Ein politischer Mord, ein Zeichen an der Wand? – Ein Kommentar

Geprägt war diese Woche von einer schrecklichen Gewalttat. Am Montag wurde Alfred Gadenne, der Bürgermeister von Mouscron, brutal ermordet. So mancher sieht in dem Mord nur den vorläufigen tragischen Höhepunkt einer Entwicklung des zunehmenden Hasses auf die politische Klasse, das "Establishment", den Staat insgesamt. Dieses Gefühl der Ablehnung ist ebenso falsch wie gefährlich.

Roger Pint, Leiter des BRF-Studios Brüssel

Roger Pint, Leiter des BRF-Studios Brüssel

Jeder Mord ist eine Tragödie. Der Mord an Alfred Gadenne ist aber zudem kein „gewöhnliches“ Verbrechen. Nach dem derzeitigen Ermittlungsstand war das Motiv des Täters zwar eher privater Natur. Der Verdächtige, ein 18-jähriger Junge, wollte wohl seinen Vater rächen, der sich angeblich das Leben genommen hatte, weil seine Anstellung in der Stadtverwaltung nicht verlängert worden war.

Und doch ist es offensichtlich so, dass Alfred Gadenne ermordet wurde, weil er als Bürgermeister der politische Endverantwortliche war. Er starb nicht, weil er Alfred Gadenne war, sondern wegen des Amtes, das er innehatte. Und das macht aus der Tat in gewisser Weise einen politischen Mord.

Vergleiche hinken immer. Aber man denke mal knappe vier Wochen zurück. Da wurde in Diest eine Frau erschossen. Am helllichten Tag, vor Zeugen. Tatort war das örtliche Büro der christlichen Gewerkschaft CSC. Der Täter zieht noch ein Nümmerchen, wartet, bis er an der Reihe ist, geht zum Schalter, zieht eine Pistole und schießt auf die Sachbearbeiterin – die 38-jährige Sara, alleinerziehende Mutter eines kleinen Sohnes.

Das Motiv? Der Täter fühlte sich nach eigener Aussage durch die Gewerkschaft schlecht behandelt. Auch Sara wurde also wohl wegen ihres Amtes ermordet, weil sie eben in dem Moment ihren Arbeitgeber verkörperte.

Das sind leider nur die sichtbarsten, weil tragischsten Symptome einer wirklich beängstigenden Entwicklung. Teile der Gesellschaft verrohen. Im Internet ist das ja schon länger zu beobachten, wo verbale Gewalt in vielen Foren an der Tagesordnung ist. Politiker, selbst Regierungsmitglieder, spielen freilich auch gerne auf dieser Klaviatur, wie etwa Asylstaatssekretär Theo Francken, der im Zusammenhang mit einer Razzia gegen Flüchtlinge in Brüssel mal eben das Wort „opkuisen“ verwendet hat, was so viel heißt wie „reinigen“, wobei man dann auch schnell beim „säubern“ ist.

Besagte Verrohung ist besonders spürbar im Verhältnis zwischen dem gewöhnlichen Bürger und den alteingesessenen Strukturen, dem Establishment, „denen da oben“, wie es so schön heißt. Und „die ganz oben“, die bekommen es am heftigsten zu spüren, Politiker nämlich. Der Mord an Alfred Gadenne hat die politische Klasse denn auch sichtbar ins Mark getroffen. In den besonders zahlreichen Beileidsbekundungen hörte man fast schon die Angst heraus.

In seltener Offenheit schilderten Politiker, wie sie immer häufiger offen angefeindet werden. Poujadismus in Reinform, nach dem Motto: „Alle gleich, alle korrupt“. Auch Laurette Onkelinx beklagte in dieser Woche das derzeitige Klima, das mit zu ihrer Entscheidung beigetragen habe, von der politischen Bühne abzutreten. Im Falle Onkelinx ist das wohl mit Sicherheit nicht der wichtigste Grund für den Abgang, was aber nicht heißt, dass ihre Feststellung dafür nicht stimmt.

Der Tod von Alfred Gadenne kann in diesem Zusammenhang denn auch durchaus – zumindest in Belgien – als ein trauriger Höhepunkt verstanden werden. Es ist das vielleicht letzte noch fehlende Indiz dafür, dass aus Worten inzwischen immer schneller auch Taten werden, dass die verbale Gewalt, die sich bislang nur im stillen Kämmerlein, manchmal unter dem Deckmantel der Anonymität, an der heimischen Tastatur äußerte, dass diese digitale Aggression funkenweise in die reale Welt überschlägt.

Es gibt durchaus andere Beispiele, die ebenfalls schon in diese Richtung wiesen. Man denke nur an die Messerattacke auf den PTB-Parlamentarier Raoul Hedebouw am vergangenen 1. Mai. Auch hier macht allein die angegriffene Person das Ganze zu einer politischen Tat. Zwei Gewaltakte gegen Politiker in einem Jahr, das ist für belgische Verhältnisse außergewöhnlich.

Wer jetzt einwirft, dass die Politiker dieses Landes selber schuld sind, dass die Bürger allen Grund haben, wütend zu sein, dass die Politiker doch nur die Quittung bekommen für die jüngsten Affären wie Samusocial oder Publifin, der nimmt nicht nur in letzter Konsequenz Gewalt billigend in Kauf, der greift auch zu kurz.

Wer sind denn „die da oben“, „die Politiker“? Erstens: Es sind in aller Regel Leute, die von einer Mehrheit der Menschen gewählt wurden. So naiv das in manchen Ohren auch klingen mag, aber es ist so. Und zweitens: Alle über einen Kamm zu scheren ist schlicht und einfach falsch. Viele Politiker, die übergroße Mehrheit, gehen ernsthaft, emsig und engagiert an die Sache heran, haben oft das Allgemeinwohl im Blick.

Apropos Allgemeinwohl. Hier gibt es manchmal auch ein fatales Missverständnis. Nicht nur die oft geschmähten Politiker denken manchmal nur an sich. In unserer individualisierten Gesellschaft haben vielleicht auch viele Bürger den Blick fürs große Ganze verloren. Nicht nur Politiker betrachten die eigenen Interessen als die alleinige Richtschnur, viele Bürger sehen sich in ihrem Verhältnis mit der Politik oder dem Staat in der Rolle des Kunden, der König ist (mit einer entsprechend hohen Erwartungshaltung). Er will seine Wünsche erfüllt sehen, schließlich bezahlt er ja dafür.

Demokratie als gelebter Kompromiss, damit tun sich auch viele Bürger zunehmend schwer. Damit soll nicht die Schuld auf andere geschoben werden, es ist allenfalls ein bescheidener Erklärungsversuch.

Natürlich muss gerade die Politik mit gutem Beispiel vorangehen. Natürlich hat die Politik viel Kredit verspielt. Natürlich bedarf es da eines sichtbaren und spürbaren Rucks. Und natürlich haben die Bürger allen Grund, hier ungeduldig und sogar unerbittlich zu sein.

Gewalt allerdings, und sei es verbale, ist nie zu rechtfertigen. Der Tod von Alfred Gadenne sollte uns allen eine Warnung sein.

Roger Pint

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5 Kommentare
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Dieser Kommentar ist eine gute Situationsbeschreibung. Wie man sieht, sind auch politische Mandatsträger berufsbedingten Risiken ausgesetzt genau wie andere. Der Unterschied besteht in der öffentlichen Wahrnehmung. Wenn zum Beispiel irgendwo Handwerker auf einer Baustelle tödlich verunglückten, so wird das als schrecklich und tragisch empfunden aber nie politisch interpretiert. Aber wenn ein Mandatsträger ermordet oder angegriffen wird, dann herrscht sofort Weltuntergansstimmung.

    Es sollte nie vergessen werden, dass politische Arbeit und auch Kampf mit persönlichen Risiken verbunden ist. Männer wie Charles Degaulle oder Konrad Adenauer haben ihr Leben riskiert aufgrund ihrer politischen Überzeugung. Heutzutage gehen viele in die Politik, nicht um für eine Sache einzustehen, sondern des persönlichen Vorteils wegen. Das macht viele unglaubwürdig und schwächt die Demokratie.

  2. Dieter Leonard

    „Berufsbedingte Risiken“ ?
    Wissen sie überhaupt noch, was sie schreiben ?

  3. Hilgers Margret

    Vielen Dank Herr Leonard.
    Einige Kommentarschreiber sollten ihre Kommentare doch mal selber nachlesen, bevor sie diese veröffentlichen.
    Ich glaube besser sollte niemand mehr auf diesen Unsinn antworten, vielleicht hören sie dann auf solchen Schwachsinn zu schreiben.

  4. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werter Herr Leonard.
    Ich weiß genau, was ich schreibe. Jeder Beruf hat Risiken. Und ein politischer Mandatsträger ist genau so gut Gefahren ausgesetzt wie andere Beschäftigte. Dann erklären Sie doch mal bitte Ihren Standpunkt und wo ich Ihrer Meinung nach falsch liege. Bin gespannt auf ihre Antwort.

  5. Ernst Mathieu

    Sehr geehrter Herr Scholzen, wenn ein Waldarbeiter von einem Baum erschlagen wird ist dies ein Unfall. Wenn ein Bürgermeister erschossen wird ist es ein Mord.

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