Kommentar: Mutmacherinnen

Mit dem Internationalen Karlspreis zu Aachen werden in der Regel Persönlichkeiten ausgezeichnet, die schon lange hohe politische Ämter ausüben. Diesmal waren es drei Frauen, die gegen das autoritäre Regime in Belarus kämpfen. Und das ist geradezu exemplarisch.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

„We shall overcome“, sangen sie am Ende alle gemeinsam auf dem Aachener Katschhof. Und das galt wohl nicht nur der Hoffnung, den „letzten Diktator Europas“, Alexander Lukaschenko, aus dem Amt zu jagen. Die Friedenskundgebung, die an die Stelle des traditionellen Bürgerfestes bei der Karlspreisverleihung trat, stand vor allen Dingen unter dem Eindruck des Vernichtungskrieges, den derjenige angezettelt hat, der seine schützende Hand über Lukaschenko hält und dessen Land als Aufmarschgebiet nutzt.

Fatalerweise droht durch den Krieg in der Ukraine die unerträgliche Situation in Belarus aus dem Blickfeld zu geraten. 1.200 politische Gefangene soll es dort geben – eine von ihnen ist Maria Kolesnikowa, deren Schwester stellvertretend für sie den Karlspreis entgegennehmen durfte, zusammen mit Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkàlo. Das Trio beanspruchte die Auszeichnung aber nicht für sich, sondern „für alle Belarussen, die in ihrem friedlichen, gewaltfreien Kampf gegen die Tyrannei enorme Anstrengungen und Hingabe gezeigt haben“.

Diese Bescheidenheit ist nicht gespielt. Die Preisträgerinnen wirkten auch in Aachen fast verlegen, eben wie Frauen, die es nicht darauf angelegt hatten, in diese Rolle zu geraten mit allem, was sie beinhaltet: ständige Bedrohung, Verzicht, Exil oder wie im Fall von Kolesnikowa elf Jahre Haft und die mögliche Anklage als „Terroristin“, was einem Todesurteil gleichkommen könnte.

Man kann das Aachener Karlspreisdirektorium nur zu seiner Wahl beglückwünschen. Das Gremium hat sich damit politisch so stark positioniert wie selten zuvor. Es sind eben keine „Großkopferten“ ausgezeichnet worden, wie es Martin Schulz, selbst 2015 Karlspreisträger, ausdrückte, sondern Frauen aus dem Volk: echt, authentisch, emotional.

Das gilt auch für eine Handvoll Künstlerinnen, die zurzeit durch Europa touren und deren Auftritte dann doch schon von einem anderen Kaliber sind: Die russische Punkrockband „Pussy Riot“, ein Künstlerkollektiv, das Putin seit mehr als zehn Jahren mit zornigem Sprechgesang und bunten Sturmhauben die Stirn bietet.

Mit Arbeitslager, Geldstrafen und Hausarrest versuchte das Regime, sie zum Schweigen zu bringen. Vor kurzem schaffte es Frontfrau Marija Aljochina den Spitzeln zu entkommen und zu fliehen. Mit ihrer Band will sie nun den Westen aufrütteln gegen die Zustände in ihrem Land und gegen den Krieg in der Ukraine – nicht schön, aber laut! In München, Hamburg, Berlin, am vergangenen Wochenende auch in Löwen oder an diesem Samstag in der Völklinger Hütte. Nach Moskau können sie sich so schnell nicht wieder trauen. Der Preis für freie Meinungsäußerung.

In ihrer Karlspreis-Laudatio auf die Bürgerrechtlerinnen aus Belarus meinte die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock, sie wisse nicht, ob deren Protest „typisch weiblich“ sei. Sie wisse aber, dass sie „für viele Millionen Frauen, junge Frauen in ganz Europa Vorbild“ seien. Baerbock nannte die drei Preisträgerinnen „die mutigsten Frauen Europas“. Sie und andere wie die Aktivistinnen von „Pussy Riot“ sind aber noch mehr als das: Sie sind wahre Mutmacherinnen!

Stephan Pesch