„Märchen vom Zaren Saltan“: Bewegender Saisonabschluss in der Brüsseler Oper La Monnaie

Die Brüsseler Oper La Monnaie wartet zum Saisonabschluss mit einer Rarität auf: Das Märchen vom Zaren Saltan von Nikolai Rimsky-Korsakoff. In Russland gilt diese Oper als eine der beliebtesten Märchenopern. Bei uns hat sich das Werk nicht durchsetzen können, aber diese neue Produktion in Brüssel ist ein absoluter Geniestreich, der jeden berühren muss.

Zar Saltana La Monnaie

Bild: Forster/La Monnaie

Dies ist ein Opernabend, den keiner so schnell vergessen kann. Ein grandioses Zusammenspiel von Musik, Gesang, Schauspiel und Video. Alles geht sich selbst erschließend ineinander über, stellt Fragen und ist dabei auch noch ein musikalischer Hochgenuss. So soll Oper sein, so ergibt Musiktheater eine tiefen Sinn, lässt uns noch stunden-, wahrscheinlich tagelang nicht los. Doch der Reihe nach.

Das Spiel beginnt schon bevor der erste Ton aus dem Orchestergraben erklingt. Eine Mutter und ihr Sohn treten durch eine schmale Tür vor den goldenen Vorhang. Man merkt gleich, mit dem Jungen stimmt was nicht, und die Mutter erzählt, dass ihr Sohn nicht spricht, und wenn, dann nur mit ihr. Der Sohn ist Autist, lebt in seiner Welt: eine Armee kleiner Zinnsoldaten, deren Positionen er immer wieder justiert, ein Eichhörnchen, eine kleine weiße Prinzessin. Figuren, denen wir dann auch in der Oper selbst begegnen werden.

Wie Svetlana Aksenova und Bogdan Volkov dies darstellen, mehr noch, in Gestik und Mimik durchleben, ist unglaublich berührend, das ist so wahrhaftig, und niemals hat man als Betrachter das Gefühl voyeuristisch die Szene zu beobachten, nein, man empfindet gleich eine große Empathie.

Und dann hebt die wunderbare Musik von Nikolai Rimsky-Korsakoff an und es beginnt das Märchen vom Zaren Saltan. Es beginnt wie Aschenputtel: Militrisa ist die jüngste von drei Schwestern und wird vom Zaren zum Unmut ihrer eitlen Schwestern zur Zarin erhoben. Sie bekommen einen Sohn, aber durch eine Intrige wird sie gemeinsam mit ihrem Sohn vom Hof gejagt. Nach einer tumultvollen Fahrt in einer Tonne über wild schäumende Meere erreichen die beiden eine Insel, auf der der Sohn, der Zarewitsch also, sich in eine Prinzessin verliebt, die zuvor als Schwan von einem Geier verfolgt wurde und den der Zarewitsch gerettet hatte. Dann geht es zurück in die alte Heimat, der Zarewitsch möchte und wird den Vater kennen lernen.

Der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov hat diese beiden Handlungsstränge so genial miteinander verwoben, dass sie von einer selbst redenden Logik sind, selten fühlt man sich den Personen auf einer Opernbühne so nahe, lebt jeden Moment mit ihnen. Die Kostüme sind ein Mix aus bunten traditionellen Kleidern und Mänteln, die in ihrer Opulenz karikatural überspitzt sind, sowie Alltagskleidung für Mutter und Sohn. Im letzten Bild sind wir dann in der Realität angekommen und selbst der Hofstaat des Zaren hat die farbenfrohen Phantasiekostüme abgelegt.

Die Handlung wird fast ausschließlich vor dem Vorhang gespielt, aber auf den Vorhang werden Zeichnungen oder noch korrekter gesagt ein Zeichentrickfilm projiziert, meist aus Kreidezeichnungen, oder mit feinem Stift gezeichnet, die sich magisch in das Geschehen einbinden. Die Darsteller werden zeitweise direkt ins Bild einbezogen. Das sind unglaublich schöne Bilder und eine technische Meisterleistung für deren Realisierung ein Team um Gleb Filshtinsky verantwortlich ist. Nur ab und zu kommt hier Farbe ins Spiel, immer dann, wenn die Prinzessin, die vormals ein Schwan war, im wahrsten Sinne des Wortes ins Bild kommt, dann geht auch im übertragenen Sinne die Sonne auf.

Diese Inszenierung ist für mich die schönste und berührendste der gesamten Opernsaison. Dazu tragen auch die Stimmen und das grandiose Orchester bei. Dass Brüssels Chefdirigent Alain Altinoglu ein Meister des russischen Repertoires ist, hat er schon vor einigen Jahren bei Rimsky-Korsakoffs „Le Coq d‘Or“ gezeigt, aber diesmal ist es noch ergreifender. Die Musik leuchtet förmlich, die Tänze sind von einer Leichtigkeit, allen voran der berühmte Hummelflug, der den dritten Akt nahezu komplett in allen Facetten durchzieht und dann wird die Musik von einer lyrischen Melancholie gepackt, die einen unmittelbar anspricht. Neben den schon erwähnten Svetlana Aksenova als Zarin und Bogdan Volkov als Zarewitsch müssten alle weitere Protagonisten genannt werden, denn alle spielen und singen auf allerhöchstem Niveau. Stellvertretend möchte ich den sonoren Bass Ante Jerkunica als Zar Saltan und die traumhaft schöne Stimme von Olga Kuchynska als Schwanenprinzessin hervorheben.

Noch bis zum 29. Juni steht das „Märchen vom Zaren Saltan“ auf dem Spielplan von La Monnaie. Es gibt für einzelne Termine noch Restkarten. Nutzen sie die Chance, diese Opernproduktion ist ein Abend voller magischer Momente, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

Hans Reul

Kommentar hinterlassen
Keine Kommentare
Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150