Danke, ihr populistischen Schreckgespenster! Ein Kommentar

In vielen deutschsprachigen Ländern beginnen heute die “Aktionstage politische Bildung”. Zahlreiche Projekte und Aktionen sollen dabei den Bürgern die Politik erklären. Ein hehres Ziel, das leider selten erreicht wird.

BRF-Redakteurin Anne Kelleter

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„Aktionstage Politische Bildung“ – was für ein Klotzwort. Es wirkt so unsexy wie die ehemaligen Revolutionäre, die Ideen von heute noch immer an damals messen und vom hohen Ross aus die Moralkeule schwingen. Und ungefähr so kommen viele Aktionen auch an.

Besonders in einer kleinen Region wie der DG fällt auf, dass sich immer nur die gleichen, wenigen Personen engagieren, egal wie viel Mühe man sich gibt. Doch warum ist das Interesse an solchen Aktionen eigentlich so klein? Politik betrifft uns doch alle, oder?

Nun ja, eigentlich schon. Aber nur weil etwas mich betrifft, heißt das nicht, dass ich mich damit auseinandersetze. Getreu dem Motto: „Never change a running system“ begnügen sich viele mit dem gelegentlichen #Aufschrei oder einem geteilten Tierschutzvideo. Uns geht es ja eigentlich gut, und politisch aktiv sein ist schon aufwändig.

Zum Beispiel: Es ist noch gar nicht so lange her, da waren bunte Haare noch ausreichend, um ein politisches Statement abzugeben. Heute müssen Aktivisten sich schon mindestens ausziehen und anmalen, damit man auf sie schaut. Politisch sein ist also gar nicht mehr so einfach.

Zwei Gründe: Erstens ist Politik ein Geschäft geworden. Wer hoch hinaus will, muss früh anfangen und sich langsam hocharbeiten, wie im Spitzensport. Zusammenhänge in der globalisierten Welt werden außerdem immer vielschichtiger, und schon ein Gemeindepolitiker muss sich für einen neuen Kreisverkehr mit EU-Normen rumschlagen. Zweitens ist Politik für Beobachter nicht leicht zu durchblicken. Wer schonmal versucht hat, einem Bekannten das belgische Staatssystem zu erläutern, weiß das. Aber nicht nur die Struktur, auch die politische Aktualität versteht nur, wer sich fast täglich mit den Themen und Akteuren auseinandersetzt. Das ist vielen zu aufwändig, zumal politische Debatten meistens nicht sehr unterhaltsam sind.

Politische Bildung scheint, wie so vieles im menschlichen Gehirn, eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Das Desinteresse an Politik ist ein echtes Luxusproblem. Weil unsere Gesellschaft vielleicht keine wirklichen Probleme hat und weil die große Politik sich nicht mehr mit den täglichen Problemen der Menschen beschäftigt.

Mit ernsthaften Konsequenzen: Dort, wo die politischen Kenntnisse gebraucht werden, versagen wir. Brexit, Trump, Türkei-Referendum. Eine Liste von Grusel-Entscheidungen, die selbst manche Befürworter heute gerne ändern würden. Populismus ist das Schimpfwort der Gutmenschen für die vermeintlich ungebildeten, die sich nach einfachen Antworten sehnen. Das Schreckgespenst der politisch Korrekten.

Wir sollten ihm danken, diesem Schreckgespenst. Denn der diffuse Hass der Populisten weckt viele Pro-Europäer aus einer Art Dornröschenschlaf. Trumpeltiere wie Le Pen oder Björn Höcke provozieren zum Glück ihren Gegenentwurf. Justin Trudeau, die kanadische Lichtgestalt, ist der erste unter vielen. Der Populismus bringt Reibungsenergie, die die heile Welt mancher wirklich nötig hat. Gut für die Politische Bildung, unsere Debattenkultur zwischen Shitstorm und Herzchen-Smileys braucht dringend Auslauf.

Anne Kelleter

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15 Kommentare
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Werte Frau Kelleter. Ein grossartiger Kommentar, der die aktuelle Situation genau beschreibt. Politik ist zum Geschäft bzw. zum spezialisierten Beruf geworden. Und nur derjenige​ hat Zugang, der über das „richtige“ Diplom und gute Beziehungen verfügt. Für einen Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft​ Ist es aus Zeitmangel fast unmöglich, ein politisches Mandat wahrzunehmen.

  2. Kerstges Angela

    @Marcel Scholzen, Sie werfen auf, warum ist das Interesse a o. e. Aktionen in OB so klein. Haben Sie schon mal an Enttäuschung gedacht ? Z. B. wird OB doch von den „berühmten Typen“ (noch ) regiert? Man kennt deren Namen, einer regiert bzw. er glaubt es noch, aus „“der Unterwelt“. der Andere lässt sich im Netz blicken, wichtig, dass man gesehen wird, verklickert seine Ideen, kritisiert „Klein Olga“ diese, Löschauftrag= Folge.

  3. Dieter Leonard

    Werte Frau Kelleter,
    Wenn sie sich in ihrem Kommentar des gleichen populistisch-herabwürdigenden Jargons bedienen und … eine neue Debattenkultur fordern, verstricken sie sich in ihrer eigenen Argumentation.
    Der Populismus ist kein Schimpfwort oder Schreckgespenst irgendwelcher politisch korrekter „Gutmenschen“ sondern wohl eher der Ausdruck des Scheiterns genau dieser politischen Bildung und der Kurzsichtigkeit hinsichtlich unserer jüngeren Geschichte. Abgesehen davon verfolgen alle Parteien und Politiker populistische Ziele, indem sie versuchen, Menschen (Wähler) für sich, ihre Politik und für ihre Lösungen gesellschaftlicher Probleme zu gewinnen.
    oWorauf es ankommt sind die politischen Inhalte, das politische Projekt und die Lösungen und genau hier muss die Kritik ansetzen.
    Wenn eine Journalistin kundtut, dass es in unserer Gesellschaft wohl keine wirklichen Probleme gibt (ist dies ihr Ernst ?), Justin Trudeau undifferenziert als erste politische Lichtgestalt darstellt und politischen Aktivismus auf Äußerlichkeiten reduziert, befördert sie allerdings genau das selbst beklagte politische Desinteresse.

  4. Jean-Pierre Drescher

    Ich habe kein gutes Gefühl was die franzöischen Präsidentschaftswahlen heute betrifft.

    Wenn dort wie prognostiziert die hochgefährlichen Nazis mit Le Pen die Wahl gewinnen rechne ich mit dem Dritten Weltkrieg wieder einmal ausgehend von Europa.

  5. Peter Schallenberg

    Frau Kelleter wollte wohl etwas schreiben, was „gut ankommt und sich gut anhört“. Genauso liest sich sich das dann auch. Schade, denn die Botschaft geht irgendwo unter resp. widerspricht sich. Journalistischer Populismus!

  6. Mario Meis

    Na, für den Journalisten- Nachwuchs sehe ich keine Besserung für eine ausgewogene Berichterstattung. Die Hetze gegen Andersdenkende wird gnadenlos weitergeführt.Es ist scheußlich, was zur Zeit alles angeprangert wird.
    Vielleicht sollte man mal recherieren, wer die Wortwahl eines Björn Höcke schon vor ihm gewählt hatte und Frau Le Pen will ausländische Kriminielle abschieben
    und will das Frankreich Frankreich bleibt und nicht ausländische Parallelwelten
    entstehen!Ohne Ausländer kann kein Staat überleben.Es kommt auf die Menge
    an, das gilt auch für die Flüchtlinge
    Sollten lieber die Journalisten die Politik von Israel verurteilen oder einen Papst
    der Vergleiche zieht, die einem „rechten“ Politiker negative Schlagzeilen bescheren würden.
    Da wird mit zweierlei Maß gemessen und dann muß man sich nicht wundern, wenn das Wort „Lügenpresse „genannt wird.

  7. Dieter Leonard

    @M. Meis
    Wer es selbst, wie sie Herr Meis, mit dem Wahrheitsgehalt von verbreiteten Kommentaren nicht so ernst nimmt (siehe ihr Kommentar zum Beitrag muslimischer Länder bei der Aufnahme von Flüchtlingen), sollte mit seiner Kritik an der „Lügenpresse“ etwas demütiger umgehen.
    Aber ihr Geschwätz von gestern hat wohl keine lange Halbwertzeit.
    Wenn sie schon geschichtliche Vergleiche bemühen, sollten sie verstanden haben, welches die Wurzeln der Inhalte und Rhetorik eines Björn Höcke und Consorten sind. Wer sich genötigt sieht, diese geistigen Brandstifter zu verteidigen, ist wohl selbst aus der Zeit gefallen.

  8. Guido Scholzen

    Vorläufer und/oder Vorbild dieser rechen Parteien ist natürlich die NSDAP.
    Beispiel: In den 1990er regierte in Kroatien die HDZ, die sich rigoros zur Ustascha-Vergangenheit bekannte und teilweise rehabilitierte; heute ist die HDZ eher gemäßigt und gilt als national-christdemokratische Partei, Teil der Europäische Volkspartei (EVP). Mitte-Rechts eben.
    Warum sollte dies nicht auch für die AfD möglich sein?

    Jetzt meinen vielleicht einige „da ist aber noch immer diese faschistische Tendenz“
    Hat etwa nur der rechte Faschismus Tote im 20.Jh. hinterlassen?
    Und was war mit den linken Ideologien?
    „Die Linke“ gilt als demokratische Partei und ist akzeptiert. Auch die Grünen nahmen viele ehemalige Sozialisten der DDR auf, und heissen darum seitdem BÜNDNIS 90/die Grünen. Sogar deren Gründer waren Marxisten (APO). Ja, Grüne sind öko-Marxisten. Man sieht es an der Energiewende, was eine grüne Planwirtschaft Negatives anregen kann.
    Warum regt sich niemand darüber in den Medien auf?

    das Wort Lügenpresse sollte doch ersetzt werden durch LÜCKENPRESSE.
    Politik+Presse sind auf dem linken Auge blind.

  9. Mario Meis

    Herr Leonard,
    wieso nehme ich es mit der Wahrheit nicht so ernst?
    Wieviel Flüchtlinge haben denn die muslimischen Länder aufgenommen?
    Nein, sie kommen nach Europa, um hier ein besseres Leben zu führen, das ist ihr gutes Recht.
    Dann lesen Sie mal nach, wer die Zitate zuerst gebraucht hat und Björn Höcke
    hat nur nachgeplappert.
    Na, wer war das?
    Ich habe nicht beschrieben, dass es eine Lügenpresse gibt.
    Das ist ein Unterschied, ich nenne Sie Lückenpresse, denn sie berichten nicht alles, aber das kann man nicht auch nicht alles erzählen, es wäre für die Leute schwer zu ertragen.
    Meine Beiträge hier im Forum sind ausgewogen und sinnreich.
    Wer hat denn gefordert, die Grenzen zu schließen und was ist jetzt geschehen?
    Wieso hat „mein Geschwätz “ von gestern keine lange Haltwertszeit?

  10. Dieter Leonard

    @M. Meis
    Vor ein paar Wochen haben sie in diesem Forum behauptet und kritisiert, die muslimischen Länder würden kaum syrische Kriegsflüchtlinge aufnehmen.
    Diese völlig abwegige Darstellung wurde von vs. Kommentatoren richtig gestellt.
    Da sie sie nicht zur Kenntnis nehmen wollen hier noch einmal: von den rund 12 Millionen syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen sind rund die Hälfte im eigenen Land auf der Flucht. 5 Millionen sind in die muslimischen (!) Anrainerstaaten Türkei, Irak, Libanon, Jordanien und Ägypten geflohen und eine Million in die EU.
    Ihre Aussage ist nachweislich falsch und sie wiederholen sie offensichtlich weiter wider besseres Wissen. Was daran ausgewogen oder gar sinnreich sein soll kann ich nicht erkennen. Im Gegenteil. Nicht umsonst sehen sie sich offenbar genötigt, rechtspopulistische Hetzer von Trump über Orban bis Le Pen und Höcke zu verteidigen. Dies hingegen macht angesichts der von ihnen verbreiteten „alternativen“ Fakten durchaus Sinn.

  11. Mario Meis

    Und wieviel Flüchtlingen hat Saudi Arabien und Katar aufgenommen, Herr Leonard?
    Sie müssen genau lesen, was ich schreibe.
    Sie werden doch nicht behaupten wollen, dass die Flüchtlinge in der Türkei und den anderen von Ihnen genannten Ländern gut unterbringen sind, das ist nur eine Durchgangsstation um nach Europa zu kommen, glauben Sie mir das.
    Die Staaten sind bestimmt nicht erpicht, sie zu integrieren!
    Warum hat denn Amerika unter Obama kaum Flüchtlinge aufgenommen?
    Was ist mit Australien ?
    Der Papst hat mal 11! mitgenommen!
    1Millionen in die EU?
    Allein nach Deutschland sind über 1 Millionen gekommen!!!
    Wer weiß, ob das stimmt! Es sind bestimmt viel mehr!

  12. Dieter Leonard

    Ich kann sehr gut lesen, was sie schreiben aber sie wissen offensichtlich nicht, was sie sagen. Es ging um ihre falsche Behauptung, dass kaum syrische Flüchtlinge von muslimischen Ländern aufgenommen wurden. Es ging nicht um den Papst und auch nicht um Obama.
    Dabei geht es auch nicht in erster Linie um die Frage der Integration, sondern um die Frage des Schutzes dieser Menschen.
    Seit Beginn des Bürgerkrieges in Syrien sind rund 600.000 Flüchtlinge nach Deutschland geflohen.
    Ihre Zahlen und deren Interpretation dienen einzig und allein dem Zweck, in populistischer Manier Stimmung zu machen.
    Genau dies haben sie mit den von ihnen geschätzten Rechtspopulisten gemein. Die Wahrheit bleibt dabei auch bei ihnen auf der Strecke.

  13. Mario Meis

    Nein, bei Ihnen bleibt die Wahrheit auf der Strecke, Herr Leonard.
    Woher wissen Sie denn, wieviel syrische Flüchtlinge denn nach Europa gekommen sind?
    Selbst die deutsche Regierung hat zugegeben,dass sie nicht mehr weiß, wieviel Flüchtlinge sich in Deutschland befindet!!Und die belgische weiß es auch nicht!
    Natürlich geht es auch um Integration, denn die bleiben alle hier!
    Man muß der Realität „ins Auge sehen“.
    Das tut Europa aber nicht!
    Für die Flüchtlingslager in den von Ihnen genannten Länder wird übrigens der europäische Steuerzahler kräftig zur Kasse gebeten zusätzlich zu den Kosten, die wir aufbringen müssen für diejenigen, die hierhin gekommen sind.
    Da bleibt dann die Bildung unserer Kinder und die Pflege unserer Alten auf der Strecke….

  14. Jean-Pierre Drescher

    Herr Meis, hätten erstens Merkels Schergen nicht seit spätestens 2015 mit „Refugees welcome“ die Grenze nach Deutschland sperrangelweit auf gemacht und zweitens sich alle EU-Staaten einschließlich Schweden und Belgien zur Entlastung Deutschlands an der vorübergehenden Aufnahme von Asylbewerbern beteiligt anstatt die Grenze gegen den Hauptnettoeinzahler der EU abzuriegeln, wären nicht die Gewaltverbechen incl. Frauenvergewaltigungen in Deutschland laut „PKS“ innerhalb eines einzigen Jahres um mindestens 35 Prozent angestiegen.

    Gelchzeitig ist die BRD als Beispiel für einen failed-state das lang ersehnt gefundene Fressen für alle hochgefährlichen Rechtsextremisten in ganz Europa.

    Alle Beteiligten sollten sich in Grund und Boden schämen für die unzähligen Opfer dieser Gewaltverbrechen bzw. das daurch erreichte Wiederaufleben der längst für überwunden geglaubten ganz hässlichen europäischen Vergangenheit.

  15. Dieter Leonard

    @ JP. Drescher
    @ M. Meis
    Wer sich bei der Beurteilung von gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht auf Fakten, sondern nur auf Mutmaßungen, sein Unwissen, auf sein Gefühl oder gar seine Fantasien verlässt, kommt u.a. zu der absurden Einschätzung, Deutschland sei ein „Failed State“.
    Weder die Verharmlosung der Flüchtlingsproblematik, noch die Dramatisierung der Situation wird der Herausforderung gerecht.
    Bei der Bewältigung dieser Herausforderung geht es darum:
    1. In einem solidarischen Kontext den Kriegsflüchtlingen Schutz zu gewähren.
    2. Einen Beitrag zur Befriedung Syriens zu leisten, u.a. um den Menschen Rückkehrperspektiven zu eröffenen.
    3. Integrationshilfen anzubieten und im Falle fehlender Rückkehrperspektiven auch konsequent einzufordern.
    Die politisch Verantwortlichen haben es versäumt, klar zu stellen, dass die Frage der Aufnahme von schutzbedürftigen Flüchtlingen von der Einwanderungsfrage zu trennen ist. Nicht alle Flüchtlinge können und wollen in Europa bleiben.
    Bei allen syrischen Flüchtlingsfamilien, zu denen ich Kontakt habe, ist die Rückkehr in ein befriedetes Syrien eine Zukunftsoption.

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