Kommentar: Die Krise als Chance

Seit dieser Woche leben wir also wegen des Coronavirus mit einer Ausgangsbeschränkung. Ganz gleich wie wir zu solchen Maßnahmen stehen: Wir lernen in dieser Ausnahmesituation gerade viel über uns selbst, findet Stephan Pesch in seinem Wochenkommentar.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

„Lockdown light“, Lockdown mit unterschiedlicher Gewichtung oder auch, wenn wir realistisch in die nahe Zukunft schauen: ein Lockdown auf Raten. So stellt sich die Lage dar, die wir uns vor kurzem nicht einmal im Traum vorgestellt hätten. Selbst als in China die Millionenmetropole Wuhan unter Quarantäne gestellt wurde. „Chinesen halt“, sagten wir uns da noch.

Inzwischen kommen von dort, dem Ausgangspunkt der Covid-19-Pandemie, Zeichen der Hoffnung. Und ironischerweise Hilfsmateriallieferungen – als Geschenk von Alibaba. Die kriegen’s sonst wohl nicht geregelt, werden sich die Chinesen sagen. Erst recht wenn sie die Bilder sehen von Klopapier-Hamsterern oder die Selfies von den „ganz Schlauen“ auf den Corona-Partys.

Wer will schon Verhältnisse wie in China, habe ich hier noch vor ein paar Wochen gesagt, als es um die Pisa-Studie ging mit dem herausragenden Abschneiden von vier Metropolregionen aus dem Reich der Mitte. Ganz sicher wollen wir im Gesundheitswesen nicht Verhältnisse wie in Pisa oder anderen italienischen Städten.

Das hat die meisten europäischen Länder dazu bewogen, ihr Volk zu drastischen Maßnahmen zu bewegen – zeitlich gestaffelt und in Nuancen unterschiedlich, aber dann doch im Großen und Ganzen ähnlich. Der Vergleich mit Niederländern oder Briten, die mittlerweile zurückrudern, wird uns Gelegenheit geben, hinterher schlauer zu sein – so oder so.

Im Kampf gegen die neue Pandemie, über die wir wegen der Überfülle an Informationen so viel und gleichzeitig wegen des neuartigen Virus so wenig wissen, nehmen wir in Kauf, dass unsere Freiheit bis zu einem gewissen Grad eingeschränkt wird. Und missverstehen die derzeitige Einschränkung als Party oder so etwas wie unfreiwillige Ferien. Das hat dann aber schon eher was mit Uneinsichtigkeit zu tun oder mit „Je m’en fous“.

Dass es auch anders geht, zeigten uns diese Woche fingerfertige Näherinnen, die Mundschutzmasken herstellen; und Leute, die nicht lange zögerten, um einen ehrenamtlichen Fahrdienst aufrechtzuerhalten; oder hunderte Freiwillige, die sich innerhalb kürzester Zeit im Internet zusammenfanden, um denen, die sie brauchen, ihre Hilfe anzubieten.

Klar ist, dass uns Geduld abverlangt wir. Und Durchhaltevermögen, wie es Ärzte und Pfleger von Berufs wegen an den Tag legen müssen. Oder Verkäuferinnen an der Kasse, Briefträger, Polizisten, Raumpflegerinnen, Zugschaffner, Müllmänner oder Lkw-Fahrer und viele andere, die trotz oder gerade wegen der Ausgangsbeschränkung gefordert sind.

Es ist schön, dass sie moralisch unterstützt werden, indem die Leute – nicht nur für die Pflegekräfte – weiße Tücher aus den Fenstern hängen und Abend für Abend draußen applaudieren. Noch schöner wäre es, wenn solche systemerhaltenden Aufgaben auch langfristig und spürbar honoriert würden.

Dann ist die Krise vielleicht eine Chance.

Stephan Pesch

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2 Kommentare
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Herr Pesch. Guter Kommentar.

    Der Irrsinn unseres ökonomischen Systems wird jetzt so richtig spürbar und sichtbar. Und die Gesichtsmaske zur Metapher für diesen Irrsinn. Mich erinnert das an die Mangelwirtschaft der DDR. Damals dort wie heute hier war Geld kein Problem. Es wurde einfach gedruckt. Damals auf Papier, heute virtuell.

  2. benoni beheyt

    Ich bin seit Mitte 2003 Endgültig nach Belgien Umgezogen und Müsste Feststellen das Nach Jeder neuen Regierungs Wahl Plötzlich eine/mehrere Milliarden im Haushalt Fehlten .
    diesbezüglich Würde mal Wieder Gespart und das des Öfteren im Sozial Wesen .

    Allgemein bekannt ist ja die Personal Not im allgemeinen Pflege Bereich ab gesehen von denn Einsparungen bei der Polizei/Zoll/Ordnungsamt und so weiter und so weiter .
    Es Fehlt an Junge Qualifizierte Menschen Warum ?

    Es werden Gerade Unsummen ausgegeben für die Krise was ja in Ordnung ist .
    Nach der Krise bekommen wir auf jeden Fall die Rechnung Präsentiert was in meinen Augen Ok ist . (lieber Zahlen als Sterben)
    System erhaltende Massnahmen wären da Zb. Die Gehälter attraktiver Für diese Arbeits Gruppen zu gestalten so das zb. die Putzfrau Stolz und Motiviert Ihre Arbeit Verrichtet und es nicht herablassend heist „Ach die /der Kann nichts…..da „nur“ Putze !

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