Kommentar: Jurgen Conings, ein in mancher Hinsicht symptomatischer Fall

Die spektakuläre Jagd auf Jurgen Conings Profil wirft eine ganze Reihe von Fragen auf. Zunächst die nach den Zuständen bei der Armee und insbesondere nach den offensichtlichen Pannen in diesem Fall. Doch steht die ganze Geschichte auch symptomatisch für die besorgniserregenden Entwicklungen innerhalb unserer Gesellschaft. Denn: Jurgen Conings ist nicht der einzige, der Menschen, die nicht seiner Meinung sind, gleich mit dem Tod bedroht. Dass Leute wie er am Ende auch zur Tat schreiten können, das sollte uns allen eine Warnung sein.

Roger Pint, Leiter des BRF-Studios Brüssel

Roger Pint, Leiter des BRF-Studios Brüssel (Bild: Achim Nelles/BRF)

„Wie ist es möglich?!“, der wohl meistgehörte Satz in dieser Woche. Und tatsächlich: Was da im Osten der Provinz Limburg gerade passiert, spottet wirklich jeder Beschreibung. Hunderte Polizisten und Elitesoldaten, die einen ganzen Nationalpark durchkämmen müssen, immer mit der Waffe im Anschlag. Denn der Mann, den sie suchen, ist mindestens so gut ausgebildet und so gut bewaffnet wie sie selbst.

„Wie ist es möglich“, dass es überhaupt so weit kommen konnte? Dass ein Mann, der von den Sicherheitsbehörden als potenziell gefährlicher Extremist eingestuft wurde, nach wie vor bei den Streitkräften tätig war? Klar, es ist nicht so, als hätte die Armee gar nicht reagiert. Zwei Disziplinarstrafen waren schon gegen Conings verhängt worden. Nach Medienberichten wurde er unter anderem zwangsversetzt. Die Maßnahme war aber nur halb richtig, insofern als er ausgerechnet in einer Abteilung landete, die die Waffen- und Munitionsbestände verwaltet. Da fallen einem unzählige Metaphern ein, die gängigste ist wohl die mit dem Bock und dem Gärtner.

Der Mann, der wegen rechtsextremistischer Umtriebe auf der OCAM-Gefährder-Liste stand, bekam also buchstäblich den Schlüssel zur Waffenkammer. Dass er sich dort aber auch noch – einfach so – vier Raketenwerfer und zwei Handfeuerwaffen „ausleihen“ konnte, schlägt dann wirklich dem Fass den Boden aus. „Wie ist es möglich!?“. Eigentlich müsste es wohl heißen: Bei der Armee ist offensichtlich nichts unmöglich.

Und genau deswegen muss diese ganze Geschichte Konsequenzen haben! Wenn nach einer solchen Pannenserie niemand zurücktritt, dann wird am Ende auch noch der Eindruck vermittelt, dass die Armee hier letztlich nur das Opfer irgendeiner seltsamen Form von Naturkatastrophe geworden ist. Nach dem Motto: „König Zufall hat zugeschlagen“. Das trifft es aber nicht! Dafür sind die Systemfehler zu flagrant! So etwas darf ganz einfach nicht passieren! Nochmal zum Mitschreiben: Ein Gefährder, der den Schlüssel zur Waffenkammer bekommt und dann mit Raketenwerfern heraus marschiert. Die Zeitung Het Nieuwsblad hat es auf den Punkt gebracht: Wenn der Betreffende nicht Jurgen hieße, sondern Mohamed, dann wäre der Aufschrei in den letzten Tagen wohl nochmal wesentlich lauter gewesen.

Aber apropos: Liegt genau hier nicht auch zumindest ein Teil der Erklärung? Wird die Bedrohung durch Radikalisierte nicht viel zu oft unterschiedlich wahrgenommen, je nachdem aus welcher Ecke sie kommt? Denn, ja: Auch Jurgen Conings weist deutliche Zeichen von Radikalisierung auf. Nur kann man auch in Belgien den Eindruck haben, dass insbesondere die Sicherheitsdienste auf dem rechten Auge mindestens eine Sehschwäche haben. Auch die Zeitung De Morgen stellte sich schon die Frage, ob man bei der Armee nicht einfach davon ausgegangen ist, dass ein Waffenbruder wohl schon nicht so gefährlich sein würde.

Der Fall Jurgen Conings bestätigt jedenfalls eigentlich nur das, wovor Experten schon seit einiger Zeit warnen. Nämlich die zunehmende Bedrohung „von innen“ durch insbesondere rechtsextremen Terrorismus. Diese Gefahr wurde nicht nur in Belgien in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt. Und der Umgang der Armee mit Jurgen Conings mag genau darauf hindeuten, eben dass dieses Bewusstsein gerade bei den Streitkräften noch nicht (ausreichend) vorhanden ist. Dass Extremisten gleich welcher Couleur bei den Streitkräften und im Übrigen auch bei anderen Sicherheitsdiensten keinen Platz haben dürfen, darüber muss man aber eigentlich nicht diskutieren.

Der Fall Jurgen Conings steht aber auch noch symptomatisch für eine andere, mindestens genauso besorgniserregende Entwicklung: Die zunehmende Polarisierung innerhalb der Gesellschaft, die man zuweilen auch nur noch als allgemeine Radikalisierung bezeichnen kann. Immer mehr Menschen graben sich in ihrem jeweiligen Standpunkt ein und machen verbal alles nieder, was nicht so denkt wie sie. In der Welt solcher Leute gibt es nur die eine, die eigene Wahrheit. Viele berufen sich dabei auf die Meinungsfreiheit, und merken manchmal gar nicht, dass sie Andersdenkenden eben diese Meinungsfreiheit de facto absprechen.

In dieser Coronakrise waren es vor allem die Gesundheitsexperten, die – unfreiwillig – wie ein Brennglas gewirkt haben. Viele Wissenschaftler mussten sich im Netz übelst beschimpfen und bedrohen lassen. Eben weil sie die Überbringer der schlechten Nachrichten waren, was ja schon seit Menschengedenken immer wieder zu der verhängnisvollen Verwechslung geführt hat, wonach der Überbringer ja zugleich der Schuldige sein muss. Befeuert wird das von Verschwörungsgläubigen aller Art, die hinter alledem ein großes Komplott sehen (wollen). Die stellen sich dabei offensichtlich nicht die Frage, warum eine vermeintliche „große Weltverschwörung“ so viele Spuren hinterlässt, dass unzählige Youtube-„Ermittler“ ihr schon auf die Schliche gekommen sind. Aber gut: Mythen waren auch schon immer die besser zu ertragende, weil einfacher zu verstehende „Wahrheit“. Kein Wunder, dass gerade in dieser Krise Verschwörungsideologen und Rechtsextremisten schnell zueinandergefunden haben.

Auch Jurgen Conings gehörte zu denen, die – im vorliegenden Fall – den Virologen Marc Van Ranst für alles Übel dieser Welt verantwortlich gemacht haben. Und der den Wissenschaftler und seine Familie am Ende sogar mit dem Tod bedroht hat. Bei all dem Sperrfeuer konnte Conings in seiner Filterblase wohl den Eindruck bekommen, dass die ganze Welt so denkt wie er. Und vielleicht hat er auch deshalb am Ende zu den Waffen gegriffen. Buchstäblich.

Das sollte uns eine Warnung sein. Worte können letztlich zu Taten ermuntern, sie am Ende sogar auslösen. Verbale Gewalt bleibt Gewalt. Nicht nur die Armee, wir alle sollten die Lehren aus dem Fall Jurgen Conings ziehen.

Roger Pint

Ein Kommentar
  1. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Guter Kommentar.

    Aber bitte Vorsicht : die Meinungsfreiheit darf nicht eingeschränkt werden. Wir haben genügend Gesetze und Regeln, die sagen, was erlaubt und verboten ist. Man sollte eher die Ursachen für diese gesellschaftliche Entwicklung erforschen und beheben. Das Übel bei der Wurzel packen ist das beste.