Premierenkritik: Musikalische Glanzleistung in Lütticher „La Bohème“

Puccinis 'La Bohème' ist gewiss eine der populärsten Opern überhaupt. So mag es nicht verwundern, dass sowohl die Königliche Oper der Wallonie als auch 'La Monnaie' das Werk binnen eines Monats auf die Bühne bringen. Lüttich startete am Freitagabend den Bohème-Reigen mit einer Premiere, die vor allem musikalisch keine Wünsche offen ließ.

La Bohème in Lüttich

Um es gleich vorweg zu sagen: Der Star des Premierenabends war der Dirigent Paolo Arrivabeni. Wie der Chefdirigent der Königlichen Oper der Wallonie sein Orchester durch die Puccini-Partitur führte, das war allerhöchste Kunst. Wunderbar setzte er die dramatischen Akzente und verlieh andererseits der Musik die notwendige sentimentale Seite, ohne in Pathos oder Kitsch zu verfallen.

Und das schöne war: Die Musiker folgten den Intentionen des Maestro mit einer in Lüttich selten gehörten Perfektion und Hingabe. Schon im Orchestergraben – der ja im Palais Opera, dem Ausweichquartier der Lütticher Oper gar kein richtiger Graben ist – erlebt man tolles Musiktheater. Schon dies macht diese Bohème  zum Ereignis.

Auch das Solistenensemble ist durchgehend gut bis sehr gut besetzt. Nach der doch sängerisch etwas enttäuschenden Zauberflöte zeigte Operndirektor Stefano Mazzonis in „seinem“ italienischen Repertoire wieder einmal ein glückliches Händchen. Dabei konnten vor allem die zweiten Partien absolut überzeugen: Sei es Laura Giordano als Musetta, unser Landsmann Laurent Kubla als Schaunard und vor allem Mario Cassi als Marcello.

Anders bei den beiden Protagonisten der Bohème:  Elena Monti als Mimi und Arturo Chacon-Cruz in der Rolle des Rodolfo. Beide verfügen über beglückende Stimmen, Chacon-Cruz über eine sichere und klangschöne Höhe, die Mittellage wirkte gerade zu Beginn ein wenig bedeckt, Elena Monti begeistert mit runder und ausdrucksstarker Stimme, allerdings ist ihre Intonation nicht immer ganz sauber. Aber im Laufe des Premieren-Abends wussten beide sich merklich zu steigern und wurden zu Recht – wie alle Mitwirkenden – mit lang anhaltendem Applaus belohnt.

Die Inszenierung von Jean-Louis Pichon ist sehr traditionell gehalten. Alles spielt in einem Einheitsbühnenbild, das sich dank der Lichtregie von der Künstlermansarde im ersten Akt zu den Außenszenen und wieder zurück ins vermeintliche Mansardeninnere verwandelt. Das ist bei den Gegebenheiten des Palais Opera eine absolut angemessene Vorgehensweise.

Allerdings erschienen die vier mittellosen Künstlerfreunde in ihren eleganten Kostümen alles andere als bedürftig, sondern eher mondän. Überhaupt, bei den Kostümen und dem Bühnenbild liebten die Macher ohnehin die kräftigen leuchtenden Farben. Sicher, Rodolfo schenkt Mimi ein rosarotes Häubchen, aber dass sich die Bühne und vor allem die Kostüme der feiernden Massen im zweiten Akt in eine Orgie in Pink verwandelen, mit einigen kanariengelben und apfelgrünen Tupfern, ging mir ein wenig zu weit.

Insgesamt ist die Lütticher „La Bohème“ eine gelungene Produktion, von der man keine revolutionären Regie-Neuerungen erwarten konnte, aber bei der die Musik voll und ganz zu ihrem Recht kommt. Und das garantiert, zumal bei der hier gebotenen Qualität, einen großen Opernabend. Bis Sonntag steht Puccinis Meisterwerk noch sechs Mal auf dem Programm.

Fotos: Jacques Croisier

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