Kommentar: Kein Tag wie jeder andere

Anfang Oktober 1990 hatte der damalige Rat der Deutschsprachigen Gemeinschaft beschlossen, den 15. November, den Tag des Königs, auch zum offiziellen DG-Festtag zu machen. Über Nutzen und Form gibt es seitdem immer wieder Diskussionen. Gerade auch weil nicht alle an diesem Tag frei haben. Aber macht das einen politischen Festtag aus?

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Die Webseite plaisirdoffrir.be listet für Belgien 41 „Feiertage“ auf. Darunter sind auch solche wie St. Valentin, der Muttertag oder der Tag der Sekretärinnen. Sie gelten nicht alle im ganzen Land. Und sie geben auch nicht alle Anspruch auf einen freien Tag – zumindest nicht für alle.

Gerade das ist feierlicher Anlass dafür, dass es alle Jahre wieder die mehr oder weniger gleiche Diskussion zum Tag der Deutschsprachigen Gemeinschaft gibt. Angefangen beim Datum: dem 15. November.

Keine Spur von solchen Diskussionen im September bei den „Fêtes de Wallonie“, beim Tag der „Fédération Wallonie-Bruxelles“ oder beim Irisfest der Region Brüssel-Hauptstadt am 8. Mai, der andernorts als Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht zum Ende des Zweiten Weltkriegs gefeiert wird. Schon gar kein Zweifel auf flämischer Seite mit dem 11. Juli, der an die Schlacht der Goldenen Sporen von 1302 (!) erinnert.

Ganz zu schweigen von Nationalfeiertagen. Selbst bei unseren deutschen Nachbarn, die bei Gedenktagen immer auch schnell mit Bedenken zur Stelle sind, ist der 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit mittlerweile fest verankert. Wurde doch am 3. Oktober 1990 der „Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland“ vollendet (auch das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen). Bis dahin galt der 17. Juni im Westen als Tag der Einheit, in Erinnerung an den Volksaufstand von 1953 in der DDR.

Der 9. November, dessen wir letzte Woche noch mit „30 Jahren Mauerfall“ gedacht haben, war nach der Wende auch als neuer Nationalfeiertag in der Diskussion, galt aber wegen der Datumsgleichheit mit der Reichspogromnacht 1938 als ungeeignet. Dabei taucht dieses Datum als „Schicksalstag“ in der deutschen Geschichte häufiger auf: von der Novemberrevolution 1918 über Hitlers Putschversuch 1923 bis zu den Vorläufern der ’68er, um nur einige zu nennen. Vielschichtig eben.

So argumentierte wiederholt auch der ostbelgische Historiker Freddy Cremer, heute Fraktionssprecher von ProDG, mit Blick auf den 20. September 1920. An diesem Datum der, wie es damals hieß „Wiedervereinigung der Kantone Eupen, Malmedy und St. Vith mit ihrem alten Vaterlande“ lässt sich laut Cremer „die Vergangenheit der Deutschsprachigen Gemeinschaft in ihrer ganzen Vielschichtigkeit exemplarisch darstellen“. Das wiederholte er sinngemäß vor zwei Wochen im Parlamentsausschuss, wo das Thema „15. November“ mal wieder zur Sprache kam.

Auslöser war diesmal ein Artikel vom Sommer in „La Libre Belgique“, wo auch andere Daten ins Spiel gebracht wurden, die in direktem Bezug zum Autonomiestreben stehen, darunter der 20. September. Aber auch der 31. Dezember. Spätestens beim Gedanken an Silvesterböller zum Tag der DG ist aber Schluss mit lustig.

Die offizielle Lesart von Parlament und Regierung ist sowieso, dass an der Wahl für den 15. November kein Zweifel bestehen kann. Schon aus Verbundenheit mit dem Königshaus und mit Belgien als Ganzem. So ein bisschen wie die Niederländer, die ihren König an dessen Geburtstag hochleben lassen. Der Unterschied: Dort ist es ein gesetzlicher Feiertag, an dem alle frei haben. Ob sie nun in „oranje“ feiern oder Angeln gehen.

Das ist beim Tag der Deutschsprachigen Gemeinschaft anders. Nur die Beschäftigten im öffentlichen Dienst profitieren von diesem doppelten Feiertag. In unserer spontanen Umfrage war unter anderem die Aussage zu hören: „Als Privatmensch hat man nichts davon“, was nett formuliert ist.

Und man kann den Kalender danach stellen, dass es von Vivant politisch ausgeschlachtet wird. Wobei ein Foto vom vorgeblich teuren Empfang in Brüssel mit der Verknüpfung „das sind unsere Steuergelder“ eher billig ist.

Richtig ist, dass es berufstätigen Eltern an einem solchen Tag schwer fällt, ihre Kinder unterzubringen, wenn Schulen, Kinderkrippen oder außerschulische Betreuung geschlossen sind. Richtig ist auch, dass freie Tage Geld kosten. Darum fallen sie schon mal dem volkswirtschaftlichen Interesse zum Opfer. Vor allem dann, wenn sie inhaltslos geworden sind.

Und da liegt der Hund begraben: Natürlich kann man sich darüber ärgern, dass der Nachbar frei hat, wenn man selbst zur Arbeit muss. Der freie Tag alleine kann aber doch nicht der Zweck eines solchen Festtages sein.

Sinnvoller ist, sich über diese Deutschsprachige Gemeinschaft Gedanken zu machen. Wie sie zu dem geworden ist, was sie ist. Warum sie das an diesem Tag feiert und nicht an einem anderen. Vor allem aber auch, was aus ihr werden soll. Oder anders gesagt: Was Politiker und Bürger aus ihr machen. Das geht sogar nach Feierabend.

Und was den freien Tag angeht: Im nächsten Jahr haben wir diese Sorge weniger. Dann fällt der 15. November auf einen Sonntag.

Stephan Pesch

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