Kommentar: Auf das Wesentliche schauen

Die anstehenden Osterferien mit der Aussicht auf viel Sonne werden von der Mahnung begleitet, dass sich alle an die geltenden Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus halten müssen. Andernfalls drohen sogar Bußgelder. So einleuchtend es ist, die bisherigen Bemühungen nicht unbedacht zu torpedieren, so wichtig ist auch eine Exit-Strategie. Und eine Rückbesinnung auf das Wesentliche.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Den 3. April hatten sich viele im Kalender angestrichen. Schon länger, als Start in die Osterferien. Und vor gerade mal drei Wochen noch als den Termin, bis zu dem Cafés und Restaurants geschlossen bleiben sollten. Schon da war abzusehen, dass es dabei nicht bleiben würde. Bald folgten weitere Einschränkungen und neue Fristen – zuletzt bis nach den Osterferien – mit der wahrscheinlichen Option, um weitere zwei Wochen zu verlängern.

Ich finde, dass der Nationale Sicherheitsrat, in dem ja auch wir deutschsprachigen Belgier einen Sitz haben, das ganz gut gemacht hat: Die Leute schrittweise auf das vorbereiten, was auf sie zukommt. Das Ergebnis gibt ihm Recht: Die weitreichenden Einschränkungen werden ohne viel Murren angenommen.

Angesichts der unsicheren Entwicklung ist es auch vernünftig, die Situation immer wieder neu zu bewerten. Denn weit vorausblickende Prognosen sind wenig hilfreich. Genauso wenig wie die frühzeitige Abrechnung und Suche nach möglichen Sündenböcken: Wer, bitteschön, hätte sich diese Situation vor kurzem träumen lassen oder darauf vorbereitet sein sollen?

Da hilft auch nicht der Hinweis auf die in letzter Zeit häufiger zitierte und im Netz leicht zu findende „Bundesdrucksache 17/12051“. Darin wird vor sieben Jahren schon für Deutschland das mögliche Szenario einer Pandemie durch einen SARS-ähnlichen Virus beschrieben. Auch dort heißt es ausdrücklich, dass eine „spezifische Prognose“, also wann und wo neue Infektionskrankheiten auftreten, nicht möglich ist.

Und wenn wir ehrlich sind, helfen auch nicht die mittlerweile rituell erhobenen Vergleiche von Zahlen, von denen nicht klar ist, wie aussagekräftig sie sind. Auch keine Hochrechnungen, bei denen schon ein Faktor alles auf den Kopf stellen kann.

Nützlicher sind da Fakten, wie sie der Virologe Hendrik Streeck vom Universitätsklinikum Bonn im Kreis Heinsberg gesammelt hat. Und dazu Antworten auf die wesentlichen Fragen: Unter welchen Umständen haben sich Menschen tatsächlich infiziert und unter welchen nicht? Und wie lassen sich die besonders Gefährdeten effektiv schützen? Die Empfehlung des Professors lautet: Testen! Systematisch testen.

Schon um die Maßnahmen daran ausrichten zu können. Oder besser gesagt: den schrittweisen Ausstieg, der nicht mehr zu lange auf sich warten lassen sollte. Denn bei aller Geduld brauchen die Menschen auch ein Ziel. Und bei aller Ungewissheit auch Klarheit. Die zeitige Absage von Veranstaltungen, die wir uns sowieso bis auf Weiteres abschminken können, sorgt eher für Erleichterung. Ob es um sportliche Großereignisse geht, um Festivals, um ausgelassenes Feiern.

Fürs Erste werden wir auch mit weniger zufrieden sein. Auf das Wesentliche schauen. Dazu gehört gerade in einer Gesundheitskrise wie der jetzigen der Umgang mit dem Sterben und dem Tod. Darauf scheint unsere Gesellschaft noch weniger vorbereitet zu sein als auf das neuartige Virus.

Mir geht es nicht um Zahlen. Mir geht es um tiefgreifende Erfahrungen. Und die werden dem Sterbenden und seinen Angehörigen aus gesundheitlichen und sanitären Erwägungen verwehrt. Hier sollten wir nach Antworten suchen, noch ehe diese Krise überwunden ist.

Stephan Pesch

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150