Let me entertain you – Die Welt zu Gast bei Putin

Die neue Zeitrechnung hat begonnen: Bis zum 15. Juli richtet sich der Tagesablauf für viele nach den Anstoßzeiten bei der Fußball-WM. Das Spiel erobert sich den Platz zurück. Zuletzt war er von der Diskussion beherrscht, ob so eine sportliche Großveranstaltung überhaupt in einem autoritär geführten Land wie Russland stattfinden dürfe. Eine immer wiederkehrende und ziemlich scheinheilige Debatte.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Studenten drohen auf Transparenten mit Fernsehboykott. Die Frage, ob die eigene Mannschaft zur WM fahren darf, schlägt hohe Wellen. Die Teams aus Frankreich, Schweden oder Holland machen deutlich, dass sie nicht bereit sind, auf Kritik an den Verhältnissen vor Ort zu verzichten. Spätestens mit dem Beispiel der Holländer ist klar, dass es hier nicht um Russland 2018 geht, sondern um die WM vor 40 Jahren in Argentinien.

Zwei Jahre vorher hatte dort eine Militärjunta die Macht übernommen – Folter und Terror waren an der Tagesordnung. Im Gedenken an die vielen Verschwundenen hatten die Platzwarte die Torpfosten am unteren Ende schwarz angestrichen. Das würden sich die Platzwarte in Putins Russland nicht trauen, höre ich jetzt den ein oder anderen sagen.

Klar, die WM in Argentinien hätte aus ethischen Gründen nicht stattfinden dürfen. Vergeben wurde sie zwölf Jahre früher, in tempore non suspecto, zusammen mit den Turnieren in Deutschland 1974 und in Spanien, das bei der Vergabe noch von der Franco-Diktatur beherrscht wurde.

Ganz sicher ist bei der Doppelvergabe 2010 an Russland und Katar nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Das war ja selbst beim „Sommermärchen“ so. Wir haben verdrängt, dass die Vergabe auch zum Schaden der Bewerbung von Belgien und den Niederlanden war. Was die daheimgebliebenen Holländer fuchsen dürfte. Wir Belgier sollten froh sein, dass wir uns als Veranstalter nicht blamiert haben, wie mit unserem verplanten Nationalstadion.

Wie so eine Vergabe läuft, zeigte die unerhörte Einmischung von Donald Trump vor dem Fifa-Entscheid diese Woche für die WM 2026. Wie sich der US-Präsident das „United“ der Dreierbewerbung mit seinen mexikanischen Nachbarn und seinem G7-Gipfel-Intimus Justin Trudeau vorstellt, erfahren wir irgendwann bei Twitter.

Natürlich wird ein Weltsportereignis von den Machthabern politisch vereinnahmt. Katar hat sich auch dank des Sports auf die internationale Landkarte gesetzt und wäre sonst vielleicht schon von der Bildfläche verschwunden. Mit Blick auf die WM in der Wüste regen sich die Leute auch weniger über die Menschenrechte auf als über die Verlagerung in den Winter – beim Public Viewing wird es dann so ungemütlich …

Als Putin nach den Olympischen Winterspielen auch seine Fußball-WM bekam, gab es den Syrien-Krieg noch nicht, noch keine Annexion der Krim, keinen Dopingskandal und keinen – öffentlich bekannt gewordenen – Giftanschlag auf einen Ex-Spion. Was der frühere Geheimdienstler von Opposition, Pressefreiheit oder einer unabhängigen Justiz hält, war da schon bekannt. Nur, wetten? Im Nullkommanix wird die Debatte darüber von Diskussionen über umstrittene Elfer, den Videoassistenten oder die Leiste von Vincent Kompany abgelöst.

„Let me entertain you“ sang Robbie Williams bei der WM-Eröffnung in Moskau. Die moderne Übersetzung für: Brot und Spiele. Den Stinkefinger, den der britische Superstar den heimischen Kritikern in die Kamera hielt, mag Putin seinerseits der ganzen Welt vorgehalten haben. Vielleicht auch der eigenen Bevölkerung, die am Eröffnungstag die Erhöhung des Rentenalters und der Mehrwertsteuer schlucken musste, berauscht vom unverhofften 5:0 der Sbornaja über Saudi-Arabien.

Noch etwas zum Thema Vereinnahmung: Sie spielen zwar in einer völlig anderen Liga. Hier aber doch die Bitte an unsere hiesigen Politgrößen: Verschont uns von biederen Annäherungsversuchen im Überschwang der Fußballeuphorie! Ein Beispiel fand ich pünktlich zur WM im Briefkasten. In einer Wahlbroschüre präsentiert sich die SP Ostbelgien als „gut aufgestelltes“ Team. In Unterzahl, mit zehn Spielern. Da hat wohl jemand schon die Rote Karte bekommen …

Stephan Pesch

24 Kommentare
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Die Kritik an Putin ist doch nichts als pure Heuchelei.

    Man kann doch nicht allen Ernstes glauben, dass der größte Flächenstaat der Erde nach der Pfeife des Westens tanzt. Man kann nicht erwarten, dass es sich genau wie ein westliches Land entwickelt. Russland muss seinen eigenen Weg gehen. Nur dann wird es ein stabiler Partner in der Weltgemeinschaft. Und man kann natürlich probieren, es mit Sanktionen gefügig zu machen. Nur das schadet mehr als es nützt. Zum Beispiel importiert Russland keine europäitschen Milchprodukte mehr seit der Krimkrise. Das hat dazu geführt, dass Russland eigene Milchprodukte herstellt und so unabhängiger von der EU wird. Und die EU hat einen Kunden verloren. Man sollte nicht vergessen, dass Russland in den vergangenen Jahrhunderten mehrfach von westlichen Ländern angegriffen wurde. Und die Angst davor prägt bis heute die russische Politik.

  2. Dieter Leonard

    Pointierter Kommentar, Stephan Pesch !
    Auch der letzten Absatz trifft ins … Eckige.
    Die Relativierungen der Umtriebe von Autokraten, Despoten und Diktatoren durch Herrn Scholzen kommen nicht überraschend, langweilen dafür aber umso mehr.

  3. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Leonard.
    Glauben Sie wirklich noch an das Märchen von der Demokratie und dem Rechtsstaat ? Das sind alles dehnbare Begriffe je nach Land und Zeit. In jedem Regierungs- und Gesellschaftssystem ist der im Vorteil, der über gute Beziehungen, ein gutes Mundwerk und einen großen Geldbeutel verfügt.

  4. Alexander Hezel

    Und die Alternative von Herrn Scholzen zu Demokratie und Rechtsstaat wäre…?
    Die blutige Faust des Stärkeren? Mit solch scheinenden und vor menschlichtkeit strotzenden Vorbildern wie China, Russland, Nordkorea, Pakistan, Kuba, Katar (Fußball-WM 2022), Vereinigte Arabische Emirate, Syrien, usw., in denen man nach Herzenslust ein erfülltes und freies Leben führen darf?

    „Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ (Niemöller)

  5. Marcel Scholzen eimerscheid

    Natürlich ist Russland aus unserer Sicht eine Diktatur und Putin ein Alleinherrscher wie es einst die Zaren auch waren. Nur ist die Mehrheit der Russen zufrieden mit Putin. Die Russen hatten schlechte Erfahrungen gemacht mit der Demokratie in den 90er Jahren und deswegen ist ihnen ein Mann wie Putin am liebsten, weil der für klare Verhältnisse sorgt.

    Eine Demokratie im Sinne einer Volksherrschaft hat es noch nie gegeben. Gewiss auf dem Papier haben wir die allerlei Rechte garantiert. Nur in der Praxis sieht es schon anders aus. Jemand der sein Recht einklagen will und nicht viel Geld hat, überlegt sich sowas. Jemand mit viel Geld riskiert schon eher eine Auseinandersetzung. Theoretisch hat auch jeder die Möglichkeit ein politisches Amt auszuüben. Nur in der Praxis kann nur der mit dem „richtigen“ Diplom, mit guten Beziehungen und einem wohlgefüllten Geldbeutel. Alles relativ.

  6. Guido Scholzen

    Eine Frage habe ich diesbezüglich an die Medien:
    Wenn über Russland berichtet wird, dann meist negativ. Man nennt es nur noch ‚Russland-bashing‘, also Russland-Beschimpfung.
    Ich hätte ja wirklich nix gegen ‚Putin-bashing‘, aber warum wird oft ganz Russland in den Dreck gezogen? Ist Russland in seiner Größe noch immer das ‚Reich des Bösen‘? Das beobachte ich in den deutschen Medien, aber zum Glück nicht hier beim BRF.

  7. Alexander Hezel

    Herr Marcel Scholzen, entweder sind sie naïv oder von schlechtem Willen: Natürlich sind die Russen „zufrieden“ mit Putin, das ist die Essenz eines autokratischen Regimes, denn jede Kritik, jede Gegenstimme wird im Keim erstickt bzw. drangsaliert oder ermordet. Es gibt eben keine Meinungsvielfalt. In Nordkorea sind die Menschen auch „zufrieden“ mit ihrem göttlichen Führer.
    Wenn Sie im Fernsehen, im Radio und im Internet nur den Kinderkanal hätten, wären sie irgendwann wahrscheinlich auch von den Teletubbies begeistert…

    Außerdem: Haben Sie überhaupt schonmal versucht, sich in ein politisches Amt wählen zu lassen? Mit dem Finger zeigen kann jeder, selber etwas zu bewirken ist aber eine andere Sache.

  8. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Hezel.
    Ich habe schon probiert, Politik zu machen. Nur als Handwerker hat man da schlechte Karten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Akademiker bevorzugt werden. Unser System ist so gemacht, dass nicht jeder kann, der gerne möchte. So kann man auch Bürgerrechte auf elegante Art und Weise aushebeln. Die Teilhabe an der Politik ist ein großes Manko und es besteht wenig Hoffnung auf Änderung.

    Und an Putin gefällt mir seine direkte Art und Weise. Der verstellt sich nicht.

  9. Dieter Leonard

    „Und an Putin gefällt mir seine direkte Art und Weise. Der verstellt sich nicht.“

    Der war gut Hert Scholzen! Bitte noch einen in der Art.
    Wie wäre es mit, „Putin ist ein lupenreiner Demokrat“?

  10. Voigt Christian

    Würde aber auch nichts bringen mit den Einstellungen die Sie regelmäßig an den Tag legen

  11. Alexander Hezel

    Herr Voigt, ihr Argument ist, dass jemand die falsche (=nicht ihre) Einstellung hat?

  12. Margret Hilgers

    Herr Scholzen, wo haben Sie den probiert Politik zu machen? Wenn Sie als Kandidat auf einer Liste waren, hatten Sie wahrscheinlich nur eine Stimme! Welche dürfen Sie raten!!!!

  13. Dieter Leonard

    @Christian Voigt
    Hallo Herr Voigt,
    Gehe ich recht in der Annahme, dass ihre Bemerkung Herrn M.Scholzen galt?

  14. Christian Voigt

    @ Dieter Leonard
    Richtig
    @Alexander Hezel
    Eine sich selbst verherrlichende Einstellung ist auch eine Einstellung. Scheinbar sind alle anderen einfach nur dumm und unwissend. Dies entnehme ich aus sämtlichen Kommentare die von dieser Person veröffentlicht werden. „Wer nicht so denkt wie ich hat keine Ahnung“ , das sieht sehr nach jemanden der in einem Weißen Haus in Washington wohnt.

  15. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Leonard.
    Es stimmt, Putin hält nicht viel von der westlichen parlamentarischen Demokratie genau wie Sie nicht viel vom Respekt anderer Leute Eigentum, denn Sie befürworten ja auch das illegale Besetzen von Braunkohlebaggern.

  16. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Voigt.
    Wenn Sie mir meine Meinung zum Vorwurf machen, sind Sie nicht besser als Putin. Und das lässt auf eine gewisse Intoleranz schließen.

  17. Dieter Leonard

    Schreiben sie kein dummes Zeug Herr Scholzen. Es ging in der Diskussion damals um das Ausrollen eines Spruchbandes durch eine Judendgruppe in Hambach. Ich habe ihnen allerdings widersprochen, als sie den (gewaltlosen wohlgemerkt) zivilen Ungehorsam von Braunkohlegegnern mit terroristischen Taten verglichen.
    Aber was hat das mit Putin zu tun? Richtig! Gar nichts!

  18. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Leonard.
    Gewaltlosen zivilern Ungehorsam (ist illegal wohlgemerkt) zu befürworten ist genau so ein Angriff auf den Rechtsstaat wie eine Diktatur.

  19. Mario Meis

    Die Arroganz der westlich europäischen Welt gegenüber anderen Staaten, die andere Meinungen haben, ist unerträglich.
    Als wenn die alles besser könnten!!!
    Wir erfahren auch nicht alles, was auf unseren Kontinent passiert, sonst würden die Medien bei Kriminalitätsberichten neben dem Alter auch die Nationalität angeben!
    Also Demokratie ist bei uns auch nicht lupenrein, sonst könnten wir z.B. auch über die Flüchtlingswelle abstimmen!
    Also wir müssen vorsichtig sein mit Verurteilungen, denn jeder Mensch ist anders und auch jede Nation ebenso!
    Wir sollten lieber sagen,aus unserer Sicht macht der oder der andere etwas falsch…
    Aber ist diese Sicht richtig….?

  20. Dieter Leonard

    @M. Scholzen
    Sorry, aber sie wissen nicht wovon sie reden.

  21. Alexander Hezel

    Herr Meis, ihre schamlose Taktik der Verharmlosung eines autoritären Regimes (Russland unter Putin seit fast 20 Jahren) zeugt nicht gerade davon, dass ihr moralischer Kompass nach humanistischen und freiheitlichen Werten geeicht ist: Ja, man macht etwas falsch, wenn man Opositionelle, Journalisten, Homosexuelle, und alle, die nicht dem Putinschen Regime treu sind, bedroht, inhaftiert oder ermordet!

    Zur Erinnerung: „Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ (Niemöller)

  22. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Leonard.
    Ich stelle fest, Ihnen sind die Argumente ausgegangen, denn sonst würden Sie was anderes schreiben.

  23. Christian Voigt

    Herr Scholzen,
    In dem Spiegel den Sie vor sich halten ist Ihr Abbild. Als Intolerant, von jemandem der jegliche andere Meinung als die Eigene als dumm und Unwissend darzustellen, beschimpft zu werden ist lachhaft. Und wenn Sie mich mit Putin vergleichen, dann habe ich ja schon den ersten Fan bei Ihnen gefunden. Zur Erinnerung: „Und an Putin gefällt mir seine direkte Art und Weise. Der verstellt sich nicht“. Nur, es gefällt nicht wenn man selbst betroffen ist.

  24. Stephan Pesch

    Da es nach einem sehr lebhaften Austausch mittlerweile nicht mehr um das eigentliche Thema geht, nämlich die WM-Vergabe und den Umgang damit, beenden wir die Diskussion zu diesem Beitrag und werden keine weiteren Kommentare dazu veröffentlichen.
    Stephan Pesch, Chefredakteur