingt unter dem Ehrenbogen „Menenpoort“ in Ypern das Signal „The Last Post“, als ständige Erinnerung an das, was hier im Ersten Weltkrieg passiert ist. Ein Ritual für den Frieden. Jeden Abend, auch am Samstag in einer Woche.

Und es ist auf der einen Seite ja beruhigend, dass dieses Signal nicht von Misstönen aus einer ganz anderen Ecke gestört wird, weil die geplante erste Auflage der sogenannten „Frontnacht“ gerade noch rechtzeitig von der Gemeinde Ypern abgesagt wurde. Auf der anderen Seite frage auch ich mich, wie es dafür überhaupt eine Zusage geben konnte. Schon bei der Bekanntgabe der auftretenden Künstler Anfang Mai hatte es genug Hinweise darauf gegeben, dass es hier nicht um „Peace and Love and Music“ gehen würde … eher schon um „Blut und Boden und Ehre“.

Die Veranstalter der sogenannten Ijzerwake machen keinen Hehl daraus, dass sie eine identitäre Bewegung sind. Darauf sind sie vermutlich auch sehr stolz. Und sie versichern, dass sie seit 29 Jahren penibel darauf achten würden, ihre Linie einzuhalten, wonach radikaler Nationalismus willkommen sei, Neonazis aber nicht! Wenn man so will: eine Art „Cordon sanitaire“ unter Rechten. Das heißt: Abgrenzen wollen sie sich natürlich in erster Linie von den Linken. Deren Bemühen um eine Absage des Musikfestivals zog die strammrechte Internet-Plattform reactnieuws noch vor wenigen Tagen in siegestrunkener Erwartung des Festivals ins Lächerliche: Dass Vredescollectief hatte in seiner Argumentation unter anderem den Liedtext ‚Bis das Hermannsland wieder blüht‘ mit dem in Leipzig ansässigen Hermannsland-Verlag verknüpft, der laut Verfassungsschutz auch Tonträger mit rechtsextremistischem Liedgut vertreibt. Nun sei Hermann, der Cherusker, doch schon 2.000 Jahre tot, das beanstandete „Liedje“ also vollkommen unverfänglich.

Selbst wer sich nicht intensiv mit der rechten Szene befasst, sollte doch eigentlich wissen, dass sie – um Verbote zu umgehen – durchgängig mit Andeutungen arbeitet, mit Symbolen, Chiffren oder Codes. Bis hin zur Kleidung, wie sie unter anderem der für Ypern gemeldete „patriotische Liedermacher“ Sacha Korn unter dem Label „Neue deutsche Härte“ vertreibt oder – sieh mal einer an – als Kapuzenjacke „Cherusker – keine Gnade“.

Wohl auch mit solchen Accessoires wollte Ijzerwake ein jüngeres Publikum ansprechen. Es geht aber nicht nur um die „Einstiegsdroge“ Musik für pubertierende Jugendliche. Sondern, wie der Politikwissenschaftler Henning Flad erklärt, auch darum, die Leute bei der Stange zu halten. Anspielungen in den Texten sagen den Eingeweihten: Ich gehöre dazu.

Das Sommertheater um die „Affrontnacht“, wie „Het Laatste Nieuws“ treffend schrieb, hatte immerhin den Vorteil, dass einige Masken gefallen sind: bei der flämisch-nationalistischen Bewegung und beim Vlaams Belang und ihrem Kammerabgeordneten Dries Van Langenhove. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Gegen solche Wölfe im Schafspelz gilt nur die Botschaft: Wehret den Anfängen – immer und immer wieder. Wie bei „The Last Post“, Abend für Abend unter der „Menenpoort“ in Ypern.

Stephan Pesch