Donizettis „Lucia Di Lammermoor“ in Lüttich

Auch in der Lütticher Oper waren die neuen Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus zu spüren. Zurzeit wird dort die Produktion "Lucia Di Lammermoor" von Gaetano Donizetti aufgeführt.

Donizettis "Lucia Di Lammermoor" in Lüttich (Bild: J. Berger - Opéra Royal de Wa

Donizettis "Lucia Di Lammermoor" in Lüttich (Bild: J. Berger - Opéra Royal de Wallonie-Liège)

Eines vielleicht vorweg: Mit der dritten Produktion der aktuellen Opernsaison hat die Königliche Oper der Wallonie einen absoluten Leckerbissen für Belcanto-Fans programmiert: „Lucia Di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti. Diese Oper, die der Italiener Donizetti 1835 zusammen mit dem Librettisten Salvadore Cammarano schrieb, ist unbestritten ein Meilenstein unter den romantischen italienischen Opern.

Am vergangenen Wochenende sind einige Vorsichtsmaßnahmen in Kraft getreten, die die weitere Verbreitung des Covid-19-Virus einschränken sollen. Davon ist natürlich auch der Kultursektor betroffen. Glücklicherweise ist die Regierung – zumindest vorerst – nicht so weit gegangen, Kulturveranstaltungen abzusagen oder die Zugangsmöglichkeiten weiter einzuschränken. Der Unterschied zu bisherigen Opernaufführungen in Lüttich besteht seit dem Wochenende also vor allem darin, dass jeder Zuschauer seinen Mund- und Nasenschutz auch an seinem Sitzplatz tragen muss und dass während der Pause die Bar der Oper geschlossen bleibt.

Sichtbarstes Zeichen der neuen Maßnahmen auf der Bühne war, dass sämtliche Sängerinnen und Sänger des Opern-Ensembles permanent einen schwarzen Mund- und Nasenschutz trugen, während die Solisten darauf verzichteten. In manchen Szenen führte das meiner Meinung nach zu etwas paradoxen Situationen, wenn zum Beispiel ein unmaskierter Solist inmitten von Dutzenden maskierten Ensemblemitgliedern stand und somit ohne zusätzlichen Schutz seine Rolle spielte – ganz so, als würde das Virus einen Unterschied machen, ob man nun ein Solist oder ein Ensemblemitglied ist.

Verfeindete schottische Adelsfamilien

Aber kommen wir zurück zum Stück selbst. Donizetti basierte sein sogenanntes „lyrisches Drama“ „Lucia Di Lammermoor“ auf dem Roman „Die Braut von Lammermoor“ des schottischen Dichters Sir Walter Scott. Kurz zusammengefasst erzählt es die Geschichte der beiden verfeindeten schottischen Adelsfamilien Ashton und Ravenswood. Lucia Ashton Di Lammermoor liebt den verarmten Lord Edgardo Ravenswood, doch Lucias Bruder Enrico will sie um jeden Preis mit dem wohlhabenden und einflussreichen Lord Arturo Bucklaw verheiraten. Dadurch will er seinen eigenen Wohlstand sichern. Am Ende verliert Lucia aufgrund dieser erzwungenen Ehe ihren Verstand, tötet ihren ungeliebten Ehemann und stirbt kurz darauf aus Verzweiflung über ihre unerfüllte Liebe zu Edgardo. Als dieser vom Tod seiner Lucia erfährt, begeht er Selbstmord, um im Tod wieder mit der Geliebten vereint zu sein.

Fest für alle Sinne

Die Lütticher Inszenierung von „Lucia Di Lammermoor“ ist ein wahres Fest für alle Sinne. Ein Ohrenschmaus ist sie sowieso, mit absolut hervorragenden Solisten in den Hauptrollen, allen voran die tschechische Sopranistin Zuzana Marková als verzweifelte Lucia. Sie überzeugt nicht nur mit ihren gesanglichen Fähigkeiten, sondern auch mit ihrer ausdrucksstarken und glaubwürdigen Darstellung der jungen schottischen Adligen, die langsam aber sicher aus unerfüllbarer Liebe ihren Verstand verliert. Vor der Aufführung am vergangenen Sonntag wurde übrigens offiziell angekündigt, dass Zuzana Marková sich nicht zu einhundert Prozent fit fühlte, wovon dann im Verlauf der Oper aber äußerst wenig zu merken war.

Die weiteren solistischen Höhepunkte setzen der belgische Bariton Lionel Lhote als hartherziger und egoistischer Bruder Enrico und der französische Tenor Julien Behr als Lucias Geliebter Edgardo. Lhote vereinnahmt die Bühne nicht nur mit seinem beeindruckenden Auftreten als befehlsgewohnter Adliger, sondern auch mit seiner großen Klangfülle und Stimmgewalt, die am Sonntag vor allem in der Eröffnungsszene alle anderen Sängerinnen und Sänger in den Schatten stellte. Julien Behr steht ihm in Stimmtechnik und Schauspieltalent in nichts nach, auch wenn in gemeinsamen Szenen mit Lhote seine Tenorstimme vom vollen Bariton des Belgiers hier und da ein wenig in den Hintergrund gedrängt wurde.

Renato Balsadonna dirigiert zum ersten Mal

Das Orchester unter der Leitung des italienischen Dirigenten Renato Balsadonna spielt auf gewohnt hohem Niveau, auch wenn ich persönlich das Gefühl hatte, dass der Dirigent, der übrigens zum ersten mal eine Produktion in Lüttich leitet, noch mehr aus diesem hervorragenden Klangkörper herausholen kann, vor allem was die Dynamik und die Präzision im Zusammenspiel betrifft.

Zum Schluss darf auch das Bühnenbild und die Lichtgestaltung nicht vergessen werden. Die Kombination von beidem gibt der Inszenierung von „Lucia Di Lammermoor“ in Lüttich etwas absolut filmisches und die Kostüme des ausgehenden 17. Jahrhunderts sind einfach nur wunderbar anzuschauen. Man fühlt sich geradezu hineinversetzt in diese Szenerie mit dem dunklen, verfallenen Wohnturm von Edgardo, der prächtigen Burg der Ashtons und dem dazwischen liegenden unheimlichen Wald. Wie gesagt, „Lucia Di Lammermoor“ ist ein Fest für alle Sinne, und ein Besuch von einer der drei verbleibenden Aufführungen lohnt sich mit Sicherheit.

Alle weiteren Informationen gibt es unter operaliege.be.

Patrick Lemmens

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