„La Forza Del Destino“ in der Lütticher Oper

Am vergangenen Donnerstag fand in Lüttich die Premiere der Oper "La Forza Del Destino" statt. Es war kein gewöhnlicher Premierenabend, denn es war das erste Mal seit dem großen Lockdown im März 2020, dass die Sänger und Musiker der Lütticher Oper wieder eine komplette Produktion vor Publikum aufführen konnten.

"La Forza Del Destino" in der Lütticher Oper (Bild: Opéra de Wallonie Liège)

"La Forza Del Destino" in der Lütticher Oper (Bild: Opéra de Wallonie Liège)

Nomen est omen – Es hätte wohl kein besseres Stück geben können, um die neue Opernsaison in Lüttich zu eröffnen: „La Forza Del Destino“ von Giuseppe Verdi, zu deutsch „Die Macht des Schicksals“. Das Schicksal hatte es ja in den vergangenen 18 Monaten nicht gut mit uns gemeint. Unter den am schlimmsten von der Covid-19-Pandemie betroffenen Sektoren war und ist immer noch der Kunst- und Kultursektor. Zwar hat man sich in der Zwischenzeit mit Live-Streams im Internet und Fernsehaufzeichnungen vor leerem Saal beholfen, um zumindest ein Minimalangebot an Kultur aufrecht zu erhalten, aber sowohl für die Sänger und Musiker als auch für die Musikliebhaber zu Hause an den Bildschirmen war das kein Ersatz für die Atmosphäre im Konzertsaal oder im Opernhaus.

Der im Februar diesen Jahres plötzlich und unerwartet verstorbene Intendant der Lütticher Oper, Stefano Mazzonis di Pralafera, hatte die jetzt eröffnete Saison 2021-22 bereits lange vor seinem Tod vorbereitet und ganz bewusst Verdis „La Forza Del Destino“ als erste Produktion programmiert, nachdem die vergangene Spielzeit, in der die „Opéra Royal de Wallonie“ ihr 200-jähriges Bestehen feiern sollte, quasi vollständig der Pandemie zum Opfer gefallen ist.

Am vergangenen Donnerstag fand sie dann statt, die Premiere der ersten Opernproduktion der „Nach-Corona“-Saison. Die Hauptrollen bei „La Forza Del Destin“ in Lüttich sind wie üblich hervorragend besetzt. Star des Abends war ganz klar die Sopranistin María José Siri als Donna Leonora – sie überzeugte nicht nur mit einer enormen musikalischen Dynamik und ihrer ergreifenden Emotionalität, sondern auch mit ihren schauspielerischen Fähigkeiten. Schauspielerisch hervorragend war auch der Tenor Marcelo Álvarez als Don Alvaro, und nach einem kurzen Auftritt zu Beginn des ersten Aktes, wo sein Schauspiel sogar seine stimmlichen Qualitäten etwas in den Schatten stellte, kamen dann im dritten und vierten Akt auch sein voller Klang und sein großer Tonhöhenumfang zur Geltung. Die dritte Hauptrolle, die von Donna Leonoras rachsüchtigem Bruder Don Carlo, wurde vom Bariton Simone Piazzola großartig personalisiert. Genau wie Marcelo Álvarez ist diese „La Forza Del Destino“ sein erstes Engagement an der Lütticher Oper, und er hat seine Feuertaufe am Donnerstag souverän gemeistert. Hervorragend waren auch die Darbietungen von Michele Pertusi als Klostervorsteher Guardiano, Enrico Marabelli als der launische Mönch Fra Melitone und Nino Surguladze als die Wahrsagerin Preziosilla.

Mit Schwung und Leidenschaft musiziert

Ganz besonders hervorheben möchte ich auch das Orchester der Opéra Royal de Wallonie, das unter der Leitung von Maestro Renato Palumbo mit einem Schwung und einer Leidenschaft musizierte, dass es eine Freude war. „Freude“ ist wohl das richtige Stichwort, denn es war deutlich zu spüren, dass die Musiker begeistert waren, endlich wieder vor vollem Haus spielen zu können und zu dürfen. Großes Lob gebührt auch den Solisten des Orchesters, die die zahlreichen langen Solopassagen für Cello, Klarinette und Violine in Verdis Partitur mit großartiger musikalischer Emotion erfüllten. Die Euphorie und Begeisterung des Orchesters konnte hier und da auch schon einmal die Überhand nehmen, wenn Blech und Schlagwerk bei einigen wenigen Gelegenheiten die Sänger auf der Bühne etwas überstimmten. Aber es war wie gesagt eine Freude auf der ganzen Linie, die Begeisterung der Sänger und Musiker live im Publikum miterleben zu dürfen.

A propos Sänger: Auch das Ensemble der Lütticher Oper lieferte eine solide Leistung ab, obschon man ab und zu den Eindruck haben konnte, dass die Sängerinnen und Sänger es nicht mehr so gewohnt waren, neben dem Gesang auch noch zu schauspielern. Bei einigen Gelegenheiten war das Zusammenspiel zwischen Orchester und Ensemble nicht perfekt, oder war der Gesang nicht kraftvoll genug, um gegenüber dem begeistert musizierenden Orchester bestehen zu können.

Alles in allem ist „La Forza Del Destino“ in Lüttich eine tolle Produktion geworden, nicht zuletzt auch dank der lebendigen Choreografie von Gianni Santucci und des wunderschönen Bühnenbilds und der Lichtführung. In den nächsten zwei Wochen sind insgesamt vier weitere Aufführungen der Oper geplant. Alle Informationen gibt es auf der Webseite der Oper unter operaliege.be.

Patrick Lemmens