Kommentar: Der Gesellschaftsvertrag zum Muttertag

Ab Montag dürfen also wieder alle Geschäfte öffnen, wenn sie dafür die nötigen Vorkehrungen getroffen haben. Es ist der nächste Schritt in der Exit-Strategie, die der Nationale Sicherheitsrat vorgegeben hatte. Noch viel bedeutender könnte aber der Vertrauensvorschuss sein, den die Politik den Bürgern mit dem vorgezogenen Besuchsrecht zum Muttertag eingeräumt hat.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Das nennt sich Timing. Nicht mal so sehr, dass Sophie Wilmès ihre Pressekonferenz diesmal zeitig per Twitter angekündigt und pünktlich auf die Minute angefangen hatte – mit einem Schuss Selbstironie und auch dem Eingeständnis von Fehlern bei der bisherigen Kommunikation, bei der die menschliche Seite zu kurz gekommen war. Stattdessen nun eine menschliche Geste mit der überraschenden Besuchsfreigabe „im kleinen Kreis“. Und die hätte nicht besser kommen können als zum Muttertag.

„Vivement dimanche“ freute sich Le Soir und viele Bürger freuten sich mit. Andere rechnen auf: Warum nur vier Besucher? Warum immer dieselben? Wie soll das gehen? Die Exit-Strategen im Hintergrund dürften bei der Ankündigung ebenfalls zusammengezuckt sein: Darum kam jetzt noch einmal die ausdrückliche Erklärung: Aus virologischer Sicht sollten sich bis auf Weiteres jeweils nur zwei Haushalte treffen, schon um im Falle eines Auftretens von Covid-19 die möglichen Kontakte leichter zurückverfolgen zu können.

Und wer will das kontrollieren? Die Antwort lautete: „Niemand. Wir vertrauen da auf euch!“ Das war die eigentliche, neue Botschaft. Die Ausstiegsphase „1b“, die bei der Präsentation vor zwei Wochen noch wie ein schlechter Witz klang, könnte einen Meilenstein im Umgang mit der Krise bedeuten: weder beschwichtigen noch verängstigen. Kein Drohen mit dem Bußgeld für die Unartigen. Vielmehr wie erwachsene Menschen miteinander umgehen. Oder wie es die Premierministerin nannte: ein Vertrag. Eine Art Gesellschaftsvertrag.

Zuletzt war nicht nur in Belgien der Eindruck entstanden, dass der Staat seine Bürger nicht wie mündige Bürger behandelt. Nun sollen sie die Möglichkeit bekommen zu beweisen, dass sie es sind.

Niemand ist so blauäugig zu glauben, dass die mündigen Bürger nicht schon hier und da den Spielraum ausgereizt hätten. Das Zentrum für ostbelgische Geschichte, das wie andere historische Institute die persönlichen Erfahrungen von Menschen in dieser Krise festhalten will, fragt gerade nach, ob man „Dinge getan“ habe, „die aufgrund der Corona-Maßnahmen verboten waren“. Anonymität ist garantiert.

Die willkommene Gelegenheit zur Beichte öffnet den Blick für etwas anderes: Es liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen, wie er mit dieser Ausnahmesituation umgeht. Das mag wie Hohn klingen für den, dem der Laden dicht gemacht wird. Oder der seine Arbeit verliert. Oder die Nerven, weil die Wohnsituation es nicht erlaubt, mal eben Videos zu streamen oder neue Rezepte auszuprobieren. Oder im Wald spazieren zu gehen. Für den, der wochenlang keinen Besuch empfangen durfte. Oder für den, der auf der Covid-Station liegt und sich fragt, wie er sich das verdammte Virus einfangen konnte.

Um ihretwillen muss der eingeschlagene Weg zum möglichst baldigen Erfolg führen. Voraussetzung dafür, meinte die Premierministerin, sei das Verantwortungsbewusstsein der Bürger. Und da sie das Konzept vom Gesellschaftsvertrag eingebracht hat, dürfen die Bürger umgekehrt erwarten, dass die Politik ihren Teil des Vertrages einhält und sie dafür belohnt. Freuen wir uns auf diesen Sonntag!

Stephan Pesch

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