Kommentar: Der olympische Geist

Am Sonntag gehen in Tokio die 32. Sommerspiele der Neuzeit zu Ende. Neben Medaillen, Rekorden, Tränen der Freude und der Enttäuschung haben sie bestätigt: Sport und Politik sind nicht voneinander zu trennen. Ganz sicher nicht bei einem solchen Großereignis.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

„Olympia ist gerettet!“ Gemeint waren mit dieser Schlagzeile nicht die Olympischen Spiele in Tokio, sondern die antiken Stätten im Westen Griechenlands, die von den dort wütenden Waldbränden bedroht wurden. Die Gefahr für den symbolträchtigen Ort sei gebannt, hieß es – vorerst.

Die gleiche Einschränkung gilt für die Olympischen Spiele: Wegen Corona um ein Jahr verschoben, trotz Corona dann durchgezogen und von einer Mehrheit im Gastgeberland Japan nicht gewollt, mit vielen Einschränkungen und größtenteils vor leeren Zuschauerrängen.

Und doch üben sie einen unerklärlichen Reiz aus – vor allem auf die Hauptakteure: die Sportler. Viele von ihnen haben, wenn überhaupt, nur einmal die Chance daran teilzunehmen.

Und trotz Trophäensammlung und Titeln bleibt eine Medaille bei Olympia etwas Außergewöhnliches – auch fürs Publikum. Plötzlich interessiert sich die breite Öffentlichkeit in Belgien für Strafecken, Stufenbarren oder Siebenkampf.

Dass sich aus Erfolgen ein gewisser Nationalstolz ableitet, ist nicht schlimm. Gerade in der belgischen Selbstwahrnehmung als „petit poucet“, der über sich hinauswächst, wirkt das eher sympathisch.

Die emotionale Reaktion der erfolgreichen Olympioniken zeigt auch, unter welchem persönlichen und öffentlichen Erwartungsdruck diese Leistungen erbracht und vor allen Dingen: unermüdlich antrainiert wurden. Das Beispiel der Spitzenturnerin Simone Biles zeigt, dass der Bogen mitunter überspannt wird. Und ihrem Beispiel ist zu verdanken, dass auch dieser Aspekt von einer breiten Öffentlichkeit zumindest einmal wahrgenommen wird.

Dass die belarussischen Funktionäre die beabsichtigte Rückführung der Sprinterin Kristina Timanowskaja nach Kritik am Verband ausgerechnet mit dem gerade öffentlich diskutierten Phänomen „mentaler Probleme“ vernebeln wollten, wäre schon ein Grund gewesen, diese Holzköpfe von Olympia auszuschließen, was ja letztlich auch geschehen ist.

Timanowskaja selbst, unter diplomatischem Schutz im polnischen Exil angekommen, erklärte vor den Kameras, sie habe sich immer aus der Politik rausgehalten – durch diesen Vorfall ist sie mittendrin. Das viel gescholtene IOC hat sich in diesem Fall richtig verhalten. Wie es auch die gebotene Pietät aufbrachte, das Disziplinarverfahren gegen Raven Saunders nach dem Tod von deren Mutter diese Woche auszusetzen.

Die Kugelstoßerin Saunders ist im Unterschied zu Timanowskaja beileibe kein unpolitischer Mensch. Die bei der Siegerehrung über ihren Kopf verschränkten Arme wollte die Silbermedaillengewinnerin als ein Zeichen gegen Unterdrückung verstanden wissen. Das erinnert an den Protest, für den Tommie Smith und John Carlos bei den Spielen 1968 ausgeschlossen wurden.

Nun hat das IOC die umstrittene Regel 50 seiner Charta schon gelockert, wonach jegliche „politische, religiöse oder rassistische Demonstration oder Propaganda“ bei Olympischen Spielen nicht gestattet ist. In Presseinterviews und in den Social Media dürfen die Athleten ihre Meinung äußern, solange sie, mal grob gesagt, dem olympischen Geist entspricht. Nicht erlaubt ist es beim Wettkampf oder auf dem Siegerpodest.

Bei Saunders, die im Wettkampf lautstark und mit furchterregenden Masken auftritt, sollte das IOC Gnade vor Recht ergehen lassen – schon weil auch sie den Mut hatte, ihre psychischen Probleme öffentlich zu machen – damit sich andere damit nicht allein gelassen fühlen.

Vielleicht zeigen die obersten Hüter des olympischen Feuers auch in dieser Hinsicht das Entgegenkommen, das sie zeigen, wenn es darum geht, neue Sportarten in das Programm der Spiele aufzunehmen. Da wissen sie nur zu genau, dass sie sich sonst mit der Zeit überleben.

Bei einem so politisierten Event wie den Olympischen Spielen muss die Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Fragen möglich sein – erst recht für die Hauptakteure: die Sportler.

Die nächsten Problemspiele stehen vor der Tür: In einem halben Jahr, im Februar, werden in und um Peking die Winterspiele ausgetragen. In der Olympischen Charta steht auch etwas von „Wahrung der Menschenwürde“. Genug Stoff also für politische Diskussionen.

Stephan Pesch