„Mese Mariano“ und „Suor Angelica“: Zwei Kurzopern in der ORW

Seit der vergangenen Woche läuft in der Königlichen Oper der Wallonie eine neue Produktion: Die Kurzopern "Mese Mariano" von Umberto Giordano und "Suor Angelica" von Giacomo Puccini werden am selben Abend nacheinander aufgeführt, um den Opernfans eine abendfüllende Vorstellung zu bieten.

Serena Farnocchia in "Mese Mariano" (Bild: J Berger, ORW-Liège)

Serena Farnocchia in "Mese Mariano" (Bild: J Berger, ORW-Liège)

Die Lütticher Oper steht im Moment ganz im Zeichen der Frauen. Die beiden Kurzopern „Mese Mariano“ von Giordano und „Suor Angelica“ von Puccini haben als gemeinsamen Hintergrund das Leben in einem Nonnenkloster beziehungsweise in einem von Nonnen geleiteten Waisenhaus. Dementsprechend sind die meisten Rollen in beiden Opern mit Frauen besetzt, „Suor Angelica“ ist sogar eine der ganz wenigen Opern der Musikgeschichte, die ganz ohne Männer auf der Bühne auskommt.

Darüber hinaus liegt die musikalische Gesamtleitung ebenfalls bei einer Frau: Oksana Lyniv dirigiert zum ersten Mal überhaupt in ihrer großartigen Karriere eine Produktion in Lüttich. Auch die Verantwortlichen für Regie, Bühnendekoration und Kostüme sind Frauen, und das resultiert in einer frischen und dennoch sehr berührenden Opernproduktion, mit zwei Werken von unterschiedlichen Komponisten, die dennoch viele Gemeinsamkeiten haben.

„Mese Mariano“ von Umberto Giordano

Vor der Pause erleben wir „Mese Mariano“ von Umberto Giordano. Diese einaktige Oper entstand 1910 und dauert insgesamt nur etwa 40 Minuten. Grundlage der Handlung ist ein Theaterstück, das Anfang des 20. Jahrhunderts in Neapel sehr populär war. Eine Mutter namens Carmela kommt am Ostersonntag in ein Waisenhaus, um ihren kleinen Sohn zu besuchen, den sie schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen hat. Sie erzählt einer der Nonnen, dass ihr Sohn das Ergebnis einer kurzen sündigen Liebe gewesen sei und dass der Vater des Kindes sie verlassen habe. Später habe sie dann geheiratet, aber ihr neuer Ehemann habe nicht das Kind eines anderen großziehen wollen. Darum habe sie das Kind weggeben müssen. Was die Nonnen ihr aber verschweigen, ist, dass Carmelas kleiner Sohn in der vergangenen Nacht gestorben ist. Die Mutter Oberin behauptet, er probe gerade mit den anderen Kindern für die Messfeier zum Marienmonat und sie könne ihn darum jetzt nicht sehen. Unter Tränen verlässt Carmela daraufhin das Waisenhaus.

„Suor Angelica“ von Puccini

Nach der Pause präsentiert uns die Lütticher Oper dann das einstündige Werk „Suor Angelica“ von Puccini. Puccini kannte natürlich die Kurzoper von Giordano und hat einige Parallelen in seine eigene Oper eingebaut. Auch hier geht es um eine Mutter, die schon seit Jahren von ihrem Sohn getrennt ist, weil er aus einer sündigen Beziehung hervorgegangen ist. Aber bei Puccini ist es die Mutter, die im Kloster lebt. Suor Angelica wurde von ihrer reichen Familie dorthin geschickt, um für ihre Schande zu büßen. Nach sieben Jahren bekommt sie zum ersten Mal Besuch von ihrer fürstlichen Tante, die Angelica dazu überreden will, auf ihren Teil des Familienerbes zu verzichten. Dabei gibt sie ihr auch zu verstehen, dass ihr Sohn vor zwei Jahren an Fieber gestorben ist. Voller Verzweiflung vergiftet sich Suor Angelica danach selbst, um wieder mit ihrem Sohn vereint zu sein. Selbstmord ist natürlich eine Todsünde und sterbend bittet sie die Jungfrau Maria um Vergebung, die die Mutter Gottes ihr im letzten Bild der Oper auch gewährt.

Serena Farnocchia in " Suor Angelica" (Bild: J Berger, ORW-Liège)

Serena Farnocchia in “ Suor Angelica“ (Bild: J Berger, ORW-Liège)

Beide Kurzopern werden in Lüttich von denselben Hauptdarstellerinnen gespielt. Besonders hervorzuheben ist Serena Farnocchia, die in beiden Opern die Rolle der verzweifelten Mutter übernimmt. Sowohl gesanglich als auch schauspielerisch bringt sie die Emotionen der Carmela und der Angelica hervorragend zum Ausdruck. Auch wenn die Opern jeweils nur sehr kurz sind, ist ihre Rolle doch sehr ausgeprägt und die Partitur sehr anspruchsvoll, mit ständigen Wechseln zwischen leisen und lauten, tiefen und hohen Passagen.

Sehr heller und frischer Ton

Ganz allgemein ist der Ton der aktuellen Produktion in Lüttich sehr hell und frisch. Die Musik ist sehr filmisch, fast wie die Begleitmusik bei einem Stummfilm – vergessen wir nicht, dass die beiden Werke 1910 und 1918, also mitten in der Stummfilmzeit, entstanden sind. Das Dekor und die Kostüme sind wunderbar und das Orchester spielt auf hohem Niveau. Ganz besonders hervorzuheben sind die Holzbläser, die in beiden Werken zahlreiche Solopassagen zu spielen haben. Die Musiker der Lütticher Oper gehören zu den besten im Land – das ist auch bei dieser Produktion ganz klar zu hören.

Dirigentin Oksana Lyniv

Bleibt noch die Dirigentin, Oksana Lyniv. Sie hat schon an den größten Opernhäusern der Welt gearbeitet und dirigiert jetzt zum ersten Mal in Lüttich. Mit einer tollen Präzision und viel Dynamik führt sie das Orchester durch die anspruchsvolle Partitur und auch die Tempi sind perfekt gewählt. Hier und da übertönte das Orchester auch diesmal wieder die Solistinnen, aber das kann durchaus an der Akustik des Bühnenhauses liegen – und an der teilweise ziemlich tiefen Lage der Gesangsstimmen.

Alles in allem ist „Mese Mariano“ und „Suor Angelica“ eine sehr schöne und erfrischend andere Produktion der Lütticher Oper. Es stehen noch zwei Aufführungen auf dem Programm – eine am Donnerstag, dem 3. Februar, und die letzte am Sonntag, dem 6. Februar.

Patrick Lemmens