Kommentar: Fataler Irrtum – mit grausam-nachhaltigen Folgen

Der Koran als "Wurzel des Übels". Kleinkinder, die "islamisch radikalisiert" genannt werden. Endlose Diskussionen zwischen Ideologen, Fanatikern, Rassisten. Die Anschläge in Spanien haben eine Lawine von Reaktionen - zum großen Teil unangemessenen und unappetlichen - ausgelöst. Aber, es gibt auch Zeichen der Hoffnung, meint Rudi Schroeder in seinem Kommentar.

BRF-Chefredakteur Rudi Schroeder

Rudi Schroeder

Es ist die Zeit der Religionsfanatiker und Ideologen, der Besserwisser und Verschwörungstheoretiker. Kommentarspalten und Foren laufen über von hassgeprägten Schwarz-Weiß-Aussagen.

Wir haben es schon immer gewusst: Der Islam ist ein Teufelswerk, die Muslime sind an allem schuld. Es ist der Tenor unzähliger Einlassungen in einem öffentlichen Diskurs, der an Niveaulosigkeit kaum zu unterbieten ist. Inzwischen werden sogar Kleinkinder auf die Anklagebank gesetzt und als radikalisiert gebrandmarkt.

So geschehen nach einem bekannt gewordenen Vorfall im flämischen Ronse. Die muslimischen Kids hätten Verse aus dem Koran zitiert, Mitschüler als Schweine bezeichnet und Gesten gezeigt, als wollten sie den „Nichtgläubigen“ die Kehle aufschlitzen. Dass dies passiert ist, steht außer Zweifel. Ebenso, dass Ronse kein Einzelfall ist. Aber, die Schlüsse, die daraus gezogen werden, sind in der Mehrzahl haarsträubend vereinfachend und naiv.

Kinder, zumal in noch sehr jungen Jahren, ahmen gerne das nach, was ihnen nicht selten digital vorgespielt und vorgelebt wird – in diesem Fall wahrscheinlich in ihrem aus vielerlei Gründen überforderten Elternhaus. Sie reflektieren zumeist nicht die Richtigkeit und die moralische Qualität ihres Tuns. Das wissen nicht nur Psychologen. Und das bestätigte diese Woche auch Grazyna Glowania, die in Manderfeld die Integrationsklasse einer Grundschule leitet. Sie verweist zudem darauf, dass nicht wenige dieser Kinder traumatisiert sind durch Krieg und Flucht. Es ist völlig daneben, den Kindern irgendeine Schuld anzulasten.

Richtig und gut, dass Erzieher und Verantwortliche von Asylbewerberheimen, denen solch auffälliges Verhalten bei ihren Schutzbefohlenen zu Ohren kommt, die verantwortlichen Eltern aufsuchen, mit ihnen ernsthafte Gespräche führen, und, wenn nötig, die Polizei verständigen. Richtig und gut, dass die Politik Konsequenzen fordert und beispielsweise eine Art Meldepflicht für islamische Prediger verlangt.

Richtig ist aber auch, dass die Moslem-Exekutive ihre Zusammenarbeit mit den Moscheen bei der Überprüfung von Imam-Anwärtern verstärken will. Die Moslem-Exekutive, die die islamische Glaubensgemeinschaft in Belgien vertritt, reagierte damit auf den Fall des Imams, der als Drahtzieher der jüngsten Anschläge in Spanien gilt. Er hatte sich als Prediger in einer Moschee in Diegem beworben, war aber abgelehnt worden.

Richtig ist auch, dass Vertreter der dortigen muslimischen Gemeinde sich schon früher an die Polizei gewandt hatten mit der Bitte, diesen ihnen verdächtig erscheinenden Mann einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Richtig ist, dass auch hierzulande viele Muslime sich schämen wegen der im Namen des Islam begangenen Gräueltaten.

Die Frage nach der Rolle des Islam in der Ideologie des sogenannten Islamischen Staates muss indes weiterhin gestellt werden. Und nicht wenige Vertreter des Islam, auch des gemäßigten, haben darauf oft keine befriedigende Antwort gegeben. Die Reaktionen der Muslime in Diegem auf den Terror-Imam, den sie nicht als den ihren sehen, lassen hoffen. Und die Reaktionen vieler Menschen, die sich nicht auseinanderdividieren lassen möchten durch krude Verschwörungs- und Weltuntergangstheoretiker auch.

Nein, es ist weder der Koran noch die Bibel, die der Grund allen Übels sind. Es sind die verirrten fanatisierten Menschen, die sie als Fibeln für Feldzüge gegen die Menschlichkeit interpretieren, um ihrem Gott, ihrem Allah zu gefallen. Dieser Glaube: ein fataler Irrtum – mit grausam-nachhaltigen Folgen!

Rudi Schroeder - Foto: Achim Nelles/BRF

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Ein Kommentar
  1. Dieter Leonard

    Ein mutiger und mutmachender Kommentar!
    Der Chefredakteur des SPIEGEL, Klaus Brinkbäumer schreibt in seinem Leitartikel zu Donald Trump und seiner entlarvenden Haltung nach den Vorfällen von Charlottesville: „Das Rad der Zivilisation ist rückwärts gedreht worden.“
    Wenn dies für Trump, die Neonazis und den KKK in den USA gilt, gilt es sicher auch für jeden islamistischen Terroristen.
    Aber auch für diejenigen, die jeden Anschlag für ihren eigenen Hass instrumentalisieren.
    Unter dem Deckmantel der Anonymität lässt sich in den einschlägigen Foren mit Genuss an diesem Rad drehen.

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