Kommentar: Kardinaltugenden

Neben Corona hat diese Woche die katholische Kirche die Schlagzeilen bestimmt: vom Auslöser für den Wutausbruch des Antwerpener Bischofs Bonny bis zur Veröffentlichung des zweiten Gutachtens über den Umgang mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln. Beide Beispiele zeigen, wie entfremdet die Oberhirten ihrer "Herde" sind.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Klug, gerecht, besonnen, entschlossen: So stelle ich mir die Leute in verantwortungsvollen Positionen vor. Nicht von ungefähr sind das sogenannte Kardinaltugenden.

Das Bild, das zumindest einige hochrangige Kirchenführer hinterlassen, entspricht so ziemlich dem Gegenteil: Beschämt, erbost, schockiert waren die Reaktionen auf das, was diese Woche publik wurde. Nicht irgendwo: sondern zum einen im Erzbistum Köln, im Schatten des ehrwürdigen Doms, zum anderen an höchster Stelle, im Vatikan.

Am Montag hatte die Glaubenskongregation die Frage (oder offiziell „den Zweifel“) beantwortet, ob die Kirche die Vollmacht habe, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen. Und hat sie? Nein, sagen die Glaubenshüter. Homosexualität sei im Plan des Schöpfers nicht vorgesehen.

Ein Schlag ins Gesicht für gleichgeschlechtlich Liebende, die sich trotz der bekannten Positionen in die Kirche einbringen wollen. Und auch für ihre Familien.

Angesichts der Sexualmoral der Kirche wäre alles andere eine Sensation gewesen. Mit der heutigen Lebenswirklichkeit hat es nichts zu tun. Umso erfrischender ist es, wenn Christen sich davon nicht beeindrucken lassen. Im Nachbarbistum Aachen hat der Diözesanrat vielsagend alle Seelsorger ermutigt, öffentlich zu ihrer Segnungspraxis zu stehen. Und Aachens Bischof Helmut Dieser hatte vor Monaten erklärt, er wäre ja zufrieden, wenn solche Beziehungen (außerhalb der unauflöslichen Verbindung eines Mannes und einer Frau) nicht als „Sünde“ gesehen würden.

Sein Antwerpener Pendant Johan Bonny fand diese Woche deutlichere Worte auf die von Papst Franziskus gebilligte Erklärung der Glaubenskongregation: Er schäme sich für seine Kirche, sagte Bonny, der auf der Familiensynode 2015 andere, verständigere Töne gehört hatte. Gerade in solchen Fragen gehe es darum, Worte gut abzuwägen. Ob der Antwerpener Bischof da an den Mord an David Polfliet dachte, bei dem Homophobie, also Schwulenfeindlichkeit, ein Motiv gewesen sein könnte?

Entsetzen auch im Erzbistum Köln, wo nach monatelangem Streit ein Gutachten zum Umgang mit sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige und Schutzbefohlene vorgestellt wurde. Verschweigen, vertuschen … reagiert wurde nur, wenn Laien die Täter waren. Dass Kardinal Woelki hinterher sagte, Handeln müsse auch für Kleriker Konsequenzen haben, klingt wie ein Offenbarungseid. Ihm selbst, der in der Schusslinie stand, wurden keine Pflichtverletzungen nachgewiesen. Anderen umso mehr, die Spitze eines Eisbergs.

In Deutschland, heißt es, bekommt man nun schneller einen Termin zum Impfen als einen für den Kirchenaustritt. Auch hierzulande frotzeln selbst eingefleischte Katholiken, dass die geltende Pandemie-Beschränkung auf 15 Teilnehmer am Gottesdienst die Frage aufwerfe: Wo sollen wir die bloß herholen?

Richten können es höchstens noch Reformen, eine offene Diskussion, Mitsprache, Partizipation … und eine an der Lebenspraxis orientierte Pastoral auf unterer Ebene. Von oben ist kein Heil mehr zu erwarten.

Übrigens: Die „Kardinaltugenden“ haben nichts mit den römisch-katholischen Purpurträgern zu tun. Abgeleitet ist beider Bedeutung aus dem lateinischen Wort „cardo“, eine Art Dreh- und Angelpunkt. Wie eine Tür in der Angel seien daran alle anderen Tugenden befestigt, wussten schon die Kirchenväter. Ursprünglich gehörte mal die Frömmigkeit dazu. Die wurde aus dem Tugendkatalog verdrängt durch die Weisheit. Und sie könnte den Kirchenoberen zuflüstern: Nichts bleibt beim Alten.

Stephan Pesch

3 Kommentare
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Herr Pesch.

    Guter Kommentar.

    Wenn es nicht mit der katholischen Kirche geht, muss es notfalls ohne gehen. Die Vernunft muss die oberste Richtschnur sein, nicht absurde Theologie.

  2. Lutz-René Jusczyk

    Herr Scholzen-Eimerscheid, wieso sind Sie der Auffassung, die Theologie sei absurd?

    Im Übrigen finde ich den Kommentar von Stephan Pesch ebenfalls ausgewogen und ansprechend.

  3. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Jusczyk.

    Danke für Ihre Antwort.

    Ich möchte Ihnen meinen Standpunkt mal darlegen. Ich glaube natürlich an einen Gott. Nur der desolate und chaotische Zustand der katholischen Kirche nimmt mir jede Motivation, meinen Glauben zu praktizieren. Papst und Konsorten interessieren sich nicht mehr für die Belange der einfachen Menschen. Wenn die sich nicht mehr für mich interessieren, warum sollte ich mich für die interessieren ? Und die Verweigerung der Segnungen von Homosexuellen Paare ist ein Paradebeispiel für absurde Theologie, weil welt- und wirklichkeitsfremd. Es ist wie in einem abstützenden Flugzeug, wo zwei sich um einen Fensterplatz streiten. Dies ist auch ein falsches Verhalten zur falschen Zeit.