Kommentar: Ein Jahr schon

In Sachen Covid-19 dreht sich im Moment alles um die Impfung: Auch in St. Vith, Eupen und Malmedy sollen nächste Woche die Impfzentren ihre Arbeit aufnehmen - die nächste Phase der Exitstrategie. Und das ziemlich genau ein Jahr, nachdem die Corona-Krise auch bei uns angekommen ist.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Es sollte für längere Zeit die letzte Veranstaltung in Ostbelgien und darüber hinaus sein: Vor genau einem Jahr trat der deutsche Kabarettist Andreas Rebers im Eupener Jünglingshaus auf, vor einem schon etwas dünner gesäten Publikum, das sich nicht allzu viele Sorgen machte – auch wenn die Weltgesundheitsorganisation den Ausbruch von Covid-19 tags vorher zur Pandemie erklärt hatte. Man muss sich nicht gleich verrückt machen lassen, meinte damals auch Andreas Rebers.

Am selben Abend trat zu später Stunde die damalige Premierministerin Sophie Wilmès an die überraschte belgische Öffentlichkeit und kündigte weitreichende Einschränkungen an – erst mal bis zu den Osterferien … „Über die drei Wochen kommen wir auch noch hinweg“, meinten damals viele – ich auch.

Schnee von gestern. Klar. Die Rückschau aufs vergangene Jahr, wie sie jetzt an vielen Stellen geschieht, bringt aber auch Erhellendes. Unter anderem die Einsicht, wie unterschiedlich die Pandemie und die politischen Reaktionen darauf zu unterschiedlichen Zeitpunkten gesehen wurden. Das sieht nach allem anderen aus als nach einem fertigen Drehbuch.

Mit etwas Abstand kommen auch Dinge ans Licht, die untergegangen sind in der von Corona überbordenden aktuellen Berichterstattung. Bis hin zu Protokollen und Anekdoten aus Entscheidungsgremien, die den Entscheidungsprozess erhellen. Das Magazin „Le Vif/L’Express“ hat anhand einer Reihe von solchen Inside-Geschichten das abgelaufene Jahr gekonnt skizziert. In Deutschland erscheint Montag ein ganzes Buch mit „Innenansichten einer Pandemie“.

Ungewollte Publicity hat in dieser Woche noch einmal die Gemeinde Bütgenbach gefunden, in einer Aufmacherstory der flämischen Tageszeitung „De Morgen“. Es passt alles auch zu schön zusammen: die ländliche Idylle, die laut Artikel etwas eigensinnige Bevölkerung, die Dorfkirmes als Superspreader-Event.

Nun müssen wir wegen der Klischees, die hier bedient werden, nicht beleidigt tun. Wir sollten uns lieber an das erinnern, was in dem Artikel aus berufenem Munde erklärt wird: dass die allgemeine Lage zu jenem Zeitpunkt vollkommen falsch eingeschätzt wurde. Ruckzuck wurde die sogenannte „Insel der Glückseligen“ zum Hochrisikogebiet.

Das wäre eine unmittelbare Lehre aus den letzten Monaten, ehe wir uns anhand der günstigen Entwicklung der Zahlen auf dem Weg zur „grünen Zone“ wähnen, mit besonderen Ansprüchen.

Für eine umfassende Geschichtsschreibung zur Pandemie ist es zu früh. Wir stecken ja noch mittendrin. Auch für die Fehleranalyse bleibt noch Zeit. Mit Spannung warten wir aber auf den Zwischenbericht des Corona-Ausschusses im PDG, der demnächst präsentiert werden soll.

Übrigens: Der Kabarettist Andreas Rebers hat den Umgang mit der Corona-Krise, wie zu erwarten, später in sein Programm eingebaut. Ausgehend von dem Ausspruch: „Wir gewinnen den Krieg gegen das Virus nur mit dem gesunden Menschenverstand“ meint Rebers frech: „Das wird nix, die meisten sind unbewaffnet …“

Stephan Pesch