Biggis ESC-Tagebuch: Die Teilnehmer des zweiten Halbfinales

Am Dienstag sind die ersten zehn Qualifikanten für das große ESC-Finale am Samstagabend ermittelt worden. Belgien ist leider mit dem Titel "Wake Up", gesungen von Eliot, ausgeschieden. Am Donnerstag heißt es für weitere achtzehn Nationen: Hoffen und bangen, dass auch ihr Land von den Moderatoren aufgerufen wird. Und das sind die achtzehn Titel.

Die ESC-Halle in Tel Aviv (Bild: Stefan Ball)

Armenien – Irland – Moldau – Schweiz

Sie kann singen und zeigt es auch. Srbuk aus Armenien geht raus und ist da. „Walking out“ ist modern inszeniert, in rot, schwarz und zerbrochenem Spiegel, mit Trockeneis-Nebel als Sahnehäubchen. Aber hätte es die Feuerfontänen tatsächlich auch noch gebraucht? Weniger kann mehr sein. Wer eine solch kraftvolle Stimme hat, der braucht gar nicht so viel Show. Das kann nur vom Lied bzw. Gesang ablenken. Auch wenn das zweite Halbfinale das weitaus Stärkere ist, das sollte reichen. Armenien ist in jedem Fall ein starker Auftakt.

Wer auf Roy Lichtenstein steht, dem wird wahrscheinlich auch diese Inszenierung von Irland gefallen. Und sonst: Sarah McTernan hat eine gute Figur und sie kann rotes Leder (oder so etwas Ähnliches) außerordentlich gut tragen. Tief ausgeschnitten, kein Problem. Auch die beiden „rosa“ Co-Sängerinnen haben schöne Kurven. Der Song heißt „22“. Dabei geht es zwar um eine Hausnummer, aber spätestens nach genau so vielen Sekunden wird es langweilig. Der Text ist ziemlich schnell mit seiner Botschaft am Ende. Da hilft es dann auch nicht mehr, sich auf der Theke der 50er Jahre Milchbar zu räkeln und von der Decke fotografieren zu lassen.

Moldau hat ein tolle Performance und einen ausdrucksstarken Song. Anna Odobescu wird damit auf jeden Fall in Erinnerung bleiben. Auch wenn die Sandmalerei nicht neu ist (Ksenija Simonova hat schon den ukrainischen Beitrag 2011 in Düsseldorf beeindruckend untermalt), „Stay“ hat endlich mal einen Refrain, der im Ohr bleibt und das Finale verdient hätte. Bei den Proben hab ich dann leider gesehen, dass die Sandmalerei zurückgespult wird.  Kann das denn wahr sein? Erst klauen sie uns den Dirigent samt Orchester und jetzt noch die Illusion, dass alles jederzeit entstehen und auch schief gehen kann!

Zu den ESC-Partyhits wird von nun an „She Got Me“ aus der Schweiz gehören! Die Frage ist nur: Warum heißt der Song nicht „Dirty Dancing“? Luca Hänni erfüllt alle Erwartungen und hat gute Chancen, ganz oben dabei zu sein. Kleines Minus: „Fuego“ aus dem letzten Jahr lässt grüßen. Aber was ist schon neu, Dirty Dancing gibt es ja auch schon seit 1987. Zu Beginn der Proben waren die Tänzer noch nicht synchron, aber das wird spätestens bis zum Juryfinale klappen. Luca Hänni jedenfalls ist schon jetzt in Topform.

Lettland – Rumänien – Dänemark – Schweden

Aus dem Song von Carousel aus Lettland könnte etwas werden! Das Lied hat etwas, aber zum Erfolg fehlt noch einiges. Die rauchige Stimme von Sabine Zuga passt perfekt zu „That Night“, aber es fehlt der Sängerin die Lockerheit. Auch aus der optischen Umsetzung ließe sich noch mehr rausholen. Da der Song sich gegen Ende sehr wiederholt, müsste wenigstens optisch etwas passieren. Jedenfalls hat der Auftritt Lettlands etwas von Lagerfeuerromantik am See in einer lauen Sommernacht – ehrliche, glaubwürdige Musik.

Rumänien hat während der Proben verschiedene Bühnen-Setups ausprobiert und es scheint, dass jetzt das endgültige Bühnenbild steht. Die Tänzer agieren mit Ester Peony in der Mitte der Bühne (auch hier finden Lederriemen im Outfit ihre Fortsetzung, wir erinnern uns an Island). „On A Sunday“ wird jetzt auch kameratechnisch flüssiger in Szene gesetzt – die Schnitte passen besser zum Rhythmus. Bei der eingesetzten Pyrotechnik wird allerdings meines Erachtens sehr übertrieben: Viel Feuer, Flammen und goldener Sprühregen, was sich dann in ein Meer aus rosa Blumen verwandelt, lenken einfach nur vom Song ab.

Ein riesiger Stuhl auf der Bühne, Regenbogen und Sonne. Leonora aus Dänemark steigt zum Himmel auf. Ist da die Liebe? Es ist heile Welt pur, es ist Kitsch, aber es ist einfach wunderbar. Unglaublich viel Charme. „Love is forever“ ist wirklich ein Lied im klassischen Sinn. Ein Lied, das berührt und zum Mitwippen einlädt. Schunkeln und sich in den Armen liegen, das ist Eurovision. Die Hoffnung für alle auf „ein bisschen mehr Frieden“, diesmal aus Dänemark.

Wird Schweden wieder in Israel gewinnen? Die Kamera ist ganz dicht auf John Lundvik gerichtet, der am Anfang noch alleine auf der Bühne steht. Fast wie der Erlöser steht Lundvik plötzlich im goldenen Licht. Das ist vielleicht ein wenig zu viel, bei der ansonsten perfekten Inszenierung. Großartige Bühnenpräsenz, mitreißender Groove. Dann kommen die Background-Sänger dazu, die an die Weather Girls erinnern, der Song nimmt noch stärker an Fahrt auf. Nur Licht und Sound, keine überflüssigen zusätzlichen Effekte. Die Schweden können es einfach und liefern 100-prozentig ab.

Österreich – Kroatien – Malta – Litauen

Paenda, die steirische Sängerin mit den auffallend blau gefärbten Haaren, ist eine wahre Allrounderin. Die diplomierte Musikerin singt nicht nur ihre selbst geschriebenen Lieder, sie produziert diese auch selbst und hat bereits zwei Alben veröffentlicht. Auf der Bühne macht sie ihre Sache wirklich gut. Nur ein Barhocker auf der Bühne und Licht. Weniger kann manchmal mehr sein. Die Kamera kreist um die Sängerin. Das gibt ihr eine starke Präsenz. Allerdings: Nicht jedes Bild und jeder Schnitt sitzt oder wirkt gelungen. Noch ist es aber nur eine Probe! In Paendas Gesicht kann man lesen, sieht ihre Gefühle. Und sie wird von Probe zu Probe besser. Plötzlich scheint auch für Österreich das Finale greifbar.

Hilfe! Feuer, Lava – es ist wie ein Ausflug in einen Vulkanpark in der Eifel. Roko aus Kroatien im weißen Anzug, zunächst ohne Engelsflügel. Aber dann werden auf die Leinwand männliche Engel projiziert, die von Jean-Paul Gaultier entworfen sein könnten. Sie erscheinen auch leibhaftig auf der Bühne, bevor sie wieder in der Projektion davon schweben. Davor legen sie Roko natürlich Flügel an. Und die ganze Bühne wird zum Himmel. Komponiert wurde „The Dream“ von dem Kroaten Jacques Houdek, der 2017 im Finale in Kiew den 13. Platz erreichte.

Michela aus Malta hat in ihrer Wohnung ein Chamäleon. Wenn sie die Tür aufmacht, fließt das Meer ins Zimmer und wird zum Aquarium mit Fischen und Korallen. Aber das Chamäleon bringt sie auch in die Wüste oder oder in den Regenwald. Schließlich schwebt es sogar auf einer Wolke im Himmel über sie und ihre Freunde hinweg. Chamäleon in Großbuchstaben steht schließlich da. Ziemlich kitschig, wenn auch mit einem gewissen Zauber. Für das Finale wird es wohl aber nicht reichen.

„Run With The Lions“ singt Jurij Veklenko aus Litauen. Dabei rennt keine einzige Wildkatze über die Bühne und es wird auch keine auf den Hintergrund projiziert. Und das ist auch gut so. Jurij singt im rotgelben Licht und manchmal steht er fast im Dunkeln. Nachdem der Song noch vielversprechend startet, bleibt er dann doch ein wenig auf der Strecke. Nicht sehr abwechslungsreich, das Lichtdesign ist ok, aber auch nicht mehr. „Gut gebrüllt Löwe“ geht anders.

Russland – Albanien – Norwegen

Einer der Topfavoriten ist Russland. Das ist ganz großes Kino und alles ist perfekt. Was man doch aus einem mittelmäßigen Popsong rausholen kann, wenn Meister am Werke sind. Filipp Kirkorow, skandalumwitterter russischer Sänger, Komponist und Produzent, hat eine Inszenierung erschaffen, die eine nachvollziehbare Dramaturgie hat. Auf Spiegeln werden Kopien von Sergey projiziert. Dann Blitz und Donner. Was selten gelingt: Trotz raffinierter Technik und satten Lichteffekten bewegt der Song. Das liegt an der herausragenden Stimme und Performance von Sergey Lazarev, der wie Kirkorow alle Register zieht. Sexappeal eingeschlossen. „​Scream“ ist eine großartige Show! Hatte 2016 „You’re The Only One“ nur das Televoting gewonnen, soll in diesem Jahr auch die Jury überzeugt werden, sodass es für den Sieg reichen könnte.

Jonida Maliqi aus Albanien singt in der Landessprache. Es ist ein Klagesang. Es geht darum, in sein Land zurückzukehren, weil dort ein Herz auf einen wartet. Heimweh. Eine beeindruckende, gewaltige Stimme. Die Show ganz auf die Sängerin zugeschnitten.Volkstümlich, traditionsbewusst, aber auch irgendwie modern. Das Kleid in Gold und Schwarz passt zum Auftritt. Wie schön wäre es doch, wenn auch ein solcher Titel am 18. Mai zu hören wäre. Das Finale hätte Jonida Maliqi in jedem Fall verdient.

Am Ende steht da ein Hirsch, dessen Geweih grünmetallisch funkelt. Keiino aus Norwegen liefern wie erwartet. Gesanglich sicher und solide inszeniert. Dafür gibt es von den norwegischen Fans auch viel Applaus schon bei den Proben. Ein sympathischer Auftritt, der auffällt. Es gelingt, moderne Klänge und Folklore zu mischen und einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Schneelandschaften, Nordlicht, etwas Nebel und zum Schluss Feuer, da muss das Eis schmelzen.

Niederlande – Nordmazedonien – Aserbaidschan

Der Soundcheck zieht sich vor jeder einzelnen Probe hin. Da soll nichts dem Zufall überlassen werden. Seit Wochen führt Duncan Laurence aus den Niederlanden die Wettquoten an und die Chancen für einen Sieg mit „Arcade“ stehen sehr gut. Schlichte Inszenierung, nur die Stimme zählt. Der Sänger sitzt fast im Dunkeln, nur ein leichtes bläuliches Licht, das reicht, um die wichtige Textzeile „Loving you is a losing game“ zu unterstreichen. Gefühlvoll, authentisch und musikalisch abwechslungsreich, herausragend gesungen. Schön wäre ein richtiger Flügel statt eines unromantischen Keyboardes.

Nach den Niederlanden gleich noch eine Ballade. Ob es eine gute Idee ist, Nordmazedonien direkt nach dem Topfavoriten zu platzieren? Das macht es sicher für Tamara Todevska nicht leichter, sich für das Finale zu qualifizieren. Verdient hätte es der Song über die Liebe einer Mutter zu ihrer Tochter ohne Frage. An jemanden glauben, loben und nicht immer Kritik üben. Eine klare Botschaft: Proud – ich bin stolz auf Dich. Nordmazedonien beginnt genauso schlicht wie die Niederlande, dreht dann aber auf, musikalisch und mit Lichteffekten. Als wolle sie ihre Worte unterstreichen, sehen wir in Spiegeln sechs Tamaras von hinten. Dann werden diverse Fotos von Müttern und Kindern projiziert. Klare Ansage: Steh auf und sei stolz, Mädel.

Chingiz aus Aserbaidschan singt „Truth“ und wenn es um die Wahrheit geht, operiert man am besten mit Roboterarmen und Laserstrahlen am offenen Herzen, solange, bis das Herz in 1.000 Stücke zerbricht. Was für Projektionen, die von dem ablenken, um das es geht. Vom Künstler und seinem Gesang. Schade, denn der sieht nicht nur super aus, was ihn bei vielen Fans zum Darling macht, sondern hat Präsenz und ist stimmlich sicher. Als sei es mit der Operation noch nicht genug, kommt auch noch das Profil einer Frau in Übergröße – dazu die Textzeile „She is a killer“. Und das Dreieck mit hellblauen Leuchtstreifen nicht zu vergessen. Der Song bleibt in Erinnerung – so viel ist sicher.

So, das war ein Überblick über die Songs im zweiten Halbfinale. Am 16. Mai zirka um Mitternacht steht das komplette Finale fest. Ich berichte weiter …

Biggi Müller

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