Kommentar: Wir sind viele, tut was!

Die Mobilisierung für eine entschlossenere Klimapolitik scheint ungebrochen: Das zeigte am Sonntag in Brüssel die zweite Großdemo innerhalb von zwei Monaten. Und das zeigt der anhaltende Schülerprotest, der sich ausweitet. Die Größenordnung steht für die Tragweite des Themas. Die Empörung ist die gleiche wie bei Themen auf lokaler Ebene: Die Politik soll sich angesprochen fühlen und handeln, statt um den heißen Brei herumzureden.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Es sei dahingestellt, ob sich die Erde nun erwärmt, wie es 3.500 belgische Wissenschaftler diese Woche in einem offenen Brief bestätigten, oder ob der Planet – im Gegenteil – auf Dauer abkühlt, wie Donald Trump aufgrund der aktuellen Kältewelle in seinem Amerika auf gewohnt dümmliche Weise twitterte, wie es aber durchaus auch Experten annehmen. Auf jeden Fall erhitzt nichts so sehr die Gemüter wie das Wetter. Ob und wie es sich beeinflussen lässt und nicht zuletzt die Diskussion darüber, ob sich wer durch diese Frage beeinflussen lässt.

Dass zigtausende Schüler die Schule schwänzen, um die Sorge um ihre Zukunft auf die Straße zu tragen, ist hier schon kommentiert worden. Darum nur zweierlei. Erstens: Ihren freiwilligen Protest, wegen möglicher schulischer Sanktionen kann man auch von zivilem Ungehorsam sprechen, in eine Linie zu bringen mit der staatlich organisierten Indoktrination der Jugend in totalitären Regimen ist starker Tobak! Zweitens: Die Verspieltheit ihres Protests wird ihnen als Zeugnis für fehlende Ernsthaftigkeit ausgestellt. Dass auf der Suche nach größtmöglicher Originalität in der Masse auch mal ein Slogan daneben gerät und ins Schlüpfrige abgleitet, muss nicht überwertet werden.

Mit ihrem friedlichen Demonstrieren haben die Donnerstagsschwänzer und die Sonntagsmarschierer dem Protest auf der Straße jedenfalls wieder den Kredit zurückgegeben, den die Krawallmacher unter den Gelbwesten verspielt hatten. Die Waffe der Klimademonstranten ist: Wir sind viele und wir haben was zu sagen.

Einen anderen, direkten Weg hat das Kollektiv „Act For Climate Justice“ in dieser Woche gewählt: Mit rund 2.000 Plakaten in Städten wie Brüssel, Lüttich oder Antwerpen rief es dazu auf, die vier (!) in Belgien für Klimapolitik zuständigen Minister aufzuwecken – per E-Mail, SMS, Twitter oder direkt am Telefon. Die Reaktion der so Angesprochenen: verhalten über belustigt bis empört. Dabei legen sie sonst so großen Wert auf die Meinung der Bürger. Bis Ende der Woche hatten sich weit mehr als 20.000 bei ihnen gemeldet.

Seltsam still ist es angesichts der Klimaproteste, an denen sich auch ostbelgische Schüler und Pfadfinder beteiligten, bei der sonst so mitteilungsfreudigen Regierung in Eupen. Immerhin hatte Ministerpräsident Oliver Paasch vor dem Jahreswechsel angekündigt, „im Januar, spätestens im Februar“ einen mit den Gemeinden abgesprochenen integrierten Energie- und Klimaplan vorzustellen – in Erwartung neuer Zuständigkeiten.

Büllingens Bürgermeister Friedhelm Wirtz durfte immerhin vorige Woche den zusammen mit der Gemeinde Amel und der Energiegenossenschaft Courant d’Air geplanten Bürger-Windpark bei einer internationalen Konferenz in Brüssel als Vorzeigeprojekt präsentieren. Die sechs Windräder sind Teil des eben erwähnten Energie- und Klimaplans.

Wo wir bei den Beiträgen auf lokaler Ebene sind und bei der Frage, Dinge anzupacken statt sie aufzuschieben: Anfang der Woche hat der Gemeinderat von Burg-Reuland ein Pilotprojekt zur innovativen Müllsammlung gestartet: Sie will mit Hilfe der Wallonischen Region an mehreren Straßen große Müllfangkörbe anbringen lassen. So können diejenigen, die zwanghaft ihre Bier- und Energydrink-Dosen aus dem fahrenden Auto werfen, prüfen, ob sie schon genug Zielwasser intus haben. Wenn bei ihnen nicht sowieso Hopfen und Malz verloren ist.

Auf eine andere Weise beteiligen sich die Gemeinden Bütgenbach und Büllingen an einem Pilotprojekt der Wallonischen Region: Bürger der beiden Gemeinden können demnächst Getränkedosen, die sie aufgesammelt haben, zu einem Automaten am Bauhof in Weywertz bringen. Bei hundert Stück gibt es einen Gutschein über fünf Euro, der in örtlichen Geschäften einzulösen ist. Schade nur, dass schon viel Zeit verloren wurde und sich die Probephase auf so kleine Einheiten beschränkt. Von den zwei Dutzend ausgesuchten Pilotgemeinden sind schon ein paar, wie Eghezée, La Hulpe oder Tubize wieder abgesprungen.

Aber: Warum nicht gleich ein generelles Dosenpfand einführen? Wie es in Deutschland funktioniert und in Flandern angestrebt wird, auch wenn es da erst einmal auf Eis liegt. Die Bürger stehen dahinter, sie bekommen ihr Geld ja wieder. Und wenn aufgrund der Preissteigerung dann doch weniger von dem dick und süchtig machenden Zeugs verkauft wird, wie Handel und Industrie drohen – umso besser.

Dosenpfand und Klima – même combat. Keine Zeit zu verlieren.

Stephan Pesch

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11 Kommentare
  1. Damien Francois

    Die Propaganda-Maschine „BRF“ und Ihre Rhetorik laufen auf Hochtouren. Alle Achtung, selbst Nord-Korea kann hier etwas lernen.

  2. Frank Steiner

    Können Sie das erläutern Herr Francois?
    Und wessen Propaganda betreiben Sie mit ihren hetzerischen Kommentaren, deren Rhetorik an düstere Zeiten erinnern?

  3. Jean-Pierre DRESCHER

    Nein, ich halte den BRF insgesamt für unparteiisch. In meinen Augen ist der BRF keine Propaganda-Maschine.

    Ob oder in wie weit ich mich dem Kommentar von Stephan Pesch anschließen kann, weiß ich nicht.

    Doch aus eigener Erfahrung kann ich dem BRF zugute halten, dass alle Meinungen respektiert werden, auch wenn ich manche Berichte für zu systemtreu halte. Aber das ist klagen auf hohem Niveau.

    BRF, bleiben Sie den Belangen unserer DG treu für unsere DG im Herzen von Mitteleuropa!

  4. Guido Scholzen

    Ich hätte ja nichts dagegen auch mal abends nach BRF-Aktuell eine Viertelstunde über Klima zu reden, und zwar als Klimarealist, nicht als Klimaschützer.
    Na BRF, wie wär’s?

  5. Mario Meis

    Nun, wir sollten die Meinung eines einzelnen so stehen lassen, er ist Journalist und er muß über den angeblichen Klimawandel schreiben. Ob das seine eigene Meinung ist, weiß ich nicht.Ist auch egal!Daneben muss er auch andere Meinung stehen lassen und das kann er nicht.Wie kann er sich anmaßen,von einem frei gewählten Präsidenten von Dummheit zu schreiben?
    Er ist meiner Meinung nach Hetze.
    Ob die Schüler am Klima interessiert sind, bezweifele ich doch sehr.
    Es wird wohl eher die Abwesenheit von der Schule sein,die das ganze ausmacht.
    Warum demonstrieren sie nicht am Samstag? Ach nein, da müssen sie abhängen oder in die DISCO gehen, wo sie sich das Gehör kaputtmachen.
    Das ist schlimm,vielleicht sollten wir den Augenmerk auf andere aktuelle Probleme legen wie Pflege,-Krankennotstand, Kriminalität, die von außen hier reingetragen wird, die rechtzeitige und im Kostenrahmen verbleibenen Bauprojekte, pünktlicher Nahverkehr, Einsatz von mehr Bussen etc.
    Das ist das Gebot der STUNDE

  6. Jochen Decker

    Kinder werden von rot grünen Ideologen und Weltuntergangspredigern instrumentalisiert und missbraucht, schlimm genug.

    Klimawandel gibt es – seit Bestehen der Erde. Dass er menschengemacht sein soll, ist reine Glaubenssache. Solange aber daran Zweifel bestehen, sollte man wenigstens die Kinder in Ruhe lassen und noch weniger schwachsinniges Schwänzen hochstilisieren als Kampf gegen das Unrecht der Erwachsenen.

    Wenn es Zweifel daran gibt, dass der Klimawandel menschengemacht ist, so gibt es keinen Zweifel daran, dass geforderte Maßnahmen, wie das Abschalten irgendwelcher Kraftwerke keinerlei Verbesserungen bringen werden.

    Für den Umweltschutz mag es noch Sinn machen, aber das Klima wird davon nicht mal im Ansatz verbessert. Das einzige, was bewirkt wird, ist eine Schwächung der Wirtschaft, eine höhere Arbeitslosigkeit und mehr Armut.

    Bald werden sich nur noch gut verdienende Bürger den Strom leisten können, während das Klima macht was will, wie schon immer in den letzten Millionen Jahren.

  7. Bernd Luchte

    Herr Meis,
    Auch ein frei gewählter Präsident ist nicht davor gefeit, Dummheiten von sich zu geben. Dies bezeugt sein gesamte bisherige Amtszeit mit unzähligen verbalen Entgleisungen, Unwissenheit und dümmsten Sprüchen.
    Wenn sie einem Journalisten Hetze vorwerfen, weil er dies so darstellt, sind sie wohl auf einem Auge blind. Nicht der Journalist hetzt sondern der US- Präsident. Und dies in einer Weise, die jeder halbwegs zivilisierte Mensch für nicht möglich gehalten hat. Gegen politische Gegner, Minderheiten, ehemalige „beste“ Mitarbeiter und unzählige Vertraute, die sich von ihm abgewendet haben.
    Scheinbar sind auch sie dem Wüterich im Weißen Haus auf den Leim gegangen.

  8. Alexander Hezel

    Ironie: Zu schreiben „Nun, wir sollten die Meinung eines einzelnen so stehen lassen“, um diese dann ausführlich zu kommentieren.

    „Ich will ja nichts sagen, aber…“

  9. Frank Schneider

    Ist es auch Glaubenssache Herr Decker, ob die Erde eine Kugel oder eine Scheibe ist? Seit wann sind wissenschaftliche Erkenntnisse Glaubenssache? Glauben sie auch nicht, dass die Erde um die Sonne kreist, sondern die Sonne um die Erde?
    Instrumentalisiert werden auch Klimawandelleugner. Sie merken es nur nicht. Und die Kohle-, Öl- und Frackingindustrie lacht sich ins Fäustchen.

  10. Jochen Decker

    Solange es eine große Zahl – unabhängiger- und hochkarätiger Wissenschaftler gibt, die die Eskapaden ihrer meist von öffentlichen Geldern abhängigen Kollegen, mit Sorge sehen, darf man alle Verlautbarungen zu diesem Thema gerne glauben oder eben auch nicht glauben, ohne etwas falsch zu machen.

    Solange dies der Fall ist, sollte niemand für sich beanspruchen, die einzig wahre Religion zu praktizieren und auch nicht dumme Kinder missbrauchen.

    Wir können alle Kraftwerke, jede Heizung ausschalten und werden sehen, dass sich nicht das geringste am Klima ändert. Es ist eine Ideologie, deren Verbreiter jede andere Meinung ignorieren, egal wie nachvollziehbar sie auch sein mag.

    Wer erinnert sich noch an das große Waldsterben, das von den gleichen Gesinnungsgenossen genutzt wurde, um Weltuntergangsstimmung zu verbreiteten und Ängste, selbst bei 16-jährigen Schwedinnen, zu schüren?

    Die Bäume stehen heute noch, der Regen wurde nicht saurer, das Ozonloch schloss sich still und heimlich von selbst, während das Verkehrsaufkommen ständig weiter zunahm.

  11. Frank Schneider

    Es gibt keine große Zahl unabhängiger hochkarätiger Wissenschaftler, die “die Eskapaden ihrer meist von öffentlichen Gekdern abhängigen Kollegen mit Sorge sehen“. Die Wissenschaftler weltweit und die von ihnen durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass der Mensch für einen Großteil des zu beobachtenden Klimawandels verantwortlich ist.
    Allein ihre Aussage zum Thema Waldsterbern und Ozonloch verdeutlichen, dass sie sich noch nicht einmal die Mühe machen, sich auch nur ansatzweise objektiv zu informieren. Gerade das Thema Waldsterben und Ozonloch hat gezeigt, dass es durch Gegenlenken möglich ist, Entwicklungen zu stoppen oder umzukehren. Aber vom Verbot von FCKW haben sie sicher noch nie etwas gehört genauso wenig wie von den Maßnahmen, die Schwefeldioxyd-Emissionen zu verringern.
    Das Ozonloch ist nicht geschlossen und es schließt sich nicht von alleine. Wer unter Waldsterben eine großflächige Entwaldung versteht, weiß nichts über den Gesundheitszustand der Wälder.
    Glücklicherweise scheint die Jugend aus einem anderen Holz geschnitzt, Herr Decker.

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