Kommentar: Zeit zur Einkehr

Was sollen wir nun tun, um die Situation, in der wir uns wegen Corona befinden, umzukehren? Feststeht, dass zwischenmenschliche Kontakte so weit wie möglich einzuschränken sind - ob durch Verbot oder durch eigene Einsicht. Das gilt auch für Begegnungsanlässe wie Allerheiligen, findet Stephan Pesch in seinem Wochenkommentar:

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

An die Situation im Frühjahr kann ich mich noch gut erinnern. Als wegen des angekündigten Versammlungsverbots das Bistum alle Gottesdienste aussetzte, sagten wir uns: Wenn wir schon soweit sind, muss es ernst sein. Sind doch solche Zusammenkünfte zwar nicht für alle, aber doch für diejenigen, die Gottvertrauen haben, ein wichtiger persönlicher Halt – gerade in unsicheren Zeiten.

Nun feiern wir in den kommenden Tagen Allerheiligen und Allerseelen. Und da trifft man gemeinhin Leute, die man sonst ein ganzes Jahr nicht zu Gesicht bekommt. Über das katholische Hochfest hinaus ist das gemeinsame Totengedenken ein Anlass, dem sich viele nicht entziehen können.

Umso hilfreicher und verantwortungsbewusster ist es, wenn Vertreter der katholischen Kirche vor Ort große Andachten und Zusammenkünfte auf den Friedhöfen abgesagt haben. Was ja niemanden daran hindert, in Stille und Andacht seine Toten zu besuchen.

Vielleicht bieten die im Kalender festgeschriebenen Gedenktage gerade diesmal die Gelegenheit zur Einkehr. Zum Beispiel darüber, wie wir mit dem Thema Tod und Verletzlichkeit umgehen. Ein Diagramm mit der „Mortalitätsrate“ ist kein Trost, wenn es den eigenen Angehörigen oder einen guten Bekannten trifft.

Das mit der Einkehr ist darum auch nicht nur religiös gemeint. Bei der mehr als angespannten Lage (in den Krankenhäusern, bei den Ärzten, in den Schulen, den Betrieben, Geschäften, Familien …) ist es völlig normal, dass so ziemlich bei jedem die Nerven blank liegen.

Da braucht es nicht auch noch politische Scharmützel, von denen wir in dieser Woche auf den unterschiedlichsten Ebenen so einiges erleben durften. Als hätten wir im Augenblick nichts Wichtigeres zu tun…

Ob uns in der aktuellen Situation ein gesellschaftliches „Reset“ hilft, wie es angesichts der Zahlen unausweichlich scheint, werden wir erst später wissen. Dem Einzelnen sollte ein solches „Reset“ guttun. Die Zeit dazu hätten wir ja – jetzt, wo Verwandtenbesuche und praktisch alle anderen Freizeitaktivitäten ausfallen.

Stephan Pesch