Spieglein, Spieglein an der Wand …

Die Unterzeichnung des Vertrages von Versailles hatte natürlich nicht nur für die Bevölkerung im heutigen Ostbelgien wegweisenden Charakter. Die hundertste Wiederkehr des historischen Ereignisses im Spiegelsaal von Versailles sollte aber gerade hier Anlass geben für eine Selbstbeobachtung unter neuen Vorzeichen, findet Stephan Pesch in seinem Kommentar.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Der Kinderbuchautor und Schriftsteller Janosch bringt es mal wieder auf den Punkt. Auf die Frage des Zeit-Magazins: „Herr Janosch, was ist eigentlich Identität?“ antwortete er: „Wenn man in einer gestreiften Hose vor dem Spiegel steht und der Meinung ist, dass die Person im Spiegel dieselbe ist wie die eigene, hat man das mit der Identität gut verstanden.“

Identität hängt von jedem Einzelnen ab, sie unterscheidet ihn gerade von den anderen. In der Psychologie spricht man von der „als Selbst erlebten inneren Einheit der Person“. Diese Selbsterfahrung ist aber immer auch geprägt durch die äußeren Umstände, durch Zugehörigkeit oder Abgrenzung.

Als es vor hundert Jahren bei der Pariser Friedenskonferenz um Reparationsforderungen und territoriale Ansprüche ging, wurde auch mit der sprachlichen und angeblich historischen Zugehörigkeit argumentiert. Fadenscheinig – angesichts der wahren wirtschaftlichen und strategischen Erwägungen.

Die belgische Verhandlungsdelegation hatte sich aufgeblasen wie ein Frosch und verlor schnell den im Ersten Weltkrieg zu Recht erworbenen Sympathiebonus des „Poor little Belgium“. Die Expansionsgelüste vor allem in Richtung der Niederlande und Luxemburgs waren so unverschämt, dass der französische „Père la Victoire“ Georges Clémenceau die Nase gestrichen voll hatte von diesen „prétentieux imbéciles“. So kamen sie praktisch mit leeren Händen aus dem Pariser Vorort zurück: Der Historiker Francis Balace spricht von einer Art „Trostpreis“. Aber was wollten die Belgier auch mit diesen „Boches“ die im Land so viele Gräuel angerichtet hatten.

Die Geburtsstunde dessen, was später unter den dehnbaren Begriff Ostbelgien gefasst werden sollte, ist also alles andere als glücklich gewesen und taugt nicht zur nachträglichen Verklärung. Dabei reden wir noch gar nicht von der Farce der Volksbefragung.

Sich damit auseinanderzusetzen, lohnt umso mehr, als die Geschichte dieser zeitweiligen Schicksalsgemeinschaft von Eupen/Malmedy und Neutral-Moresnet unterschiedlich aufgearbeitet wurde.

Während sich Historiker in der Deutschsprachigen Gemeinschaft schon länger auch mit den Entscheidungshandlungen des Einzelnen auseinandersetzen, hält sich in der Malmedyer Wallonie hartnäckig die Annahme, ein „Spielball der Geschichte“ gewesen zu sein. Wen wundert’s angesichts von Kriegen oder von dem Geschacher bei Friedenskonferenzen. Es ist aber zu bequem, sich nicht mit auch widersprüchlichen Biographien auseinandersetzen zu wollen.

Insofern sind lebenslaufbezogene Ansätze zu begrüßen, wie vor ein paar Jahren das Theaterstück „Le Carnaval des Ombres“ des Weismesers Serge Demoulin; oder pünktlich zum hundertsten Jahrestag der Unterzeichnung von Versailles: die Webdoku „De gré ou de force“ des Malmedyers Frédéric Moray, die Zeitzeugen und Historiker beiderseits der Sprachengrenze zusammenführt.

Das wäre doch ein schönes Geschenk zum hundertsten Geburtstag der Ostkantönler oder „Neubelgier“, der wegen des späteren Inkrafttretens des Versailler Vertrages erst im nächsten Jahr begangen wird: Über die mittlerweile gewachsenen sprachlichen und institutionellen Hürden hinaus wieder aufeinander zugehen, voneinander lernen in der Wahrnehmung der gemeinsamen Geschichte. Vor allen Dingen aber keine Nabelschau betreiben. Dann schon lieber, wie Janosch, in den Spiegel schauen und vielleicht etwas Neues an sich entdecken.

Stephan Pesch

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2 Kommentare
  1. Franz-Josef Collienne

    Der Versailler Vertrag und das was Belgien daraus gemacht hat war fuer die Bevoelkerung des heutigen Ostbelgien , trotz aller von allen Seiten kommenden Beschoenigungen und Verharmlosungen, der groesste Beschiss des Jahrhunderts. Feiern kommt nicht infrage.

  2. Marcel scholzen Eimerscheid

    Nach dem Versailler Vertrag bekam Belgien nicht nur die Ostkantone, sondern auch Burundi und Ruanda (Deutsche Besitzungen in Afrika) zugesprochen. Das sollte man nicht vergessen. Diese beiden Laender wurden unabhaengig in den 60er Jahren. Somit kann man die Ostkantone als ein Ueberbleibsel des belgischen Kolonialismus sehen. Ungefaehr wie die Pitcairn Inseln, der letzten britischen Kolonie im Pazifik. Dort leben noch heute die Nachfahren der Meuterer der Bounty.

    Es ist im Prinzip Unsinn darueber zu diskutieren, ob die Zugehoerigkeit zu Belgien gut oder schlecht ist. Die Vergangenheit kann man nicht aendern. Durch den Europaeische Gedanken sind Nationalstaaten zum Glueck weniger wichtig geworden. Es ist besser ueber das Ausmass der DG Autonomie und Moeglichkeiten der direkten Demokratie zu diskutieren. Denn wir leben im Heute und Jetzt.

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