Kommentar: Klopf, klopf … – das Corona-Barometer

Die Infektionszahlen schießen wegen Omikron in die Höhe, die Kammer lanciert die Debatte über eine allgemeine Impfpflicht … und was machen die Regierungen des Landes? Sie disputieren über ein längst überfälliges Corona-Barometer.

Maskenpflicht (Archivbild: Nicolas Maeterlinck/Belga)

Archivbild: Nicolas Maeterlinck/Belga

Als vor ein paar Tagen in der Südsee ein Unterwasser-Vulkan mit dem Namen Hunga-Tonga-Hunga-Ha’apai ausgebrochen ist, haben Barometer weltweit Luftdruckschwankungen angezeigt, auch im mehr als 16.000 Kilometer entfernten Belgien.

Für erhebliche Schwingungen sorgte in dieser Woche aber ein anderes Barometer: dasjenige, das anzeigen soll, welche Maßnahmen denn nun gelten angesichts der jeweiligen epidemischen Lage. Es soll so etwas wie Planungssicherheit geben in einer unübersichtlichen Situation, wie sie uns Sars-Cov-2 und seine mutierten Varianten zumuten. Navigieren statt Fahren auf Sicht.

Wobei das eigentliche Barometer – wenn überhaupt – eher für die kurzfristige Wettervorhersage taugt. Mein Großvater klopfte jeden Morgen gegen die Glasabdeckung. So wurde der Druck in der kleinen Metalldose auf einen Zeiger übertragen und er konnte ablesen, ob der Luftdruck steigt oder fällt, also: ob’s gutes oder schlechtes Wetter gibt. Ich kann mich noch erinnern, wie er anhaltend und heftig auf das Barometer klopfte, wenn ihm das, was er sah, nicht gefiel. Ändern tat das nichts.

Auch bei einem Prognoseinstrument wie dem Corona-Barometer macht Klopfen wenig Sinn. Wobei es wie sein Vorbild auf Druck reagiert. Die Expertengruppe Celeval, der zwischenzeitlich der Ostbelgier Yves Kreins angehörte, hatte es im Herbst 2020 ins Spiel gebracht. Groß angekündigt verschwand es damals mehr oder weniger kommentarlos in der Schublade, um jetzt wieder hervorgeholt zu werden. Übrigens auf Vorschlag der DG, wie deren Ministerpräsident Oliver Paasch wiederholt unterstrichen hat – im Rahmen ihrer „Brückenfunktion“ zum deutschsprachigen Ausland, wo solche Instrumente schon angewandt wurden.

Auf die Sprünge geholfen hat dem Revival dieses Stufenplans zweifellos das Fiasko um die arg improvisierte Schließung der Kultur im Dezember. Wer aber glaubte, dass sich alle Teilstaaten sofort hinter die Idee stellen würden, sah sich in dieser Woche eines Besseren belehrt: Ein solcher Rahmen sei ja gut und schön, aber: zu strikt, zu langfristig, zu bindend. Es folgte: das übliche Geschacher.

Bliebe als Anhaltspunkt noch das Motivations-Barometer, dessen 39. Bericht in dieser Woche zwei wenig überraschende Schlussfolgerungen enthielt. Zunächst einmal: Die Motivation, die Corona-Maßnahmen einzuhalten, ist zurückgegangen. Gut, dazu bräuchte es keinen Expertenbericht – sieht ja jeder selbst, wie die Leute zunehmend machen was sie wollen.

Für das Team um Maarten Vansteenkiste von der Uni Gent ist aber, und hier wird’s interessant, „von entscheidender Bedeutung, einen kohärenten langfristigen Plan zu entwickeln, der eine gewisse Vorhersehbarkeit bietet“. Die Motivationspsychologen stellen „mit Genugtuung“ fest, dass ihr Aufruf zur Entwicklung eines Corona-Barometers Gehör gefunden habe. Vielleicht sollten sie ihre Studien den politisch Verantwortlichen zur Pflichtlektüre machen.

Stephan Pesch