Generationswechsel in der Politik – Ein Kommentar

Ob Ämterhäufung auf Ebene der Wallonischen Region, anstehende Kommunalwahlen 2018 oder diverse Skandale und Skandälchen im internationalen und belgischen Politgefilde: Gerne wird von der Politik in diesem Zusammenhang das neue Trendwort "Generationswechsel" genannt. Wofür dieses Wort schlussendlich steht und inwiefern es nur Floskel, Stilmittel oder vielleicht doch auch Realität ist, darüber hat sich Julia Slot Gedanken gemacht.

BRF-Redakteurin Julia Slot

BRF-Redakteurin Julia Slot

Alle wollen sie modern sein, unsere Politiker – und möglichst auch bei den Jüngeren in unserer Gesellschaft ankommen. Generationswechsel scheint in diesem Kontext ein neues Trendwort zu sein; Verjüngungskur ist ein ebenso beliebter Begriff – vor allem, wenn die nächsten Wahlen vor der Türe stehen. Politische Talkrunden finden nun schon vermehrt in Online-Kanälen wie Youtube statt. Politiktalk wird neuerdings unter dem Motto #deineWahl geführt, und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel verrät der Menschheit im Netz, welches ihr Lieblings-Emojie ist. Donald Trumps Lieblingsmedium ist und bleibt Twitter. Bei ihm hat es sich auch nach den Wahlen noch nicht ausgetweetet. Fake News, Manipulation über Social Media und Social Bots mal ganz außer Acht gelassen.

Und auch die Parteien unseres Landes greifen das Trendwort Generationswechsel auf. Vorne an die PS, nahm sie doch mit Spitzenpolitikerin Laurette Onkelinx nach den Skandalen rund um das Thema Ämterhäufung Anfang des Monats die Begriffe Rundumerneuerung und Generationswechsel in den Mund. Wobei der Begriff Rundumerneuerung in diesem Zusammenhang – fast schon der VW-Diesel-Affäre gleich – nach einem Software-Update klingt, das lange nicht jeden Stunk aus der Vergangenheit auf der politischen Festplatte löschen kann.

Und auch auf DG-Ebene versucht die Politik stets aufs Neue, den Nerv der Zeit zu treffen, ihren Parteien eine Verjüngungskur zu verpassen und die Jugend für Politik zu begeistern. Am besten, indem sie sie direkt mit ins Boot holt. Nun, so kurz vor den Kommunalwahlen 2018 in unserer Deutschsprachigen Gemeinschaft – oder sollen wir besser sagen in Ostbelgien – fällt daher ebenfalls immer häufiger das Wort Generationswechsel. Es soll das Gefühl eines Tapetenwechsels vermitteln. Generationswechsel steht für Jugend, steht für Veränderung, steht für frischen Wind. Assoziationen, die das farblose Bild, das der Bürger, das wir, oftmals von der Politik haben, auffrischen sollen. Also ein optimales Stilmittel der Kommunikation, das die Gesellschaft und vor allem die Jugend anspornen soll, sich über die Wahlen hinaus politisch zu begeistern.

Doch wo hakt es bei der Politik und der Jugend? Ist die Politikverdrossenheit das Problem oder ist es die Jugendverdrossenheit der Politiker? Diese Frage ergab sich diese Woche aus einem BRF-Gespräch mit den Jungpolitikern der DG. Doch vielleicht ist es auch ein grundsätzliches intergenerationelles Problem? Wie oft ertönt nicht der Satz, fast schon eine Art Slogan der Gesellschaft: Politik interessiert mich nicht.

Den Jungpolitikern zufolge steht der angestrebte Generationswechsel der regionalen Parteien für die Heranführung zwischen Altem und Neuem. Nicht verkehrt, denn Alt und Neu bedeutet Wissenstransfer und -vermittlung der älteren Generation an die nachfolgende. Und die vermehrte Einbringung junger Menschen in die Politik verspricht gewiss nicht zuletzt die Möglichkeit, hier und da mal den Blickwinkel zu ändern.

Fakt ist: Der Generationswechsel findet statt, da es stets eine Nachfolgegeneration der politischen Elite geben wird. Diese beherzigt durchaus die Sprache der Jugend, ist sie doch vermehrt dort vertreten, wo die Jugend anzutreffen ist: Und das ist nunmal im Netz. Angie und Youtube lassen an dieser Stelle grüßen.

Dennoch muss sich auch die Jugend selbst ein wenig an die Nase packen. Besteht doch zum Teil, frei nach dem Motto „Ich scrolle, also bin ich“ die Tendenz, den Tag mit dem morgendlichen Checken der Facebook-Startseite zu beginnen – und zu glauben man sei bereits zur Genüge informiert. Doch lassen wir dabei nicht außer Acht, dass die Facebook-Algorythmen uns genau jenes Weltbild auf unserem Profil herausfiltern, welches wir durch unsere Likes und Klicks selbst ausgewählt haben?

Ist doch schon manchmal erschreckend, wie schnell kostbare Zeit flöten geht, wenn wir im sozialen Netzwerk, überspitzt gesagt, damit beschäftigt sind, irgendwelche Katzen-Gurken-Videos zu teilen oder zu grübeln, welchen Instagram-Filter wir auf das Bild unserer Lieblingspizza legen, statt in der Zeit mal einen Artikel konzentriert von Anfang bis Ende zu lesen. Zugegeben, da macht auch eine Runde durch Snapchat manchmal mehr Freude, als zu erfahren, wie die Politiker unsere Steuergelder über Ämterhäufung verprassen oder ihnen zuzuhören, wie sie krampfhaft bemüht sind, einen ausgeglichenen Haushalt zu basteln.

Halten wir also fest: Der politisch kommunizierte Trend hin zum Generationswechsel sollte mehr als ein Stilmittel der Kommunikation sein. Er ist keine „Mission impossible“. Aber er lebt nur dann, wenn er reich an Neugierde und Respekt der Generationen füreinander ist! Und eine Mission wäre keine Mission, wenn nicht auch Mut und Chancen für Veränderung und Risikobereitschaft groß geschrieben würden. Ein stupider Post, ein Tweet oder ein unüberlegtes „I like“ verlören dann jeglichen Reiz.

Julia Slot - Bild: Melanie Ganser/BRF

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4 Kommentare
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Generationswechsel ist nichts anderes als ein alter Hut, der stets neu verpackt wird. Die selben Sprüche habe ich schon in den 90er Jahren gehört, als ich ein junger Kerl war. Und solange man schön den Mund hält und brav alles macht, was „die Alten“ einem vorkauen, Ist auch alles in Ordnung. Nur war dies nicht mein Ding. Ich wollte eigene Ideen einbringen, verlor deswegen die notwendige Unterstützung und hatte schlussendlich die Nase gestrichen voll von Parteipolitik. Und bei mir kam erschwerend hinzu, dass ich nicht studiert hatte. Das war bei mir das zweite Manko. Politik ist dann eine gute Freizeitbeschäftigung, wenn man von den eigenen Leuten unterstützt wird. Wenn nicht, lässt man besser die Finger davon. Es gibt andere Hobbys, die dann mehr Spass machen.

  2. Ulrich Deller

    Also ich möchte nicht modern sein, da gerät man leicht in die Not, jedem Trend hinterher zu laufen. Ich finde, es kommt darauf an, kompetent und vielseitig interessiert zu sein. Ich bin konservativ und(!) liebe es querzudenken. Ich bringe viele gute Erfahrung ein, zugunsten der nachkommenden Generationen.

    Wir haben mehr Senioren. Wir „Alten“ müssen also lernen jung zu denken, das ist Generationenwechsel. Wenn Erneuerung nur Aufgabe der Jungen ist, verdrücken sich die Senioren aus ihrer Verantwortung, für Erneuerung zu stehen, die auch jungen Menschen gerecht wird.

    Politik: alt und blass heißt doch, dass ungewöhnliche Ideen nicht diskutiert werden dürfen. Ideale sind kein Privileg von jungen Leuten, sondern Aufgabe aller!

    Es geht nicht um den Stil als äußeres Mittel, es geht um Entwicklung, um neue Ideen und darum, dass mit denen nicht abgebrüht umgegangen wird.

    Bewegung und Entwicklung machen den Generationenwechsel aus und der ist Aufgabe aller Generation zusammen!

  3. Catherine Hoffmann

    Meiner Meinung nach, führt Gleichgültigkeit dazu, dass sich viele Jugendliche nicht für Politik interessieren. Sie haben das Gefühl, mit ihrer Stimme, nichts bewegen zu können. Ein Beispiel dafür, ist die geringe Anzahl Studenten, die am 30. April zum Politischen Frühschoppen zum BRF nach Eupen kam, um sich den Austausch von Vertretern der deutschsprachigen Studentenvereinigungen und der sechs Parteien des PDG anzuhören.

  4. Dieter Leonard

    Werter Herr Deller,
    Ich kann ihren Ausführungen durchaus zustimmen.
    Ihr (adhoc-) Engagement in eigener Sache (!), wenige Stunden nach Bekanntgabe ihrer Spitzenkandidatur für die Gemeinderatswahlen, ist jedoch nicht wirklich glaubwürdigkeitsfördernd.
    In diesem „Forum“ gäbe es unzählige Gelegenheiten, sich auch für ihre Ideale und für die Belange der kommenden Generation zu Wort zu melden und den Meinungsmachern (Stichwort: alternative Fakten) zumindest eine differenzierte Sichtweise entgegen zu setzen.
    Sie und ihre Partei schaut den Hetzern, Leugnern und Zukunftsverweigerern – ob jung oder alt – leider nur sprachlos zu.
    Schade um die verpassten Gelegenheiten

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