Kommentar: Türchen auf, Türchen zu …

Selten waren mit der Vorweihnachtszeit so viele Erwartungen verbunden wie in diesem Jahr: Statt „alle Jahre wieder“ heißt die bange Frage: Was geht und was nicht? Auch in Sachen Weihnachtsgeschäft. Wieder hängt vieles von uns selbst ab.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Es passt ins Bild, dass der Adventskalender Mitte des 19. Jahrhunderts in einem protestantischen Pastorenhaushalt erfunden worden sein soll. Neben der Vorfreude aufs Weihnachtsfest und der täglichen kleinen Überraschung vermittelt er Tugenden wie Selbstbeherrschung.

Unsere genussorientierte Gesellschaft ähnelt eher dem ungeduldigen Kind, das gleich alle Türchen aufreißt und die Schokolade auf einmal futtert. Adventskalender „aber pronto“ haben wir das ganze Jahr über – nicht erst, wenn schon im Spätsommer die ersten Weihnachtsartikel im Regal liegen.

Nun ist in diesem Jahr vieles anders: In der neuesten Forsa-Umfrage vom November nennen ostbelgische Befragte „Entschleunigung“ und „mehr Zeit mit der Familie“ als positive Erfahrung in der Corona-Krise. Und in etwas geringerem Maße „Rückbesinnung auf das Wesentliche“. Jahrein jahraus beklagen sich die Leute über den Weihnachtsstress mit Einkaufsrummel, Völlerei und mit Konflikten unterm Christbaum. Aber wer will darauf verzichten?

Natürlich: ein Ausfall des Weihnachtsgeschäfts ist für Einzelhandel und Gastronomie eine ernstzunehmende, existenzbedrohende Situation. Mehr als verständlich, dass bei denen, die davon leben, die Ungeduld wächst. Sie sind, wie dem BRF im Interview bestätigt wurde, auch bereit, weitere Zugeständnisse zu machen, „um den Laden am Laufen zu halten“. Beim Bestell- und Lieferservice hakt es mitunter, wie zu hören ist, aber das ist es ja auch nicht, was wir in erster Linie an unserem Mittelstand schätzen.

In der Regel gibt es Unterstützung, sei es in Form von Steuernachlass oder Prämien, sogar Unterstützung für die Unterstützung, wie das 2,5-Millionen-Euro-Paket, das die DG-Regierung den Gemeinden anbietet, wenn sie dem Mittelstand helfen.

Das alles ersetzt auf Dauer nicht den Kunden. Und ihm nicht, was ihm fehlt. In der Forsa-Umfrage vom November hält nur jeder Dritte der befragten Ostbelgier die Schließung der „nicht-essenziellen“ Geschäfte für angemessen. Zum Vergleich: bei Cafés, Bars und Restaurants ist es jeder Zweite, beim Mund-Nasen-Schutz sind es neun von zehn.

So paradox es klingt: Das Beste, was wir tun können, ist Zurückhaltung zeigen. Zum einen nicht wie blöd bei den Internetriesen Amazon und Alibaba bestellen, zum anderen eben auch nicht gleich losrennen, wenn es heißt: Die Geschäfte sind auf! Lange Schlangen vor der Tür und überfüllte Einkaufsstraßen braucht kein Mensch. Auf keiner Seite der Grenze.

Solche Bilder liefern nur die Argumente, falls es wieder heißen müsste: Wo setzen wir bei nötigen Kontaktbeschränkungen den Hebel an? Das sollten wir aus diesem Jahr gelernt haben. Damit es nachher nicht so geht wie beim Adventskalender: Türchen auf, Türchen zu …

Stephan Pesch