Kommentar: Der Gegenentwurf

Die Präsidentschaftswahlen in den USA halten uns schon die ganze Woche in Atem: Dass es so spannend werden könnte, war trotz des antiquierten Wahlmänner-Systems nicht erwartet worden. Schockiert haben die Reaktionen Donald Trumps und seines Umfelds. Dabei kommt das nicht überraschend.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Mit lateinischen Zitaten sollte man sparsam umgehen. Aber dieses hier muss aus gegebenem Anlass sein: E pluribus unum. Das heißt, frei übersetzt, so viel wie: „Aus vielen eines“ oder auf englisch: „Out of many, one“ oder „One from many“.

Es ist der lateinische Wahlspruch im Großen Siegel der Vereinigten Staaten von Amerika. Das „Viele“ bezieht sich auf die einzelnen Bundesstaaten, die zusammen die Vereinigten Staaten bilden. Der Spruch befindet sich auch im Siegel des US-Präsidenten, das zum Beispiel auf der Air Force One prangt.

Der Weißkopfseeadler, der das Banner mit dem Wahlspruch im Schnabel hält, müsste sich mittlerweile angeekelt abwenden. Oder wenigstens die Flügel hängen lassen.

So sehr ist das Motto der Gründerväter vom 45. Präsidenten mit Füßen getreten worden. Nicht erst seit dieser Woche. Seine krankhafte Ich-Bezogenheit lebt davon, dass er spaltet – und sei es, indem er sich selbst laufend widerspricht. Das wird von seinen Anhängern als besonderes Zeichen für seine Authentizität wahrgenommen. So ist er halt, der Donald!

Wie sehr es ihm gelungen ist, „sein“ Amerika zu spalten, zeigt nicht nur der enge Wahlausgang. Und Trump wäre nicht Trump, wenn er dem Ganzen nicht noch die Krone aufgesetzt hätte. Was sich der Amtsinhaber mit seinen Auftritten geleistet hat, bestätigt nur, was wir schon lange wissen: Er ist seines Amtes nicht würdig!

Nun ließe sich mit etwas gutem Willen annehmen, der Mann habe von demokratischen Wahlen so wenig Ahnung wie vom praktischen Nutzen eines Desinfektionsmittels bei der Bekämpfung von Corona. Wären da nicht berechtigte Zweifel, dass dieses ganze Theater sorgfältig inszeniert ist: die monatelange Einstimmung auf den unterstellten „Wahlbetrug“; die scheinbar empörte Hetze aus seinem Umfeld – ob von Trump Junior oder von seinem früheren, stramm rechten Chefstrategen Steve Bannon, die ich wegen ihrer Ungeheuerlichkeit hier nicht wiederholen will. Wen wundert’s, wenn dann fehlgeleitete Anhänger bewaffnet Zählbüros belagern.

Überraschend kommt das alles nicht. Dennoch verschlug es sogar dem amerikanischen Satiriker Stephen Colbert die Sprache: Alle hätten wir ja gewusst, dass Trump genau so reagieren würde. Aber nicht, dass es einen so mitnimmt.

Der glatte Gegenentwurf auch in dieser Hinsicht: Herausforderer Joe Biden – geduldig, souverän, besonnen. Schon dadurch hat er sich als der bessere Bewerber erwiesen.

Stephan Pesch

6 Kommentare
  1. Lutz-René Jusczyk

    Die entscheidende Frage lautet m.E.: Wie konnte es soweit kommen?
    Ein Donald Trump ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis einer langen Entwicklung.
    Bei allem Entsetzen über das Verhalten des Noch-Amtsinhabers dürfen wir nicht vergessen, dass noch immer fast die Hälfte der Wahlberechtigten hinter ihm steht.
    Bereits über George W. Bush war das Erstaunen seinerzeit groß, aber Trump hat in negativer Hinsicht alles übertroffen.
    Betrachten wir die Demokraten, stehen diese aber auch nicht wirklich gut dar: Eine echte Lichtgestalt ist Biden ganz sicher nicht; vor allem können wir nur mutmaßen, wofür er inhaltlich steht.
    Sein gesamter Wahlkampf baute darauf auf, gegen Trump zu sein, was nun wirklich nicht besonders schwierig ist. Positive inhaltliche Akzente gibt es von ihm nur wenige; diese ließen sich bei einem Gegner wie Trump allerdings kaum setzen. Vermutlich ist das tiefere der Grund, weshalb die Demokraten nicht gleich mit Kamala Harris in den Wahlkampf gezogen sind.

  2. Jean-Pierre DRESCHER

    Nein, es schickt sich nicht als Europäer in die politischen Geschäfte freier Nationen in Übersee oder in die Angelegenheiten der Länder der alten UdSSR einzumischen.

    Sorry, Herr Pint. Es tut mir leid so kritisch zu reagieren. Fast jede Replique von Ihnen stimmt mit dem was ich denke überein. Beim Thema Amerika wäre ich froh gewesen, wenn wir das selbe gedacht hätten.

    Lassen Sie sich bitte nicht auch noch instrumentalisieren von den alten Kolonialherren aus dem Westen Europas, denen ein Trump einfach nicht ins Geschäftsmodell passt, warum auch immer! Wir brauchen auch Ihre Energie, Herr Pint, um hier wieder soziale Gerechtigkeit und Ordnung aufzubauen.

    Gäbe es die vielbeschworene Europäische Solidarität wirklich und tatsächlich ein Europa ohne die alltäglich auftauchenden fiesen Bilder von der Grenze, dann wäre Europa sicher jetzt Vorbild für die Überwindung des Amerikanisch-Mexikanischen Migrationskonflikts.

    So ist und bleibt Westeuropa der Welt und besonders allen Uramerikanern leider mit hässlichen Erinnerungen an 500-jährige Konialvergangenheit.

  3. Jean-Pierre DRESCHER

    Herr Pesch, nicht Herr Pint!

    Alles Gute für Sie,

    J. Drescher

  4. Marcel Scholzen eimerscheid

    Ich hoffe auch, dass Biden nächster US-Präsident wird. Er ist das kleinere Übel und bestimmt besser geeignet als diese grandiose Fehlbesetzung namens Trump. Nur welche Schlüsse kann man aus der Ära Trump ziehen ? Das amerikanische System hat trotzdem funktioniert. Es ist nicht zusammengebrochen. Ein Argument mehr für die Demokratie und gegen diktatorische Staaten. Wir können froh sein, dass Trump nicht russische Präsident ist, der keinerlei Kontrolle unterliegt. Nicht auszumalen die Konsequenzen. Ein Atomkrieg wäre denkbar.

  5. Norbert Schleck

    Nun, Herr Jusczyk, Ihre letzte Aussage möchte ich nuancieren.

    Gleichzeitig zum Präsidenten wird auch ein Drittel des US-Senats und das Repräsentantenhaus gewählt. Häufig finden auch Wahlen auf Bundesstaaten-, Bezirks- und Kommunalebene sowie regionale Volksabstimmungen und Bürgerbegehren statt. Man kann davon ausgehen, dass es dort konkrete Wahlprogramme gibt.

    Die Medien hier bei uns fokussieren sich voll auf das Duell Trump-Biden, und da die Berichterstattung auf Spektakuläres angelegt ist, bekommen wir sogar davon nur ein paar Fetzen mit.

    Die beiden Kandidaten haben ein Programm, „platform“ genannt, auch wenn das von Trump sich faktisch darin resümiert: „Das Wahlprogramm bin ich!“.
    Aber auch das von Biden kommt um Plattitüden (daher wohl der Name „Plattform“?) nicht herum.

    Aus Platzgründen nur ein Hinweis auf einen Artikel bei ntv mit ebendiesem Titel. Dort gibt es auch weiterführende Links zu Trumps (2 DIN-A4-Seiten) und Bidens (90 Seiten) Plattformen. Er gibt auch eine Zusammenfassung davon.

  6. Maeggy Rossberg

    Einen Unterschied gibt es aber bereits.
    Jo Biden bleibt besonnen, ruft zu Geduld und Einheit auf und das mit präsidialem Auftreten. Zudem wird die Zukunft zwar nicht einfacher, aber der Umgangsformen wird wieder respektvoller und Biden kündigte an das er in das Pariser Klimaabkommen zurückkehren wird.

    Alles besser als dieser Irre der jetzt dort das Weiße Haus regiert und nichts sieht ausser soch selbst
    Warum hält er so an der Macht fest?
    Wenn er nicht mehr Präsident ist wird seine Immunität aufgehoben, dann hat er die Staatsanwaltschaft New York s am Hals. Das wird nicht lustig.
    Wünschen wir dem amerikanischen Volk eine gute, demokratische ruhigere Zukunft.