Der Kommentar: Welle der warmen Worte gegen eisige Erinnerungen

In dieser Woche hat auch in Ostbelgien ein Thema die Berichterstattung mit beherrscht, das im Grunde aber ohne Überraschungen ausgekommen ist. Zum Jahrestag der Flutkatastrophe gab es in der Provinz Lüttich - wie zu erwarten - eine ganze Reihe von Gedenkfeiern. An symbolischen Akten kein Mangel. Doch es bleibt nicht nur die Erinnerung, sondern noch viel zu tun.

BRF-Redakteur Manuel Zimmermann

BRF-Redakteur Manuel Zimmermann (Bild: Achim Nelles/BRF)

Reden ist Silber, Zuhören ist Gold. Mit dieser Einstellung dürften nicht nur König Philippe und Königin Mathilde, sondern auch die meisten Minister und Politiker zu den Gedenkveranstaltungen angereist sein.

Denn was bringen warme Worte, wenn die neue Heizung oder Küche noch immer nicht geliefert werden konnte, der Ärger mit der Versicherung kein Ende nimmt oder nicht klar ist, wann beziehungsweise ob man überhaupt wieder in sein früheres Zuhause heimkehren kann? An Einzelschicksalen und persönlichen Leidensgeschichten mangelt es nicht.

Wie ein roter Faden durch das vergangene Jahr zieht sich aber auch die Bewunderung der Hochwasseropfer für die schier grenzenlose Hilfe und Solidarität, die sie nach der Katastrophe erfahren durften.

Nicht nur zahlreiche Freunde, Bekannte und zuvor Unbekannte haben dafür gesorgt, dass die Opfer im wahrsten Sinne der Wortes nicht alleine im Regen stehen bleiben mussten. Sogar Busse mit helfenden Händen aus Flandern steuerten Ostbelgien an und bekräftigten vielleicht so auch die These des niederländischen Autors und Historikers Rutger Brekman, dass der Mensch im Grunde gut ist und kein zynischer Egoist.

Zugleich leidenschaftlich und eisig im Ton

So herzerwärmend diese kleinen Heldengeschichten auch sein mögen, es bleibt doch viel Frust und Unzufriedenheit, wenn das Zuhause bis heute noch immer nicht das warme Nest wurde, das es mal war.

Diese Unzufriedenheit richtet sich auch an die politischen Verantwortungsträger der Stadt Eupen – insbesondere an die Bürgermeisterin, wie man diese Woche im BRF hören und sehen konnte. Claudia Niessen wies die Kritik zurück. Die Stadt könne sich nicht um alle Partikularinteressen kümmern.

Was ist zumutbar, was nicht?

Es wäre an dieser Stelle unlauter, umgehend mit dem Finger auf vermeintlich Schuldige und ihre etwaigen Versäumnisse zu zeigen. Versuchen wir es mit Selbstkritik.

Sollten wir Medienleute in diesem Zusammenhang nicht gezielter Antwort auf die Frage suchen, was Politiker leisten können und wollen – und was nicht ihre Aufgabe ist?

Es gibt also noch einiges zu tun, damit mehr Klarheit herrscht. Das beinhaltet mehr, als nur einem Schuldfetisch zu frönen.

Dass es konstruktiver ist, bei Problemen statt nach Schuldigen nach Lösungen zu suchen, steht seit eh und je in Ratgeberbüchern aller Art.

Und nicht nur nach diesem Kommentar gilt auch für uns im BRF wieder: Reden ist Silber, Zuhören ist Gold.

„In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten suchen nach Schuldigen.“
(Beliebter Spruch in den sozialen Medien)

Manuel Zimmermann